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Mit Robotern wieder selbstbestimmt leben

Montag, 27. Februar 2017

Thomas A. Schildhauer (2.v.l.) erklärte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe die Bedienung des HAL-Systems. /ThomasSchwartz

Bochum – „Die Robotik übernimmt heute im Stillen schon viele Aufgaben, zum Beispiel beim Transport von Blutkonserven und Abfüllen von Blutproben. Und sie ermöglicht Ärz­ten immer präziser, sicherer und schonender zu operieren“, sagte Bundesgesund­heits­mi­nister Hermann Gröhe beim Medizinrobotik-Symposium im Berufsgenossen­schaft­lichen (BG) Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum.

Daran haben mehr als 100 Fachleute aus Krankenhäusern, Wissenschaft und Industrie, aber auch Patienten teilgenommen. Der Mensch bleibe aber immer der Entscheidende. Er werde durch die Technik unterstützt, aber nicht ersetzt, sagte Gröhe mit Blick auf Me­diziner und Patienten. „Medizinisch-technischer Fortschritt kann gerade bei chronischen Erkrankungen und schwersten Behinderungen einen wichtigen Beitrag zu mehr Selbst­stän­digkeit und Lebensqualität leisten.“ Die Robotik mit dem Menschen zu verschmelzen wie etwa bei computergestützten Implantaten und Orthesen, führe jedoch immer wieder zu Diskussionen, wusste der Minister.

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Universitätskliniken sind Segen für die Patienten

Deutschland könne bei der Debatte um Innovationen auf ein gutes Gesundheitssystem zurückgreifen. „Das stützt sich auch und vor allem auf die Universitätskliniken“, lobte Gröhe. Sie seien „ein Segen für die Patienten“, weil sie dort „in den Genuss innovativer Sachen“ kämen. Deutschland sei aber auch Vizeweltmeister beim Export von Medizin­tech­nik und alles, was sich an Medizintechnik und Behandlungsmethoden entwickelt wird, entstehe vielfach durch internationale Vernetzung.

Ein solches Netzwerk sei am Universi­tätsklinikum Bergmannsheil in der chirurgischen Rehabilitation entstanden. Dadurch sei Bochum ein renommiertes Innovationscluster. „Ich bin überzeugt, dass das, was hier ent­wickelt wird, international gebraucht wird“, betonte der Minister. Bochum sei vor Jahren der erste Ort außerhalb Japans gewesen, wo Querschnittsgelähmte einen Roboteranzug anziehen konnten, um selbstständiges Gehen wieder zu erlernen. Das Zentrum für Neu­ro­robotales Bewegungstraining am Universitätsklinikum Bergmannsheil war 2012 eröffnet worden. „Die Robotik, die hier eingesetzt wird, soll menschliche Selbstbestimmung zu­rück­geben.“

Patienten müssen aus dem Rollstuhl herauskommen

Dass das gelingen kann, bestätigte Thomas A. Schildhauer. „Wir haben viel zu lange Patienten im Rollstuhl trainiert. Wir müssen aber umdenken und die Restfunktio­nen stärken, damit die Patienten aus dem Rollstuhl herauskommen,“ sagte der Ärztliche Direktor des Bergmannsheils und Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik. Patien­ten, bei denen das Rückenmark komplett durchtrennt sei, würden mit den Robotersys­temen nicht klarkommen. Aber bei Patienten, die noch Restsignale hätten, könne der Roboter diese Signale aufnehmen, verstärken und die Bewegung auslösen und unter­stützen.

Nach diesem Prinzip arbeitet das von Professor Yoshiyuli Sankai an der Univer­sität im ja­panischen Tsukuba entwickelte HAL(Hybrid Assistive Limb)-System, das auch in Bochum eingesetzt wird. Über Sensoren nimmt dieses Exoskelett minimale elektrische Signale von Nerven in den Extre­mitäten auf, interpretiert es über eine Steuereinheit und leistet mit Hilfe von Motoren an den Gelenken die nötige Kraftunterstützung, die zum Ausführen der Bewegungsidee des Patienten erforderlich ist. Dadurch können inkomplett quer­schnittsgelähmte Patienten ihr autonomes Gehvermögen trainieren und verbessern. „Und das Gehirn merkt: da passiert was“, erläuterte Schildhauer. „Das ist letztlich nötig, damit wir wieder einen Muskelaufbau bekommen.“

Training mit dem HAL-System reduziert Risiko von Druckstellen, Durchblutungsstörungen und Nerven­schä­den

Das HAL-System wird im Klinikum Bergmannsheil als Trainingsmittel eingesetzt, nicht für die Unterstützung auf Dauer. Eine Studie mit 50 Patienten belegt, dass Patienten nach einer dreimonatigen Therapie mit fünf Trainingseinheiten pro Woche im Gehwagen ohne Hilfe gehen können, nach fünfmonatiger Therapie waren lediglich Unterarm­gehhilfen nö­tig. Außerdem sinkt das Risiko für Druckstellen, Durchblutungsstörungen und Nerven­schä­den durch langes Sitzen. Bei zwei Patienten konnten die Mediziner sogar die Schmerz­therapie beenden, wodurch sich die Leberwerte normalisierten. 

Schwierig sei es allerdings mit der Vergleichsgruppe gewesen, betonte Schildhauer. „Das muss man bei Querschnittsgelähmten anders aufziehen.“ Denn bei ihnen bessern sich die Symptome nur innerhalb von einem Jahr nach der Rückenmarksverletzung. „Nach einem Jahr sind die Verbesserungen nur noch marginal. Damit sind die Patienten ihre eigene Kontroll­gruppe. Das heißt, wir haben Patienten in die Studie eingeschlossen, bei denen nach einem Jahr keine Verbesserung mehr zu erwarten war.“

Inzwischen sind in Bochum mehr als 100 Patienten mit dem HAL-System behandelt wor­den. Das zeige, dass die robotergestützte Medizin inzwischen nicht mehr nur einem kleinen Teil von Menschen zugutekommt, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe und zog damit gleich die Kritik von Medizinern auf sich. Sie beklagten, dass der­zeit nur BG- und Privatpatienten mit dem Roboteranzug behandelt werden können und es bereits Wartelisten für Patienten gebe.

Nach Angaben von Schildhauer werden die Roboteranzüge geleast. Zu kaufen gebe es sie nicht. „Wir haben das Glück, dass wir sie in Studien kostenlos nutzen dürfen. Ansonsten sind 500 Euro Leasingrate pro Anwendung fällig“, erklärte der Chirurg. „Wir werden nicht in die Selbstverwaltung intervenieren. Wer die lauteste Stimme hat, dem wird die Politik nicht gleich ein Instru­ment der Erstattung geben“; entgegnete Gröhe. Dafür gebe es unabhängige Gremien.

Evidenz muss an verschiedenen Stellen noch bewiesen werden

Außerdem müsse an verschiedenen Stellen noch Evidenz bewiesen werden. Es sei aber gut, dass es Pioniere gebe, die schon vor der Evidenz losgingen. Aber diese Schnellig­keit könne nicht gegen die Evidenz gehen. „Denn wenn es schiefgeht, adressiert man dann den Steuerzahler als Garanten. Und das geht nicht. Wir prüfen daher nur, wie wir Evidenz und Schnelligkeit vereinbaren können.“

Dass diese Prüfungen an Fahrt aufnehmen müssen, um Evidenz und Schnelligkeit zu ver­einbaren und dadurch gesetzlich Krankenversicherte nicht dauerhaft vom medizini­schen Fortschritt abzuhängen, belegten die Blicke von Schildhauer und José del R. Millán aus Lausanne in der Schweiz in die Zukunft der Medizinrobotik.

Derzeit erforschen Wissenschaftler Brain-Computer-Interfaces. Sie übersetzen die Hirn­aktivität eines Menschen in Steuerungsbefehle, die wiederum von technischen Geräten verstanden werden können. Menschen mit einer Querschnittslähmung etwa, aber auch mit einem Schlaganfall oder Multipler Sklerose werden dadurch in die Lage versetzt, technische Hilfsmittel wie zum Beispiel einen elektrischen Rollstuhl allein über ihre Hirn­aktivität zu steuern. Dass das bereits gut funktioniert, verdeutlichte Millán eindrucksvoll mit einer Live-Demonstration. © ts/aerzteblatt.de

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