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Medizin

EU-Report dokumentiert Antibiotika­resistenzen in Viehhaltung und Medizin

Donnerstag, 23. Februar 2017

dpa

Pisa/Stockholm – Der häufige Einsatz von Antibiotika in der Viehhaltung hat in Europa zu einem Anstieg von Resistenzen bei Salmonellen, Campylobacter, E. coli und Methicillin-resistenten St. aureus (MRSA) geführt, die als zoonotische Keime mit der Nahrung auf den Menschen übertragen werden können. Ein Report der zuständigen europäischen Behörden EFSA und ECDC dokumentiert in Scientific Report (2017; doi: 10.2903/j.efsa.2017.4694) die aktuelle Gefahrenlage, zu der mittlerweile auch Resistenzen auf Colistin auch ESBL-bildende Bakterien gehören.

Der Report, den die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gemein­sam mit dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krank­heiten (ECDC) erstellt hat, fasst die Berichte zu Antibiotikaresistenzen bei Menschen, Mastschweinen und Rindern zusammen, die im Jahr 2015 aus den 28 Mitgliedsländern zu den vier wichtigsten zoonotischen Keimen gesammelt wurden.

Salmonellen sind der typische Auslöser von „Lebensmittelvergiftungen“, also einer akuten Gastroenteritis. Diese wird, seitdem das Geflügel geimpft wird, nur noch selten von S. Enteritidis ausgelöst, sondern von S. Typhimurium, das durch (nicht ausreichend erhitzte) Fleischerzeugnisse übertragen wird. Eine Behandlung ist nur bei schweren systemischen Verlaufsformen angezeigt, etwa bei einer Sepsis. In diesem Fall entscheidet die Resistenzlage über den Erfolg der Therapie.

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Die beim Menschen nachgewiesenen Salmonellen waren 2015 häufig gegen Sulfo­namide (32,1 Prozent), Tetrazykline (28,1 Prozent) und Ampicillin (27,8 Prozent) resistent. Bei 29,3 Prozent der Keime wurde eine Mehrfachresistenz nachgewiesen. Dieses Resistenzmuster findet sich auch beim Schlachtvieh. Die im Schweinefleisch nachgewiesenen S. Typhimurium waren zu 48,5 Prozent resistent gegen Sulfa­methoxazol, zu 49,1 Prozent resistent gegen Tetrazykline und zu 44,7 Prozent resistent gegen Ampicillin.

Ärzte werden seit einigen Jahren auch mit Resistenzen gegen Cephalosporine konfrontiert. Im Jahr 2015 waren 13,3 Prozent der Isolate gegen Ciprofloxacin und 0,9 Prozent gegen Cefotaxim resistent. Diese Resistenzen wurden in der Viehzucht lange Zeit nicht beobachtet. Inzwischen werden Resistenzen gegen Cephalosporine der dritten Generation, wenn auch noch selten, bei Salmonellen nachgewiesen, die von Mastschweinen oder im Schweinefleisch isoliert wurden.

Auch „Extended-Spektrum Beta-Laktamasen“ (ESBL), die eine breite Resistenz gegen Cephalosporine vermitteln, wurden, wenn auch selten, in Schweinefleisch (0,9 Prozent) und an Mastschweinen (2,2 Prozent) gefunden. In einem Fall wurden im Schweine­fleisch auch Salmonellen nachgewiesen, die gleichzeitig „Extended-Spektrum Beta-Laktamasen“ (ESBL) als auch „AmpC Beta-Laktamasen“ (AmpC) produzierten. 

Auch bei Campylobacter, dem nach Salmonellen zweithäufigsten Erreger einer schweren lebensmittelbedingten Gastroenteritis, gibt es zunehmend Resistenzen. Wie bei Salmonellen ist eine antibiotische Therapie nur bei schweren Infektionen indiziert. Mittel der Wahl ist heute Erythromycin. Chinolone sind aufgrund einer weit verbreiteten Resistenz (von 80 bis 100 Prozent gegen Ciprofloxacin) weitgehend unwirksam. Resistenzen gegen Erythromycin sind dagegen noch selten. Beim Menschen beträgt der Anteil der Erythromycin-resistenten Stämme erst 1,5 Prozent. In Mastschweinen sind es bereits 21,6 Prozent. Die Resistenzen befinden sich häufig auf einem Plasmid, das die Campylobacter möglicherweise von E. coli erhalten. Bei E. coli ist eine Resistenz gegen Erythromycin auch beim Menschen bereits verbreitet. 

E. coli ist als Bestandteil der normalen Darmflora sehr selten für Infektionserkrankungen verantwortlich (Ausnahmen EHEC und STEC). Da der Keim häufig im Darm des Menschen und beim Schlachtvieh auftritt, kommt ihm aber eine Bedeutung als Indikator für die allgemeine Verbreitung von Resistenzen zu. Er kann schnell zur Drehscheibe von Resistenzen werden, wenn sich die Resistenz-Gene auf einem Plasmid befinden, da diese Genabschnitte zwischen einzelnen Bakterien auch speziesübergreifend ausgetauscht werden.

Solche plasmid-gebundenen Resistenzen können die Gene für ESBL und AmpC enthalten. Eine relativ neue plasmid-vermittelte Resistenz führt zum Wirkungsverlust von Colistin. Das Mittel wird seit längerem in der Viehwirtschaft eingesetzt. Beim Menschen wurde es aufgrund seiner Nephro- und Neurotoxozität lange vermieden. Mangels Alternativen kommt es seit kurzem häufiger als Reserve-Antibiotikum zum Einsatz. Der Nachweis von Colistin-Resistenzen auf Plasmiden in E. coli und vereinzelt auch bei Salmonellen ist deshalb ein Alarmzeichen, auch wenn sie laut dem Bericht derzeit eine Rarität sind.

Ein weiterer potenzieller zoonotischer Keim ist der methicillinresistente St. aureus (MRSA). Die meisten MRSA werden in Krankenhäusern durch den häufigen Einsatz von Antibiotika „gezüchtet“. Es gibt jedoch auch CA-MRSA (CA für community-aquired), die bei Menschen auftreten können, die keine Antibiotika erhalten haben und keinen Kontakt mit infizierten Patienten hatten. Ein mögliches Reservoir könnte die Viehzucht sein. Der Nachweis des Resistenz-Gens „spa-type t008“ bei einzelnen Rindern in der Schweiz oder Schweinen in Kuba gilt deshalb als Warnzeichen. 

Der Report zeigt auch, dass Antibiotikaresistenzen bei zoonotischen Bakterien in Europa sehr unterschiedlich verteilt sind. Im allgemeinen ist das Resistenzniveau in Ländern Nord- und Westeuropas niedriger als in Süd- und Osteuropa. Der Report führt die geografischen Schwankungen auf Unterschiede beim Einsatz von Antibiotika zurück. So seien in Ländern, in denen Maßnahmen ergriffen wurden, um den Einsatz von Antibiotika bei Tieren zu verringern, zu vermeiden und zu überdenken, weniger Antibiotikaresistenzen sowie rückläufige Tendenzen zu beobachten. © rme/aerzteblatt.de

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