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Medizin

Altersforschung: Ein längeres Leben mit zunehmend schlechter Gesundheit

Dienstag, 14. März 2017

Die Menschen werden immer älter. Schild mit Aufschrift "Aging" und "Stay young" /M-SUR stock.adobe.com
Die Menschen werden immer älter, ob sie aber immer gesünder älter werden, darüber sind sich Forscher nicht einig. /M-SUR, stock.adobe.com

Durham/Rostock – Vergleicht man einen 100-Jährigen 1998 mit einem 100-Jährigen 2008, sollte man davon ausgehen, dass der zehn Jahre später Geborene einen gesundheitlichen Vorteil hat. Das ist jedoch nur teilweise der Fall. Zwar sank die Sterberate der 100-Jährigen um bis zu 1,3 Prozent im Jahr 2008. Es zeichnete sich zudem ein Vorteil bei täglichen Aktivitäten ab.

Physische Herausforderungen, etwa von einem Stuhl aufzustehen, oder kognitive Fähigkeiten verschlechterten sich bei den später geborenen Jahrgängen zunehmend. Der medizinische Fortschritt konnte ihnen nicht helfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Lancet publizierte Studie mit fast 20.000 hochbetagten Chinesen (2017; doi: 10.1016/S0140-6736(17)30548-2).

Weltweit wächst eine Altersgruppe am schnellsten, die über 80-Jährigen. Frühere Stu­dien konnten nachweisen, dass Menschen heutzutage nicht nur älter werden, sondern dabei auch gesünder leben als früher. Als Grund führen die Vertreter dieser These den medizinischen Fortschritt, einen besserern Lebenstil und sozioökonomische Vorteile an. Die aktuelle Studie zeigt jedoch genau das Gegenteil und wird dabei von ähnlichen Stu­dien aus Schweden zu Lungenkapazität und Kognition sowie aus Japan zur Demenz unterstützt.

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Dafür haben die Forscher um Yi Zeng zwei Gruppen der ältesten Menschen in China untersucht und jeweils jene, die in einem Abstand von zehn Jahren geboren wurden, verglichen. Die Kohorte, die der Chinese Longitudinal Healthy Longevity Study ent­stammt, wurde unterteilt in 80- bis 89-Jährige (n = 7.288), 90- bis 99-Jährige (n = 7234) und 100- bis 105-Jährige (n = 5.006). Von dieser Kohorte wurden aufgrund der hohen Sterberate nur 2,8 Prozent sowohl im Jahr 1998 und 2008 interviewt. Das Interesse der Autoren galt dabei der Mortalität, der täglichen Aktivität (activities of daily living, ADL), den physischen und kognitiven Fähigkeiten.

Um die physischen Fähigkeiten zu testen, mussten die Teilnehmenden von einem Stuhl aufstehen, ein Buch vom Boden aufheben und sich einmal um ihre eigene Achse drehen. ADL analysierten die Forscher anhand subjektiver Einschätzungen der Teil­nehmenden. Dabei wurde gefragt, ob sie noch selbstständig essen, sich anziehen oder die Toilette nutzen können.

Vergleich der 80- bis 105-Jährigen,
1998 versus 2008

  • Mortalität:
    Reduktion um 0,2 bis 1,3 Prozent
  • Schwierigkeiten tägliche Aktivität:
    Reduktion um jährlich 0,8 bis 2,8 Prozent
  • kognitive Fähigkeit:
    Anstieg um jährlich 0,7 bis 2,2 Prozent
  • physische Fähigkeiten:
    Anstieg um jährlich 0,4 bis 3,8 Prozent

Wer zehn Jahre später geboren wurde, hatte einen klaren Überlebensvorteil in allen drei Altersgruppen. Bei den 80- bis 89-Jährigen sank die Sterblichkeit von 10,3 Prozent im Jahr 1998 auf 9,6 Pro­zent im Jahr 2008; bei den 90- bis 99-Jährigen beobachteten die Autoren eine Reduktion von 24,1 Prozent auf 23,4 Prozent; bei den über 100-Jährigen von 40,7 Prozent auf 38,0 Prozent.

Erstaunlicherweise hatten alte Menschen im Jahr 2008 jedoch schlechtere physi­sche Fähigkeiten als Gleichaltrige im Jahr 1998. Das traf für alle Altersgruppen zu und bestätigte sich auch bei den kognitiven Fähigkeiten (siehe Kasten). Die bessere Bewer­tung der ADL führen die Forscher auf komfortablere Hilfsgeräte und Services zurück. Warum diese jedoch nicht einhergehen mit einer ebenfalls besseren kognitiven und physischen Gesundheit, muss erst noch untersucht werden.

Kenneth Rockwood von der Dalhousie University in Kanada schreibt in einem Kommen­tar zur Studie über mögliche Einflussfaktoren, die speziell die Kohorte in China betreffen: „Am Ende des 20. Jahrhunderts gab es in China enorme soziale Veränderungen.“ Spä­ter führte die Migration zu einer Urbanisierung, die Ein-Kind-Politik wurde eingeführt und der Zugang zum Gesundheitssystem gestaltete sich sehr unterschiedlich. Nach Rock­woods Ansicht hatten spätere Generationen geringere Chancen auf Bildung, was die kognitiven Fähigkeiten verschlechtert haben könnte. Auch in Deutschland gab es vergleichbar große soziale Veränderungen. „Diese fanden jedoch zu einem anderen Zeitpunkt statt als in China“, sagt der Autor James Vaupel vom Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock. Die Ergebnisse der Studie können daher nur bedingt auf Deutschland übertragen werden. © gie/aerzteblatt.de

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Mathilda
am Donnerstag, 16. März 2017, 09:36

Die Studie vergleicht Äpfel mit Birnen

Früher erreichte nur eine kleine Gruppe Menschen ein sehr hohes Lebensalter. Diese Gruppe war gekennzeichnet durch eine meist hohe Bildung und einen Lebensstil, der gesunde Ernährung mit häufig viel Bewegung verbindet.
Heute erreichen eher durchschnittliche Menschen dieses Alter von über 80 Jahren. Also durchaus auch Menschen, die sich (ihr Leben lang) wenig bewegen, die eher ungesund essen bzw. darauf niemals geachtet haben.
Will man den in der Studie angesprochenen Vergleich sinnvoll führen, so muss man jeweils Menschen vergleichen, die ein ausgesprochen hohes Lebensalter erreichen. Also die 80-Jährigen von 1998 mit den vielleicht 90-Jährigen von 2008 oder heute. Dann würde man wieder die jeweils analoge Kohorte vergleichen - und wahrscheinlich wieder genau die gebildeten, besonders gesund ernährten und besonders aktiven Alten erwischen.
isnydoc
am Mittwoch, 15. März 2017, 14:45

Prozente wofür?

Ist beeindruckend, was sich so exakt in prozentualen Zahlen gegen Lebensende wissenschaftlich verwerten lässt, wie wird das erst noch, wenn die demnächst älteren Leute Daten in Hülle und Fülle dank 24/7 getragener "wearables" liefern?

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