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Medizin

Frühsymptome eines tödlichen Herzinfarkts werden häufig nicht erkannt

Mittwoch, 1. März 2017

dpa

London – In England tritt jeder zweite Tod am Herzinfarkt ein, bevor der Patient eine Klinik erreichen. Die andere Hälfte war laut einer Studie in Lancet Public Health (2017; doi: 10.1016/S2468-2667(17)30032-4) in den vier Wochen vor dem Tod in einer Klinik behandelt worden, doch bei jedem dritten von ihnen war kein Herzinfarkt vermutet worden – obwohl Verdachtsmomente bestanden.

Die Voraussetzungen für epidemiologische Untersuchungen sind in England besser als in Deutschland. Es gibt nur eine staatliche Gesundheitsversorgung (und keine gesetzlichen Krankenkassen) und die Krankenhausdiagnosen lassen sich problemlos mit den Sterberegistern des Landes abgleichen. Die Totenscheine gelten als relativ zuverlässig. Verlegenheitsangaben wie „Organversagen“ sind relativ selten.

Ein Team um Majid Ezzati vom Imperial College London hat alle 60 Millionen Kranken­haus­behandlungen und 2,3 Millionen Todesfälle aus den Jahren 2006 bis 2010 analysiert. Darunter waren 135.950 Menschen, die an einem Herzinfarkt gestorben sind. Etwa die Hälfte, nämlich 69.460 war in den 28 Tagen zuvor nicht im Krankenhaus behandelt worden. Bei ihnen war der Herzinfarkt so heftig, dass sie vor Erreichen einer Klinik verstorben sin. Die anderen 66.490 Patienten waren in den 28 Tagen zuvor im Krankenhaus gewesen.

Nur bei der Hälfte der 66.490 hospitalisierten Patienten wurde ein Herzinfarkt als primäre Diagnose gestellt. Bei weiteren 18 Prozent war der Herzinfarkt eine sekundäre Diagnose, bei 33 Prozent wurde kein Herzinfarkt vermutet. Diese Gruppe umfasste 21.677 Patienten.

Es ist möglich, dass bei einigen dieser Patienten, bei denen in der Klinik kein Herzinfarkt diagnostiziert wurde, erst nach der Entlassung erstmals ein koronares Ereignis auftrat, das dann gleich zum Tod führte. Die Krankenhausdiagnosen lassen jedoch eher vermuten, dass die richtige Diagnose und damit eine lebensverlängernde Behandlung (perkutane koronare Intervention oder Bypass-Operation) verpasst wurde.

Bei 7.566 Patienten (35 Prozent) wurden andere kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Vorhofflimmern als primäres Problem in den Krankenakten notiert. Bei weiteren 1.368 Patienten (6 Prozent) wurden nicht-spezifische Brustschmerzen, Dyspnoe, Synkopen, hämodynamische Störungen oder abnorme Herzgeräusche diagnostiziert, die im Nachhinein natürlich an einen Herzinfarkt denken lassen. Bei weiteren 2.662 Patienten (12 Prozent) wurden Atemwegserkrankungen wie Pneumonie oder eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) diagnostiziert. Auch hier könnten die Symptome leicht kardiale Ursachen gehabt haben.

Dass die erste Fehleinschätzung tödliche Konsequenzen haben kann, zeigt sich auch an folgenden Zahlen: Auf 1.000 Patienten mit einer Erstdiagnose Herzinfarkt im Kranken­haus kamen 19 Todesfälle in der Altersgruppe 35 bis 44 Jahre. Die Case-Fatality-Rate stieg auf 272 Todesfälle pro 1.000 Patienten in der Altersgruppe der über 85-Jährigen. Bei den Patienten, bei denen der Herzinfarkt nur als Komorbidität in den Akten vermerkt wurde, starben in der Altersgruppe 35 bis 44 Jahre 63 auf 1.000 Patienten und in der Altersgruppe der über 85-Jährigen 437 auf 1.000 Patienten.

Die Forscher wollen jetzt in weiteren Untersuchungen herausfinden, warum die Ärzte so häufig die Hinweise auf ein akutes koronares Ereignis übersahen und die Diagnose Herzinfarkt nicht rechtzeitig stellten. © rme/aerzteblatt.de

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