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Medizin

Tiefe Hirnstimulation erhöht bei Anorexie nicht nur das Körpergewicht

Freitag, 24. Februar 2017

dpa

Toronto – Die tiefe Hirnstimulation einer Region, die auch Zielgebiet bei der Behandlung von Depressionen ist, hat in einer offenen klinischen Studie bei Patientinnen mit Anorexia nervosa allmählich den Body-Mass-Index erhöht, nachdem es zunächst zu einer Besserung der begleitenden Depression und Angststörung gekommen ist. Neben einem neuen Therapieansatz liefert die Publikation in Lancet Psychiatry (2017; doi:10.1016/S2215-0366(17)30076-7) auch neue Einsichten in die Pathogenese der Erkrankung.

Die Ursachen der Anorexia nervosa, die vor allem junge Frauen aufgrund einer pervasiven Beschäftigung mit Körpergewicht, -form und -größe zur Einschränkung der Nahrungsaufnahme veranlasst, ist unbekannt. In der Regel können weder Psycho­therapie noch Medikamente die Patientinnen zu einer bedarfsgerechten Ernährung bewegen. Viele Patientinnen leiden auch unter Depressionen und Angstzuständen. 

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Dies hat den Neurochirurgen Andres Lozano von der Universität Toronto vor einigen Jahren bewogen, einzelne Patientinnen mit einer tiefen Hirnstimulation zu behandeln. Stimuliert wurde dabei eine jener Regionen, die auch Zielgebiet bei schweren Depressionen ist: Der subgenuale cinguläre Gyrus ist der vorderste Abschnitt des Gyrus cinguli und sein einziger Abschnitt, der sich unterhalb des Corpus callosum befindet („subcallosal cingulate“). Er ist Bestandteil des limbischen Systems, das im Gehirn für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist.

Zwischen September 2011 und Januar 2014 wurden bei 16 Patientinnen in einer stereotaktischen Operation beidseitig Sonden in den „subcallosal cingulate“ vorgeschoben und mit einem Steuergerät verbunden, das Impulse von zunächst 2,5 V, später bis zu 6 V in einer Frequenz von 130 aussendet.

Die Patientinnen in Alter zwischen 21 und 57 Jahren hatten vor der Implantation der Sonden seit 9 bis 29 Jahren an einer Anorexia nervosa gelitten. Alle hatten mehrere erfolglose Therapien hinter sich und alle waren mehrfach wegen Entgleisungen des Stoffwechsels in der Klinik behandelt worden. Die Ethikkommission hatte deshalb keine Einwände gegen die invasive Therapie geäußert.

Die Implantation der Sonden, die bei der Behandlung anderer Erkrankungen wie Parkinson (in eine andere Region) und auch Depressionen Routine ist, verlief weitgehend komplikationsfrei. Bei fünf Patientinnen hielten die postoperativen Schmerzen länger an als die üblichen drei bis vier Tage nach einer Operation. Bei einer Patientin kam es zu einer lokalen Infektion, die die Entfernung der Elektroden erforderlich machte. Sie konnten später wieder implantiert werden. Zwei weitere Patientinnen verlangten später, dass die Elektroden entfernt oder das Gerät abge­schaltet werden sollte. Schwere Komplikationen wie intrakranielle Blutungen oder sogar Todesfälle sind laut Lozano nicht aufgetreten.

Als erstes besserten sich die Depressionen und die Angstzustände. Danach veränderte sich auch das Essverhalten der Patientinnen, und sie begannen langsam an Körper­gewicht zuzunehmen. Nach 12 Monaten war der BMI von 13,83 auf 17,34 kg/m2 angestiegen. Die Patientinnen lagen damit zwar immer noch unter der Grenze zum Untergewicht 18,5 kg/m2. Doch die Zunahme um 3,5 Punkte stellt laut Lozano eine deutliche Verbesserung dar.

Die „Hamilton Depression Rating“-Skala verbesserte sich von 19,40 auf 8,79 Punkte nach 12 Monaten, im Beck Anxiety Inventory“-Wert kam es zu einem Rückgang von 38,00 auf 27,14 Punkte. Der „Dysfunction in Emotional Regulation Scale“-Wert sank von 131,80 auf 104,36 Punkte, auch dies eine Verbesserung.

Lozano ist mit den Ergebnissen zufrieden, räumt allerdings ein, dass die Ergebnisse einer Studie mit nur 16 Teilnehmern und einer fehlenden Kontrollgruppe nur eine sehr eingeschränkte Beurteilung zulassen.

Die Studie hat auch die Veränderungen des Hirnstoffwechsels untersucht. Vor der Operation sowie sechs und zwölf Monate danach wurde mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) der Glukoseverbrauch des Gehirns bestimmt. Lozano hatte vermutet, dass es vor allem in der Insula und der Parietalregion zu Veränderungen kommt, da diese Regionen mit dem Essverhalten und der Körperwahrnehmung assoziiert werden. Hier änderte sich die Glukoseaufnahme der Zellen jedoch nicht.

Stattdessen kam es zu einem Mehrverbrauch im Übergang vom temporalen und parietalen Lappen und dem Gyrus fusiformis. Diese Regionen beeinflussen eher die soziale Wahrnehmung und das Verhalten als die Nahrungsaufnahme. Dies könnte bedeuten, dass es sich bei der Anorexie um ein sekundäres Phänomen handelt, dem eine andere Störung zugrunde liegt. Auch hier dürften die Ergebnisse der Studie noch für Diskussionen unter den Experten für Essstörungen sorgen. © rme/aerzteblatt.de

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