Medizin

Chronisch myeloische Leukämie: Imatinib könnte langfristig Lebenserwartung normalisieren

Freitag, 10. März 2017

Jena – Imatinib hat die Prognose von Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie (CML) entscheidend verbessert. Von den Teilnehmern der Studie, die 2001 zur Zulas­sung des Tyrosinkinase-Hemmers führte, sind einer Publikation im New England Journal of Medicine (2017; 376: 917–927) zufolge noch 83 Prozent am Leben, was in etwa der Überlebensrate in der Normalbevölkerung entspricht.

Vor Einführung von Imatinib betrug die jährliche Mortalität der CML zehn Prozent in den ersten zwei Jahren und danach 15 bis 20 Prozent pro Jahr. Die mediane Überlebenszeit lag unter der früheren Interferon-basierten Standardtherapie bei drei bis sieben Jahren. Seit der IRIS-Studie („International Randomized Study of Interferon and STI571“, der früheren Bezeichnung von Imatinib) hat sich die Situation grundlegend verändert. Schon die ersten Publikationen zeigten, dass 76,2 Prozent der Patienten eine komplette zyto­gene­tische Response erreicht hatten (gegenüber 14,5 Prozent unter der Behandlung mit Interferon alfa plus Cytarabin). Bei diesen Patienten waren alle Philadelphia-Chro­mo­somen aus dem Blut verschwunden.

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Das Philadelphia-Chromosom entsteht durch einen Austausch zwischen den Chromo­somen 9 und 22. Dabei entsteht das BCR-abl-Gen. Es kodiert eine daueraktive Rezep­tor­tyrosinkinase, die für die chronische Proliferation der Leukozyten verantwortlich ist. Imatinib inhibiert das Enzym und unterbindet dadurch effektiv die Zellvermehrung. Dies bedeutet zwar keine Heilung der CML. Doch so lange die Patienten Imatinib einnehmen, normalisiert sich das Blutbild. 

Der Erfolg der Imatinib-Behandlung hat dazu geführt, dass die Interferon-basierte Thera­pie in der Kontrollgruppe der IRIS-Studie nach weniger als einem Jahr aufgege­ben wurde. Allen Patienten wurde eine Behandlung mit Imatinib angeboten. Ein Team um Andreas Hochhaus vom Universitätsklinikum Jena konnte 10,9 Jahre nach Beginn der IRIS-Studie das Schicksal von etwa 80 Prozent der Teilnehmer ermitteln. Von ihnen waren noch 84,4 Prozent am Leben. Unter den Patienten, die nach 18 Monaten ein optimales Ergebnis (Major molecular response mit Abfall der BCR-ABL-Werte auf unter 0,1 Prozent) erreichten, lagen die Überlebensraten bei mehr als 90 Prozent. In dieser Gruppe gab es seither keinen einzigen CML-bedingten Todesfall.

Patienten mit einer „tiefen“ Remission können laut Hochhaus die Therapie mit Imatinib sogar absetzen. Da allerdings im Prinzip eine einzige übrig gebliebene Tumorzelle ein Rezidiv auslösen kann, müssen diese Patienten regelmäßig nachkontrolliert werden, um die Therapie rechtzeitig wieder zu beginnen. 

Die allermeisten Patienten müssen das Medikament vermutlich bis an ihr Lebensende einnehmen. Umso erfreulicher ist es für Hochhaus, dass sich die Verträglichkeit von Imatinib in der Dauerbehandlung nicht verschlechtert hat. Es gab keine Hinweise, dass sich die Nebenwirkungen aufsummieren oder verstärken.

Nicht zuletzt durch die Erfahrungen aus der IRIS-Studie ist die CML zur Modellerkran­kung für Diagnostik und Therapie vieler Krebserkrankungen geworden. Bei den meisten anderen Krebserkrankungen sind die Ursachen jedoch komplexer. In der Regel gibt es nicht wie bei der CML einen einzigen zugrunde liegenden Gendefekt, sondern viele.

Der Erfolg von Imatinib konnte deshalb bei anderen Krebserkrankungen nicht wiederholt werden. Eine Ausnahme bilden gastrointestinale Stromatumore, denen der gleiche Gendefekt wie bei der CML zugrunde liegt. Nach einer kürzlich in JAMA Oncology (2017; doi: 10.1001/jamaoncol.2016.6728) veröffentlichten Studie haben sich die Überlebenszeiten dank Imatinib bei diesem Tumor ebenfalls deutlich verbessert. © rme/aerzteblatt.de

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