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Politik

„Eine gute Versorgung erfordert einen schnellen Informationsfluss“

Donnerstag, 2. März 2017

Prenzlau – Da die Zahl demenzkranker Menschen in den kommenden Jahren weiter steigen wird, wird auch ihre Versorgung an Bedeutung zunehmen. In sogenannten Demenznetzwerken haben sich verschiedene Akteure zusammengeschlossen, die an der Behandlung der Demenzkranken beteiligt sind: neben Haus- und Fachärzten auch Kliniken oder Ergotherapeuten. Jürgen Hein leitet das Demenz-Netzwerk Uckermark. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erzählt der niedergelassene Psychiater, wie die Netzwerkarbeit die Patientenversorgung verbessert und wie die steigende Zahl der Demenzkranken das Gesundheitswesen in Deutschland verändern wird.

Fünf Fragen an Jürgen Hein, 1. Vorsitzender des Demenz-Netzwerks Uckermark.

DÄ: Vor zehn Jahren wurde das Demenz-Netzwerk Uckermark gegründet. Wie kam es dazu?
Jürgen Hein: Im Jahr 2004 wurde zunächst ein Arbeitskreis gegründet, in dem die Entwicklung der Behandlung von Demenzkranken diskutiert wurde. Beteiligt waren eine psychiatrische Klinik, eine neurologische Klinik sowie eine niedergelassene Hausärztin und eine niedergelas­se­ne Nervenärztin. Schnell wurde klar, dass auch Berufs­gruppen wie Pflegekräfte und Ergotherapeuten mit dabei sein sollten, die ja eine ungleich höhere Quan­tität der realen Betreu­ung leisten als Ärzte. So wurde 2008 der Netzwerkverein gegründet. Mitglieder des Netzwerkes sind heute unter anderem Hausärzte, Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie, drei Kliniken aus der Region, Demenzberatungsstellen, Ergotherapiepraxen, ambulante Pflegedienste sowie stationäre Pflegeeinrichtungen.

DÄ: Worin besteht Ihre Netzwerkarbeit?
Hein: Im Vordergrund der Netzwerkarbeit steht die Gestaltung und Pflege der Kommu­ni­kation zwischen den Akteuren in der täglichen Versorgung. Zudem wurden Behand­lungspfade geschaffen, die den Patienten den Weg durch die Versorgung ebnen. Wenn ein Verdacht auf Demenz vorliegt, führt der Hausarzt zum Beispiel ein Screening durch. Sind die Ergebnisse positiv, fasst er die Daten zusammen und überweist den Patienten zum Facharzt. Dort wird eine erweiterte Diagnostik vorgenommen.

Ist die Diagnose klar, erhält der Patient einen Termin bei der Demenzberatung, später zum Beispiel beim Ergo­therapeuten. Ist die Diagnose unklar, wird er zur weiteren Abklärung in eine der Kliniken überwiesen. Für jeden Patienten gibt es ein virtuelles Behandlungsteam. Hat zum Beispiel der Ergotherapeut eine Frage zum Patienten, kann er direkt bei dessen Hausarzt anrufen. Oder stellt der ambulante Pflegedienst eine psychische Auffälligkeit fest, erfährt der Hausarzt sofort davon. Manchmal ist die Ursache dann schnell klar, zum Beispiel eine Neigung zu Entzündungen.

Beim Erstkontakt wird zudem eine umfangreiche Verhaltensanamnese durchgeführt, deren Ergebnisse dem gesamten Behandlungsteam zur Verfügung stehen. So erfährt der Ergotherapeut zum Beispiel auch davon, welche Musik der Patient gerne hört oder was er gerne isst und kann darauf reagieren. Eine gute Versorgung erfordert einen schnellen Informationsfluss. Das ist das A und O.

DÄ: Wie hat sich die Versorgung von Demenzkranken in Ihrer Region seit Gründung des Netzwerkes verändert?
Hein: Patienten, die von Netzwerkakteuren betreut werden, profitieren von zielgenauen Interventionen der verschiedenen Fachgruppen. Dadurch können typisch negative Entwicklungen wie krisenhafte Zuspitzungen abgefangen werden. So wird ein längerer Verbleib in der Häuslichkeit ermöglicht, und die Belastung der pflegenden Angehörigen als ein noch oft unterschätzter Prognoseparameter kann reduziert werden.

Aktive Netzwerkteilnehmer erleben zudem eine Entlastung im Umgang mit schwierigen Situationen in der Betreuung von Menschen mit Demenz. Da die Durchdringung des Netzwerkes bezüglich der Teilnahme von allen in der Uckermark tätigen Akteuren der Demenzversorgung allerdings noch sehr heterogen ist, können wir noch nicht von einer Verbesserung der allgemeinen Versorgungssituation sprechen, sondern nur von den Erfolgen bei den Patienten, die von Netzwerkakteuren betreut werden.

DÄ: Die Anzahl der Demenzkranken in Deutschland wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter ansteigen. Wie müsste sich das Gesundheitswesen darauf vorbe­reiten?
Hein: Aus der Versorgungsperspektive besteht das Hauptproblem in der Frage: Wer wird die Pflege der Menschen mit Demenz leisten? Einfache Hochrechnungen zur Bevöl­kerungsentwicklung und die Realität der Pflegedienste vor Ort zeigen, dass der Menge der zu pflegenden Menschen in der Relation immer weniger Pflegende gegen­über­stehen werden. Es ist bereits jetzt schwierig, genügend qualifiziertes Personal für die entstehenden Einrichtungen zu finden. Dies können auch laufende Umschulungs­initiativen nur temporär aufhalten. Das Gesundheitswesen muss seine Effizienz steigern. Damit die Ressourcen für möglichst viele Patienten reichen, muss im Bereich der profes­sionellen Hilfe also der Maßstab angelegt werden: So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich Hilfe zu leisten, um die bestehenden familiären und sozialen Systeme der Men­schen mit Demenz zu stabilisieren.

In diesem Zusammenhang wird der entscheidende gesellschaftliche Wandel darin be­ste­hen, dass die Delegation der Altenpflege an Institutionen nur noch begrenzt möglich sein wird und dass das soziale Umfeld diese Aufgabe von den Institutionen wieder zurück übernehmen muss. Wenn ich das Nachbarskind zum Lampionumzug des eigenen Kindes mitnehme, werde ich auch mit der Mutter des Freundes zum Friseur gehen, wenn ich meinen Vater dorthin begleite. Dieser geradezu paradigmatische Wechsel der Auffassung der Aufgabenverteilung in der Fürsorge und Pflege der älteren Menschen allgemein und insbesondere der Menschen mit Demenz wird eine große Herausforderung sein.

DÄ: Sie sagten, nicht alle Akteure aus der Region beteiligen sich an Ihrem Netzwerk. Weshalb nicht?
Hein: Zunächst einmal möchte ich klarstellen: Wer nicht bei unserem Netzwerk mit­macht, ist deshalb kein schlechterer Arzt oder Therapeut. Überhaupt nicht. Oft sind die Kollegen einfach überlastet und wollen sich nicht noch mehr Arbeit ans Bein binden. Die Mitarbeiter unseres Netzwerks haben die Arbeit aus Überzeugung zehn Jahre lang ehren­amtlich gemacht. Auf die Dauer hält das aber niemand durch. Deshalb war es für uns eine wichtige Erfahrung, an zwei Förderprogrammen teilzunehmen, die das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium aufgelegt hatte: das „Leuchtturmprojekt Demenz“ und die „Zukunftswerkstatt Demenz“. Dies hat uns unter anderem gelehrt, dass wir unsere Zusammenarbeit mit den kommunalen Verantwortungsträgern, insbesondere der Kreisverwaltung, vertiefen müssen.

Was wir brauchen, ist im ersten Schritt jemand, der Protokolle schreibt, der Telefonate führt, der also die Schreibtischarbeit und die Organisation im Hintergrund erledigt. Das mussten wir bislang noch neben unserer eigentlichen Arbeit machen. Wir wurden jetzt vom Landkreis in die Förderung der Wohlfahrtspflege aufgenommen und werden eine finanzielle Unterstützung in Höhe von etwa 20.000 Euro im Jahr 2017 erhalten. In der weiteren Perspektive wird dann angestrebt, eine Stelle für einen Koordinator zu schaf­fen, der selber aktiv an der Entwicklung der Netzwerkarbeit teilnimmt und diese voran­treibt. © fos/aerzteblatt.de

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