Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Anstieg der Armut alarmiert deutsche Sozialverbände

Donnerstag, 2. März 2017

/dpa

Berlin – Die Zahl der Armen in Deutschland ist nach Erkenntnissen von Sozialverbänden auf einen neuen Höchststand gestiegen. 2015 habe die Armutsquote auf 15,7 Prozent zugelegt, heißt es in dem am Donnerstag vom Paritätischen Wohlfahrtsverband und anderen Organisationen vorgelegten jährlichen Armutsbericht. Rein rechnerisch gelten demnach 12,9 Millionen Deutsche als arm.

Nach Angaben der Autoren ist dies das Ergebnis eines seit Jahren anhaltenden Armuts­trends und markiert „einen neuen Höchststand im vereinten Deutschland“. Der Paritä­tische forderte die Politik auf, gegenzusteuern. Es sei an der Zeit für einen „sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel“, erklärte der Verband in Berlin. Erforderlich seien eine völlig andere Steuer- und Finanzpolitik sowie Maßnahmen beim Wohnungsbau, in der Arbeitsmarktpolitik und beim Ausbau sozialer Dienste.

Der Bericht nutzt den auch in offiziellen Statistiken verwendeten sogenannten relativen Einkommensarmutsbegriff. Demnach gelten alle Menschen als arm, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesellschaft verfügen, in der sie leben. Diese Armutsdefinition ist nicht unumstritten, einige Experten halten sie für zu weit gefasst.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund warf dem Paritätischen vor, zu undifferenziert zu argumentieren. Der Bericht sei „zu pauschal“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Lands­berg der Neuen Osnabrücker Zeitung. Die verwendete Armutsdefinition sage nichts darüber aus, ob die Betroffenen auch wirklich „abgehängt“ seien. Forderungen nach mehr Sozialleistungen lehnte er ab. Nötig seien Investitionen in Bildung und Infrastruktur.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, Ulrich Schneider, verteidigte den Maßstab indessen gegen Kritik. Armut dürfe nicht auf rein existenzielles „Elend“ reduziert werden, sagte er am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin. Sie beginne bereits dort, wo Men­schen aus finanzieller Not von ganz normalen Aktivitäten ausgeschlossen würden und am Leben einer Gesellschaft nicht mehr teilhaben könnten. Dies drücke die 60-Prozent-Schwelle gut aus.

Als Hauptrisikogruppen identifizierte der Bericht vor allem Alleinerziehende, von denen demnach 43,8 Prozent als arm gelten, sowie Arbeitslose (59 Prozent). Generell seien auch Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau (31,5 Prozent) und Ausländer (33,7 Prozent) sowie Menschen mit Migrationshintergrund (27,7 Prozent) stärker bedroht. Alarmiert zeigten sich die Verfasser zudem insbesondere über das zunehmende Pro­blem der Armut im Alter. Zwischen 2005 und 2015 sei die Armutsquote bei Rentnern von 10,7 Prozent auf 15,9 Prozent gestiegen, was einem Anstieg um rund die Hälfte entspreche. Inzwischen übertreffe diese bereits das Niveau der durchschnittlichen Armutsquote der Gesellschaft.

„Da kommt ein sehr großes Problem auf uns zu“, sagte Schneider im ZDF-Morgen­­maga­zin. Er forderte darüber hinaus insbesondere auch Anstrengungen im Wohnungs­baubereich. Dem Bericht zufolge sank die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland seit 2002 um eine Million, zudem fehlen 2,7 Millionen kleinere Wohnungen mit einem bis drei Zimmern bei bezahlbaren Mieten.

Linken-Sozialexpertin Katja Kipping warf der Bundesregierung „eklatantes Versagen“ bei der Armutsbekämpfung vor. Der sozialpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Wolfgang Strengmann-Kuhn, forderte ein Garantieeinkommen von Erwerbstätigen in Kombination mit einer Kindergrundsicherung. Dies würde insbesondere Alleinerziehende „aus der Armut herausholen“. © afp/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

08.11.17
Jedem Fünften drohen Armut und soziale Ausgrenzung
Wiesbaden – Knapp 20 Prozent der Menschen in Deutschland drohen Armut und soziale Ausgrenzung. Dies teilte das Statistische Bundesamt heute in Wiesbaden unter Berufung auf die offizielle EU-weite......
25.10.17
USA/England: Armut verkürzt Leben bei unterschiedlichem Gesundheitssystem
Seattle – Armut führt zu Krankheiten und verkürzt das Leben. Die bekannte inverse Assoziation zwischen dem Vermögen und dem Sterberisiko war in einer Vergleichsstudie in JAMA Internal Medicine (2017;......
23.10.17
Armut ist Dauerthema für jedes fünfte Kind in Deutschland
Gütersloh – Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland lebt laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung länger als fünf Jahre in armen Verhältnissen. Für zusätzlich zehn Prozent der Kinder in der......
06.10.17
Wohnungslose Menschen: Hürden beim Zugang zur medizinischen Regelversorgung abbauen
Köln – In Deutschland leiden wohnungslose Menschen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung sehr viel häufiger unter behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen. Zudem kommt es bei ihnen deutlich......
29.08.17
Armutsrisiko von Kindern wächst
Wiesbaden – Trotz anhaltend guter Konjunktur ist das Armutsrisiko von Kindern in Deutschland auf einen Rekordstand gestiegen. Im vergangenen Jahr war davon bundesweit jeder fünfte Heranwachsende unter......
21.07.17
Armutskonferenz kritisiert Gesundheits­versorgung von Menschen mit geringem Einkommen
Berlin – Eine zu geringe öffentliche und politische Wahrnehmung des Zusammenhanges von Armut und Krankheit kritisiert die Nationale Armutskonferenz (NAK) in einem neuen Positionspapier. „Armut......
18.07.17
Armut auch ein Risikofaktor für Sehschwäche
Bonn – Kinder aus sozial benachteiligten Familien leiden häufiger an Sehschwäche oder schielenden Augen und fallen beim Sehtest öfter durch als Kinder aus wohlhabenderen Familien. Das berichtet die......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige