Medizin

EMA: Erstes Nebenschild­drüsenhormon vor der Zulassung

Sonntag, 26. Februar 2017

London – Der Hypoparathyreoidismus ist die letzte endokrine Störung, für die es bisher keine Hormonsubstitution gibt. Dies wird sich demnächst ändern. Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur empfahl der Europäischen Kommission die Zulassung einer rekombinanten Version des Parat­hormons.

Die Nebenschilddrüsen bilden das Parathormon. Es ist zusammen mit Kalzitonin aus der Schilddrüse und Vitamin D aus Haut oder Nahrung für das Kalziumgleichgewicht zuständig. Parathormon mobilisiert Kalzium aus dem Knochen, vermindert die Ausscheidung über die Nieren (während Phosphat vermehrt ausgeschieden wird) und steigert über die Synthese von Vitamin D die Resorption aus dem Darm.

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Zum Hypoparathyreoidismus kommt es, wenn die (bei den meisten Menschen) vier Nebenschilddrüsen zu wenig Parathormon bilden. Dies ist gelegentlich nach Schilddrüsenoperationen der Fall, wenn die kleinen Drüsen, die nicht größer als Linsen sind, versehentlich mit entfernt werden. Ein angeborener Hypoparathyreoidismus ist extrem selten.

Bei einem Mangel an Parathormon kommt es zum Abfall des Kalziums und zu einem Anstieg des Phosphats. Die Hypokalzämie hat Funktionsstörungen von Nerven und Muskeln zur Folge, die sich durch Parästhesien oder Muskelkrämpfe bemerkbar machen. Es kann aber auch zu Krampfanfällen und Herzrhythmusstörungen kommen. Bei einem extremen Kalziummangel kommt es zur Tetanie. Langfristig erhöht der unkontrollierte Hypoparathyreoidismus das Risiko von Knochenbrüchen und Kalziumablagerungen, insbesondere in der Niere, im Gehirn und in der Augenlinse.

Die Behandlung besteht derzeit in der oralen Gabe von Kalzium in Kombination mit Vitamin D, um die Resorption von Kalzium aus dem Darm zu steigern. 

Seit einigen Jahren könnte die Störung auch „Off-label“ durch Teriparatid behandelt werden, das zur Behandlung der Osteoporose zugelassen ist. Teriparatid besteht aus den ersten 34 Aminosäuren des Parathormons, es ist also eine verkürzte Version des natürlichen Hormons, das aus 84 Aminosäuren besteht. Sicherheit und Effektivität von Teriparatid beim Parathormonmangel wurden jedoch bisher nicht untersucht. 

Der Hersteller Shire Pharmaceuticals Ireland aus Dublin hat jetzt in einer Phase 3-Studie eine vollständige rekombinante Version des Parathormons (rhPTH) testen lassen. An der doppelblinden, randomisierten Studie nahmen 134 Patienten mit Hypoparathyreoi­dismus teil. Sie wurden über 24 Wochen entweder mit Placebo oder mit rhPTH in der Dosierung von 50 µg einmal täglich  behandelt. 

Primärer Endpunkt war der Anteil der Patienten, die die tägliche Dosis von Kalzium und Vitamin D um 50 Prozent senken konnten, ohne dass es zu einem Abfall des Serum­kalziums kam. Das Ziel erreichten im rhPTH-Arm 54,8 Prozent der Patienten gegenüber 2,5 Prozent in der Placebo-Gruppe. Die Hormonsubstitution hat sich damit als effektiv erwiesen. Sie scheint auch verträglich zu sein. Die häufigsten Nebenwirkungen wie Muskelkrampf, Parästhesien, Kopfschmerzen und Übelkeit waren vermutlich Folge einer zu niedrigen Dosierung (beziehungsweise einer unzureichenden Begleitbehandlung mit Kalzium und Vitamin D).

Da der Hypoparathyreoidismus relativ selten ist, wird das Präparat als Orphan-Drug zugelassen. Die Anwendung soll auf Patienten beschränkt bleiben, die unter der Standardbehandlung mit Kalzium und Vitamin D keine ausreichenden Kalziumwerte erzielen.

Die EMA verpflichtet den Hersteller zu einer weiteren 26-wöchigen klinischen Studie. Dort sollen Sicherheit und Wirksamkeit des Arzneimittels weiter untersucht werden. Themen sind der Dosierungsplan, die Auswirkungen der Behandlung auf die Symptome, der Einfluss auf die Lebensqualität sowie die Veränderungen im Kalzium- und Phosphatstoffwechsel.

Die Empfehlung der CHMP wird jetzt an die Europäische Kommission weitergeleitet, die das letzte Wort bei der Zulassung hat, in aller Regel aber den Vorschlägen der EMA folgt. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat das Präparat bereits Mitte Januar 2015 zugelassen. © rme/aerzteblatt.de

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