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Medizin

Karpaltunnelsyndrom: Wie die Akupunktur im Gehirn wirkt

Montag, 6. März 2017

dpa

Boston – Eine echte Akupunktur verändert bei Patienten mit Karpaltunnelsyndrom die Verarbeitung von Nervenimpulsen im somatosensorischen Cortex des Gehirns. Dies zeigen die Ergebnisse einer Studie in Brain (2017; doi: 10.1093/brain/awx015).

Das Karpaltunnelsyndrom, das durch eine Druckschädigung in der Handwurzel Missempfindungen und Schmerzen im Ausbreitungsgebiet  des Nervus medianus auslöst, gehört zu den neuropathischen Schmerzen, die objektiv untersucht werden können. Allgemein bekannt ist, dass die Nervenleitfähigkeit im Nerven herabgesetzt ist. Es gibt aber auch eine Auswirkung im Gehirn, wie Vitaly Napadow vom Massachusetts General Hospital in Boston vor einigen Jahren herausfand: Im somatosensorischen Cortex verringert sich die Distanz der Punkte, die durch eine Reizung der Haut am zweiten und dritten Finger aktiviert werden.

Jetzt hat Napadow untersucht, welche Veränderungen sich hier durch die Akupunktur ergeben. In einer Studie wurden 80 Patienten mit Karpaltunnelsyndrom auf drei Gruppen randomisiert. Bei der ersten Gruppe wurde an der erkrankten Hand eine echte Elektroakupunktur durchgeführt. In der zweiten Gruppe wurde eine Schein-Akupunktur durchgeführt, bei der die Nadel nur auf die Haut drückt, aber nicht eigestochen und auch nicht elektrisch gereizt wird. In der dritten Gruppe wurde die echte Akupunktur am Knöchel und Ferse des gegenüber liegenden Beines durchgeführt. 

Nach Abschluss von 16 Behandlungen über acht Wochen berichteten die Teilnehmer in allen drei Gruppen über eine Verbesserung der Symptome. Schmerzen und Taubheits­gefühl hatten offenbar nachgelassen. Die Nervenleitung verbesserte sich allerdings nur in den beiden Gruppen, die eine echte Akupunktur erhalten hatten. Auch die Hirnveränderungen – gemessen wurde die fraktionale Anisotropie, die Aussagen über die Integrität von Nervenfasern erlaubt – traten nur bei der echten Akupunktur auf. Wobei erstaunlicherweise auch die echte Akupunktur des gegenüberliegenden Knöchels eine Wirkung erzielte.

Die falsche Akupunktur führte dagegen zu keinen Veränderungen im somatosenso­rischen Cortex. Die Linderung der Beschwerden ist demzufolge eher eine Placebo-Wirkung. Dafür spricht auch, dass die Wirkung der Schein-Akupunktur nach drei Monaten bereits wieder nachgelassen hatte. Bei der echten Akupunktur hielt die Linderung der Beschwerden an. Die Wirkung war hier laut Napadow um so besser, je ausgeprägter die Veränderungen in der fraktionalen Anisotropie ausgefallen waren. 

Die Studie liefert eine plausible Erklärung für die Wirksamkeit der Elektroakupunktur. Napadow vermutet, dass die Effekte in ähnlicher Weise wie bei der transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS) zustande kommen könnten. Welchen Stellenwert die Therapie hat, lässt sich aus der Studie jedoch nicht ableiten.

Napadow weist darauf hin, dass die Patienten noch unter einem relativ milden Karpaltunnelsydrom litten. Bei schwereren Verlaufsformen könnte weiter eine operative Durchtrennung des Retinaculum flexorum die Behandlung der Wahl sein. Diese Behandlung ist allerdings nur erfolgversprechend, solange es noch nicht zu einer dauerhaften Druckschädigung des Nerven gekommen ist. © rme/aerzteblatt.de

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TobiO
am Mittwoch, 8. März 2017, 10:03

Merkwürdige Studie oder merkwürdiger Kommentar

@ mmetzger: Die von Ihnen genannte fMRI Studie ist mir bekannt. Ich kann Ihren Vergleich jedoch nicht nachvollziehen. Die Studie findet zwar keinen Unterschied in der subjektiven Wahrnehmung (auch wenn hier das Placebo schon zu einer kurzzeitigen Verbesserung beiträgt) jedoch gibt es Veränderungen auf struktureller Ebene im Gehirn.
mmetzger
am Dienstag, 7. März 2017, 04:14

Wie toter Lachs...

Diese Studie erinnert mich irgendwie an toten Lachs... ("fMRI dead salmon" mal bei Google eingeben). Wieder einmal ein Artikel im Ärzteblatt, der unkritisch Pseudomedizin anpreist. Es gibt mittlerweile genügend größere Studien, die zeigen, dass es keinen Unferschied zwischen "echter" und Scheinakupunktur gibt (genauso wie es in dieser Studie keinen Unterschied im primären Outcome zwischen diesen Gruppen gibt). Die zahlreichen Messungen und vielen sekundären Outcomes klingen dann auch leider sehr nach p-Wert-Fischerei...

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