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Politik

„Softwareanbieter werden sich das wieder gut bezahlen lassen“

Freitag, 10. Februar 2017

Köln – In einem offiziellen Schreiben an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat der Vor­sitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, auf Mängel in der angestrebten Novelle des Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetzes (AM-VSG) hingewiesen. Im Rahmen der künftig via Arztinformationssystem beabsichtig­ten Übermittlung der Nutzenbewertung an die Ärzte befürchtet der KBV-Vorsitzende di­rigistische Fehlentwicklungen sowie Zusatzkosten für die Anpassung der Praxisverwal­tungs­systeme. Gassen bekräftigte das KBV-Ansinnen, der Körperschaft des öffentlichen Rechtes endlich die Entwicklung von Praxisverwaltungssoftware zu ermöglichen.

Fünf Fragen an Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesver­einigung.

DÄ: Bisher wurde der KBV verwehrt, ihr Know-how im Bereich der IT-Technologien in die Entwicklung von Pra­xisverwaltungssoftware umzusetzen. Was lässt auf eine Änderung dieser wettbewerbsrechtlich motivierten Absa­ge hoffen?
Andreas Gassen: Es ist mittlerweile – so ist jedenfalls mein Eindruck – bis in die Politik vorgedrungen, dass ge­setzliche Vorgaben von manchen Unternehmen dazu genutzt werden, um auf Kosten der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen Gewinne zu maximieren. Das hat zumindest für ein Nachdenken gesorgt.

DÄ: Der Ärger der Ärzte über das Feld Verwaltungssoftware ist bekannt. Was sind hier die größten Baustellen zu Änderung der Sachlage?
Gassen: Es geht leider stets um die Zusatzkosten für die Anpassung der Praxisverwal­tungs­systeme. Das ist bei der vom Gesetzgeber gewollten Einführung des Medikations­plans der Fall gewesen und wird leider – zumindest befürchten wir das – bei der Umset­zung des von der Politik gewünschten Arztinformationssystems auch wieder passieren: Einige – ich betone nicht alle – Softwareanbieter werden sich das wieder gut von den Niedergelassenen bezahlen lassen.

Ein anderes Problem sind die verschiedenen und diversen Schnittstellen, die nicht kom­patibel untereinander sind. Das Problem könnten wir mit einer verbindlichen Schnittstelle für alle Anbieter lösen.

DÄ: Bisher ist Erstellung, Weiterentwicklung und Pflege von Software im Gesundheits­wesen gewerbliche Angelegenheit der Industrie. Was berechtigt KBV und KVen Ihrer Mei­nung nach dazu, ihre Zuständigkeit im IT-Bereich des Gesundheitswesens auszu­deh­nen? 
Gassen: Ich finde schon, dass man darüber nachdenken kann, ob die in Ihrer Frage beschriebenen Aufgaben nicht Aufgaben einer Körperschaft wie der KBV sein könnten. Immerhin handelt es sich oftmals um die EDV-mäßige Umsetzung gesetzlicher Auf­gaben.

DÄ: Welche Vorteile hätten Deutschlands Ärzte durch diese zusätzliche Obliegenheit kör­perschaftlicher Interessensvertretung?
Gassen: Sie hätten zwei ganz praktische Vorteile: Eine deutlich verringerte Kosten­belas­tung durch Software-Anpassungen sowie die Möglichkeit, durch einander kompatible Schnittstellen leichter die Praxisverwaltungssysteme zu wechseln.

DÄ: Vorausgesetzt, Sie finden in der Politik für Ihren Vorschlag ein offenes Ohr: Rechnen Sie mit Widerstand seitens der gewerblichen Industrie?
Gassen: Um es deutlich zu sagen: Ich habe nicht vor, eine Konkurrenz zu den auf dem PVS-Markt agierenden Unternehmen aufzubauen. Aber ich halte es für wichtig, die Ärz­tinnen und Ärzte finanziell zu entlasten und – wenn dies die Industrie nicht macht – zu­mindest Schnittstellen zu entwickeln und anzubieten, die zwischen den Programmen kom­patibel sind. © mis/aerzteblatt.de

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Medizyniker
am Montag, 13. Februar 2017, 10:55

Softwareentwicklung ist aufwendig

Zur Softwareentwicklung gehören Produktmanager, die gesetzliche Vorgaben in ein Konzept gießen, Entwickler, die das Konzept in ein Programm umsetzen, Leute in der Qualitätskontrolle, die aufwendige Tests durchführen, Projekt- und Supportmitarbeiter, die den Kunden bei der Einführung neuer Programm-Module unterstützen und jemanden, der die Dokumentation dazu schreibt. Entwicklung ist bei der Komplexität der Vorgänge im Gesundheitswesen keine One-Man-Show. Entsprechend muss ein Software-Unternehmen gewisse Preise verlangen können. Im übrigen wird sich Herr Dr. Gassen seinen Job auch gut bezahlen lassen ...

Ein G'schmäckle gibt es noch dazu: Die KBV hat nach dem SGB die 'Hoheit' über die Anbieter. Sie legt für Abrechnung, Verordnung, Formularbedruckung, DMP-Dokumentation und vieles mehr die Zulassungskriterien fest und ruft in regelmäßigen Abständen die Anbieter von Arztsoftware zur (Re)Zertifizierung auf (übrigens auch nicht kostenlos). Wenn die KBV nun selbst in den Markt der Arztsoftwareanbieter eintreten würde, sehe ich hier einen erheblichen Interessenskonflikt.
Herz1952
am Samstag, 11. Februar 2017, 18:51

Was nützt den dem Patienten der ganze Medikationsplan....

....wenn es weiter die verdammten Rabattverträge der Krankenkassen gibt?

Ich habe erst kürzlich 2 Medikamente bekommen (Irbesartan und Metoprolol succ.), die fast vollkommen gleicht aussehen, wenn sie aus dem Blister herausgenommen sind.

Dann soll wohl auch noch die Betrugssoftware des G-BA hinzukommen mit den falschen Angaben von Nutzen und Zusatznutzen (..nicht vorhanden,...nicht vorhanden).

Ein Appell an alle Ärztinnen und Ärzte: Der G-BA hat in einer Pressemitteilung von 2011 mitgeteilt, dass er nicht für die Einzelfallbewertung zuständig ist.

Diese Pressemitteilung habe ich auf keiner Seite irgendeiner KV gefunden und auch auf der Seite der "Landesärztekammer Bayern" habe ich vergeblich danach gesucht.

Man kann kranke Menschen auch zu Tode sparen.
Alexander Wilms
am Samstag, 11. Februar 2017, 15:05

Herr Gassen und die "Mauer nach Mexiko"

Die Ärztezeitung berichtet ebenfalls am 10.02., dass sich Herr Gassen sehr wohl die Entwicklung einer kompletten Praxissoftware vorstellen kann - er habe "da viel Fantasie". Leider bleibt Herr Gassen uns die Antwort schuldig, was genau er entwicklen möchte und um welche Schnittstellen es hier geht. Zwar ist es richtig, dass Schnittstellen erlauben, verschiedene Systeme miteinander zu koppeln und auch leichter auszutauschen. IT-Fachleute wissen aber auch um die Probleme, die Schnittstellen so mit sich bringen - eingeschränkter Bedienkomfort, Inkompatibilitäten und Performance-Einbußen. Und es steht zu befürchten, dass sich manche Software-Hersteller zukünftig dann eben nicht die neuen Funktionen extra bezahlen lassen, sondern die Schnittstellen-Anbindung zur KBV-Software.

Natürlich kann man darüber nachdenken, ob eine öffentliche Körperschaft nicht die EDV-Umsetzung gesetzlicher Aufgaben übernehmen kann. Dies wäre sicherlich dann gerechtfertigt, wenn die private Wirtschaft dies nicht übernehmen will oder kann. Davon sind wir aber derzeit weit entfernt. Es gibt einen lebhaften Wettbewerb, der Innovationen wie webbasierte Software, Software für Apple-Rechner oder mobile Geräte hervorbingt, wie die Newcomer der letzten Jahre beweisen. Mit einer "Monopol-Software" der KBV wäre dies nicht zu erwarten. Das eigentliche Ärgernis ist doch, dass sich einige Anbieter gesetzliche Änderungen extra bezahlen lassen. Es sollte ein leichtes für die KBV sein, hier vom Gesetzgeber eine entsprechende Regelung zu erwirken.

Ob eine KBV-Software tatsächlich eine Kostenersparnis für die Ärzteschaft bringen würde, ist erst noch zu beweisen. Die Entwicklung eines Praxissysstems verschlingt etwa 40 Mannjahre Entwicklung, mit Kosten im mittleren einstelligen Millionenbereich. Eine Quersubventionierung ist wettbewerbsrechtlich nicht zulässig, so dass die Kosten für die Software doch von ihren Nutzern getragen werden müsste. Dazu kämen Kosten für eine eigene Support-Organisation.
Die von Herrn Gassen beklagte fehlenden Schnittstellen für einen Wechsel von einem zum anderen Praxissystem existiert bereits seit Jahren (xDT-Standard) und wird von allen Anbietern unterstützt. Dass sich eine Praxis dazu entscheidet, eine ungeliebte Software zu behalten, liegt eher an den bereits getätigten Investitionen oder dem Aufwand, der durch ein Umstellungsprojekt entsteht.

Angesichts der anstehenden KBV-Vorstandswahlen liegt die Analogie zur Forderung nach einer "Mauer nach Mexiko" nahe, die kürzlich in einem anderen Wahlkampf so erfolgreich war. Warum gerade die KBV, die an der von Herrn Gassen beklagten Situation erheblichen Anteil trägt, es zukünftig so viel besser machen soll, wird nicht erklärt. Es bleibt zu hoffen, dass man nach der Wahl zu einer konstruktiven Diskussion zurückkehrt.

Disclaimer: Alexander Wilms ist Geschäftsführer der RED Medical Systems GmbH, dem Anbieter der webbasierten Arztsoftware RED Medical, die ihren Kunden alle gesetzlichen Änderungen ohne Aufpreis zur Verfügung stellt.
kairoprax
am Samstag, 11. Februar 2017, 10:54

wer istbFreund, wer ist Feind?


Von Herrn Gassen würde ich kein Auto kaufen, nicht einmal seinen allseits bekannten Bentley. Sollte ich deswegen von diesem Mann ein Software-Programm erwerben?

Mit Verlaub, meine Praxissoftwarefirma hat sich in den letzten Jahren die größte Mühe gegeben, um aus den Fehlern und Irrwegen der KBV und der Politik das eben noch Beste zu machen.

Wenn die KBV nicht in der Lage ist, der Politik zu sagen, daß die vielen "Stärkungsgesetze" nicht uns Ärzte und schon garnicht die medizinische Versorgung stärken, sondern allenfalls den Umsatz vieler, vieler Lobbyisten, dann verzichte ich auch auf eine Software aus dem Hause Wolf im Schafspelz.

Ein solches Interview gehört überprüft auf die Frage nach den Interessenkonflikten, so wie das im DÄB ja längst auch gang und gäbe ist bei den wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

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