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Vernachlässigte Kinder: Mehr als sechs Monate im Heim beeinträchtigen die Psyche langfristig

Dienstag, 28. Februar 2017

Wie lange die Kinder im Heim gelebt hatten, war entscheidend für ihre psychische Gesundheit. /CFalk, pixelio.de

London/Bochum/Frankfurt – Stark vernachlässigte Kinder, die in jungen Jahren viel ent­beh­ren mussten, leiden auch im frühen Erwachsenenalter noch unter den psychischen Konsequenzen. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie, die eine Gruppe von adoptierten Kindern begleitet, welche in den 1990er-Jahren aus rumänischen Heimen in britische Familien kamen. Die Ergebnisse, die in The Lancet publiziert wurden, könnten auf viele Kinder weltweit zutreffen (2017; doi: 10.1016/S0140-6736(17)30045-4).

Die „English and Romanian Adoptees Study“ begann 1990, kurz nach dem Sturz des kommunis­tischen Regimes in Rumänien. In Heimen lebten die Kinder unter extrem schlechten hygienischen Bedin­gungen, hatten wenig zu essen, kaum persönliche Fürsorge und bekamen selten soziale oder kognitive Anreize.

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Ein Team um Edmund Sonuga-Barke vom King’s College in London unter­such­te die psychische Gesundheit und kogni­tiven Fähigkeiten der Heranwachsenden. Die Studie beinhaltet Daten von 165 Kin­dern, die britische Familien aus rumäni­schen Heimen adoptierten, nachdem die Kinder dort bis zu 43 Monate verbracht hatten. In Großbritannien lebten sie anschließend in stabilen, sozioökonomisch gut auf­gestellten Familien, die sich liebevoll kümmerten und die Kinder unterstützten. Diese Gruppe verglichen die Forscher mit 52 Kindern, die innerhalb von Großbritannien adop­tiert worden waren.

Mit Fragebögen, IQ-Tests und Interviews mit Kindern und Eltern analysierten die Wis­sen­­schaftler soziale, emotionale und kognitive Auffälligkeiten im Alter von sechs, elf und 15 Jah­ren. Im Alter von 22 bis 25 Jahren nahmen die Studienleiter noch einmal Kontakt zu den Teilnehmern auf; rund drei Viertel von ihnen erklärten sich zu weiteren Tests bereit.

Dauer der Heimerfahrung entscheidend
Wie lange die Kinder im Heim gelebt hatten, war ein entscheidender Faktor für ihre künf­tige psychische Gesundheit. Rumänische Adoptivkinder, die weniger als sechs Monate im Heim verbracht hatten, waren psychisch ähnlich gesund wie die britische Vergleichs­gruppe. Anders war es mit rumänischen Adoptivkindern, die mehr als sechs Monate in einer Einrichtung gelebt hatten. Soziale, emotionale und kognitive Probleme begleiteten sie ihr Leben lang.

Zum Beispiel zeigten sie autistische Züge, der soziale Umgang mit anderen fiel ihnen schwer, sie waren unaufmerksam oder überaktiv. Außerdem erreichten sie ein schlech­te­­res Bildungsniveau und waren häufiger arbeitslos. Diejenigen, die mehr als sechs Mona­te im Heim gelebt hatten, hatten als Kinder durchschnittlich einen IQ von weniger als 80, der sich jedoch im frühen Erwachsenenalter normalisierte. Das inter­pretierten die For­scher als verzögerte Entwicklung.

Trotz der oben beschriebenen Befunde ergab sich auch: Eines von fünf längerfristig im Heim untergebrachten Kindern hatte keinerlei psychische Probleme. An dieser Stelle wollen die Forscher in Zukunft anknüpfen. „Wir wissen immer noch sehr wenig darüber, warum einige der Kinder trotz extremer Vernachlässigung keine Spätfolgen zeigen“, sagt Robert Kumsta von der Bochumer Arbeitsgruppe Genetische Psychologie. „Wir planen derzeit Untersuchungen, um genetische und epigenetische Faktoren zu iden­tifizieren, die möglicherweise schützend wirken.“

Nicht nur für Heimkinder aus Rumänien relevant

Die Autoren verweisen darauf, dass die Ergebnisse für eine große Zahl von Kindern re­le­­vant sein könnten, die heute überall auf der Welt vernachlässigt heranwachsen – we­gen Krieg, Terrorismus oder Fluchterfahrung.

In ihrer Analyse konnten die Forscher nicht feststellen, ob es ein Zeitfenster in der Ent­wicklung gibt, in dem Kinder besonders sensibel auf Vernachlässigung reagieren. Denn die Teilnehmer kamen mit unterschiedlichem Alter ins Heim und lebten dort für eine un­ter­schiedlich lange Zeit. Auch andere Risikofaktoren konnten die Forscher nicht kon­trollieren, zum Beispiel, ob die Mütter während der Schwangerschaft geraucht hatten. Allerdings sei es unwahrscheinlich, dass die Risikofaktoren bei den rumänischen Adop­tierten, die kurz oder lang im Heim gelebt hatten, unterschiedlich gewesen seien, sagen die Autoren – und dennoch hätten sich Unterschiede in der psychischen Gesundheit ergeben. © gie/aerzteblatt.de

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