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Vermischtes

Gewalt in Kinderpsychiatrie: Landschaftsverband entschuldigt sich

Donnerstag, 9. Februar 2017

Münster – Wo heute eine moderne Kinder- und Jugendpsychiatrie steht, litten Kinder bis in die 1980er-Jahre hinein unter Gewalt und Missbrauch. Der Klinikträger Landschafts­ver­band Westfalen-Lippe (LWL) hat die dunkle Geschichte des St. Johannes-Stifts in Mars­berg mit Opfer-Interviews aufgearbeitet. Anhand von zahlreichen Zeitzeugen-Inter­views zeigen Historiker jahrzehntelange Gewaltexzesse und Miss­hand­lungen in der da­mals größten westfälischen Kinder- und Jugendpsychiatrie auf. Die Ergebnisse der Auf­arbeitung stellten die Forscher heute in Münster vor.

Die Berichte machen deutlich, dass junge Menschen zwischen 1945 und 1980 in der staatlichen Einrichtung im sauerländischen Marsberg misshandelt und brutal bestraft wurden, um den reibungslosen Ablauf der Verwahranstalt zu sichern. „Hier sollten Kinder geheilt werden. In Wirklichkeit war es eine Stätte größten Kinderleids“, sagte LWL-Direk­tor Matthias Löb. In dem Stift im Sauerland waren zeitweise mehr als 1.100 junge Men­schen untergebracht. Gewalt sei hier zwar nicht allgegenwärtig, aber doch mehr als der Ausnahmefall gewesen, unterstrichen die Forscher.

Seit 2013 widmet sich der LWL wissenschaftlich der Aufarbeitung der Misshandlungen. Bei einer Kontaktstelle des Verbandes haben sich seither mehr als 100 ehemalige Be­wohner von LWL-Einrichtungen und ihre Angehörigen gemeldet und Gewalterfahrungen geschildert.

Die für die Studie intensiver befragten Opfer berichteten etwa, wie sie ihr eigenes Erbro­che­­nes essen mussten, mit Arzneimitteln sediert oder unter Aufsicht der Ordens­schwes­tern zu gegenseitigen Prügeleien angestachelt wurden. Auch sexueller Miss­brauch durch äl­tere Patienten sei geduldet gewesen. Belege für systematische Medika­mententests an Kindern fanden die Historiker bislang nicht. Dies solle aber tiefergehend untersucht wer­den, betonte der LWL.

Auch der rheinländische Schwesterverband LVR kündigte heute an, die Aufarbeitung zu früheren Medikamententests vorantreiben zu wollen. So soll beispielhaft der Umgang mit Medikamenten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Verbandes in Viersen zwischen 1945 und 1975 untersucht werden. In der Klinik gebe es noch umfangreiche Aktenbe­stän­de aus der Zeit.

Die kommunalen Landschaftsverbände – ihrerseits Träger zahlreicher Psychiatrien im Land NRW – reagieren mit Nachforschungen zu Medikamententests auf erste Ergeb­nisse einer wissenschaftlichen Studie zu bundesweit 50 Versuchsreihen mit Medikamen­ten an Heimkindern. In NRW soll in mindestens fünf Einrichtungen Arznei an Kindern und Jugendlichen getestet worden sein. © dpa/aerzteblatt.de

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