Medizin

Genstudie belegt: Abdominale Adipositas verursacht Diabetes und Herzinfarkte

Donnerstag, 16. Februar 2017

Boston – Dieselben Genvarianten, die ein ungünstiges Taille-Hüft-Verhältnis begünsti­gen, sind auch für die kardiometabolischen Störungen verantwortlich, die zur Ent­wicklung eines Typ-2-Diabetes und einer koronaren Herzkrankheit führen. Dies belegt eine Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2017; 317: 626-634), die das Prinzip der Mendelschen Randomisierung nutzt, um eine Kausalität zu belegen.

Eine Reihe von Beobachtungsstudien haben in der Vergangenheit gezeigt, dass die Ablagerung von Fettgewebe im Bauchraum vermutlich der entscheidende Auslöser für die kardiometabolischen Störungen ist, zu denen eine Erhöhung von Triglyzeriden, Cholesterin, Blutzucker und Blutdruck gehören, die auch als metabolisches Syndrom bezeichnet werden.

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Diese Studien konnten eine Kausalität jedoch nicht beweisen. Theo­retisch blieb es möglich, dass andere Lebensstilfaktoren wie ungesunde Ernährung oder Bewegungs­mangel für die Stoffwechselstörung verantwortlich sind. Die Ansammlung von Fettgewebe im Bauchraum wäre dann nur ein Begleitphänomen ohne pathogene­tische Bedeutung. Denkbar wäre auch, dass die abdominale Adipositas nicht Ursache, sondern Folge einer koronaren Herzkrankheit ist, die die Patienten aufgrund pektangi­nöser Beschwerden zu einer sitzenden Tätigkeit zwingt (reverse Kausalität).

Die Mendelsche Randomisierung bietet eine Möglichkeit, diese alternativen Erklärungen auszuschließen. Sie geht davon aus, dass die Gene in einer Population nach dem Zufallsprinzip verteilt sind. Wenn dann die gleichen Genvarianten mit einem vermuteten Krankheitsauslöser, hier die abdominale Adipositas, und der Krankheit, hier Typ-2-Diabetes und koronare Herzkrankheit assoziiert sind, spricht das für eine Kausalität. Sicherheitshalber sollten die Genvarianten nicht mit anderen Auslösern assoziiert sein. Dies wären im vorliegenden Fall beispielsweise Rauchen, Alkoholkonsum, Bewegungs­mangel, ungünstige Ernährungsgewohnheiten. Ausgeschlossen werden sollte auch, dass die Genvarianten über andere bekannte Wege das Erkrankungsrisiko beein­flussen.

Diese Beweisführung ist jetzt einem Team um Sekar Kathiresan vom Massachusetts General Hospital in Boston gelungen. Ausgangsmaterial waren die Daten von vier genomweiten Assoziationsstudien, die in den Jahren 2007 bis 2015 die Gene von 322.154 Personen analysiert hatten. Zur Bestätigung der Ergebnisse wurden dann die Daten von 322.154 Teilnehmern der UK Biobank ausgewertet, die in den Jahren 2007 bis 2011 Blutproben abgegeben hatten.

Beide Analysen kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Danach verschlechtern sich die kardiometabolischen Parameter mit jeder Zunahme des Taille-Hüft-Quotienten um eine Standardabweichung (SD): Pro SD stieg das Cholesterin um 5,6 mg/dl, das LDL-Choles­terin um 5,7 mg/dl und die Triglyzeride um 27 mg/dl. Der Zwei-Stunden-Wert im Gluko­se­belastungstest stieg um 4,1 mg/dl und der systolische Blutdruck um 2,1 mmHg.

Jeder Anstieg des Taille-Hüft-Quotienten um eine SD war mit einem um 77 Prozent erhöhten Risiko auf einen Typ-2-Diabetes (Odds Ratio 1,77; 95-Prozent-Konfidenz­intervall 1,57–2,00) und einem um 46 Prozent erhöhten Risiko auf eine koronare Herzkrankheit (Odds Ratio, 1,46; 1,32–1,62) verbunden.

Die Ergebnisse bestätigen laut Kathiresan die besondere Bedeutung, die die abdo­mi­nale Adipositas für die kardiometabolische Krankheit hat (wie Herz-Kreislauf-Erkrankun­gen und Typ-2-Diabetes zusammengefasst werden). Die Ergebnisse könnten auch erklären, warum in einigen Regionen, etwa in Südasien, das Erkrankungsrisiko bereits bei einem geringen Anstieg des BMI deutlich erhöht ist. Bei vielen Indern ist die abdomi­nale Adipositas besonders ausgeprägt. Schließlich könnte der Taille-Hüft-Quotient der bessere Parameter zur Abschätzung des Risikos sein. © rme/aerzteblatt.de

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