NewsMedizinBabyblues: Nahrungsergänzungs­mittel könnten die Gefühlslage junger Mütter verbessern
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Babyblues: Nahrungsergänzungs­mittel könnten die Gefühlslage junger Mütter verbessern

Donnerstag, 23. März 2017

Schwangerschaft und Entbindung stellen für viele Frauen eine große seelische Belastung dar. Zwischen zehn und 15 Prozent der jungen Mütter entwickeln eine Wochenbettdepression. /Monkey Business stock.adobe.com
Schwangerschaft und Entbindung stellen für viele Frauen eine große seelische Belastung dar. Zwischen zehn und 15 Prozent der jungen Mütter entwickeln eine Wochenbettdepression. /Monkey Business stock.adobe.com

Toronto –  Eine Dreierkombination aus Nahrungsergänzungsmitteln könnte vor einer Vorstufe der Wochenbettdepression, der postpartalen Stimmungskrise (PPB), schützen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Washington University in St. Louis in einer kontrollierten, jedoch nicht verblindeten Studie mit 41 Frauen. Das Trio aus Tryptophan, Tyrosin und dem Antioxidanz Heidelbeerextrakt trug nach Ansicht der Autoren dazu bei, dass keine der Teilnehmerinnen den Babyblues erfahren musste. Die Studie wurde in Proceedings of the National Academy of Sciences publiziert (2017; doi: 10.1073/pnas.1611965114).

Den Babyblues führen Wissenschaftler auf einen Anstieg des Enzyms Monoaminoxidase A (MAO-A) um 40 Prozent zurück. Das Enzym baut Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin im Gehirn ab, die für eine gute Stimmungslage sorgen. Die Nahrungs­ergän­zungsmittel sollen genau diesem MAO-A-Anstieg entgegenwirken.

Anzeige

Kurz nach der Geburt ab Tag drei erhielten die Teilnehmerinnen eine schriftliche Anlei­tung für die Einnahme der Dreierkombination, die sie drei Tage lang einhalten sollten. Diese setzte sich aus 2 Gramm L-Tryptophan (1-g-Kapseln am Abend), 10 Gramm L-Tyrosin (500-mg-Kapseln am Morgen), Heidelbeersaft und -extrakt in Form von Pulver zusammen. Die Tryptophan- und Tyrosin-Level in der Muttermilch ändern sich durch die Nahrungsergänzung nicht, versichern die Autoren basierend auf vorherigen Studien­ergebnissen.

Am fünften Tag nach der Geburt, wenn der Babyblues für gewöhnlich seinen Höhepunkt erreicht, untersuchten die Ärzte die Stimmungslage der Teilnehmerinnen. Dafür setzten sie die frischen Mütter negativen Stimuli aus, etwa einem traurigen Musikstück oder lethargischen Statements. Mit dieser Mood induction procedure (MIP) konnten die For­scher jedoch ausschließlich in der Kontrollgruppe eine depressive Stimmung verursa­chen. Diejenigen, die die Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen hatten, blieben emotional unberührt (43.85 ± 18.98 mm versus 0.05 ± 9.57 mm). Die Effektgröße lag bei 2,9. Das entspricht einem mindestens zehnfach größeren Effekt verglichen mit anderen Interventionen oder Placebo, schreiben die Autoren in ihrer Auswertung.

Ob die Nahrungsergänzungsmittel dabei tatsächlich den MAO-A-Anstieg verhindern konnten, lässt die Studie offen. Tryptophan ist dafür bekannt, die Einschlafzeit zu ver­kürzen. Ein erholsamer Schlaf könnte der Interventionsgruppe daher ebenso einen Vorteil verschafft haben. Tyrosin erhöht zudem die Stressresilienz.

Michael Dettling und Natascha Schwertfeger, leitende Ärzte der Mutter-Kind-Einheit der Charité – Universitätsmedizin Berlin, überzeugt das Studiendesign nicht: „Aufgrund methodischer Einschränkungen, wie etwa einer fehlenden Verumkontrolle und insuffi­zienter psychometrischer Messverfahren, können wir die optimistischen Aussagen der Autoren nicht nachvollziehen.“ Bevor Nahrungsergänzungsmittel Frauen nach der Schwangerschaft präventiv empfohlen werden können, müssten Wirkung und Neben­wirkungen wissenschaftlich solider untersucht werden, sagen die Experten, die sich seit Jahren mit postpartalen psychischen Erkrankungen befassen.

Schwangerschaft und Entbindung stellen für viele Frauen eine große seelische Belas­tung dar. Zwischen zehn und 15 Prozent der jungen Mütter entwickeln eine Depression, die man aufgrund ihres zeitlichen Zusammenhangs mit einer Geburt als „postpartale Depression“ (PPD) oder Wochenbettdepression bezeichnet. Diese verschwindet meist einige Tage nach der Entbindung wieder. Bei einigen Frauen entwickelt sich diese aber zu einer länger anhaltenden Wochenbettdepression oder zu einer krankhaften und behandlungsbedürftigen Psychose. © gie/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

29. Oktober 2020
Silver Spring/Maryland – Nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAID) können die Nierenfunktion von Feten schädigen, was zu einem Fruchtwassermangel führen kann. Die US-Arzneimittelagentur FDA will deshalb
NSAID: FDA warnt vor Fruchtwassermangel ab 20. Schwangerschaftswoche
29. Oktober 2020
Edmonton – Muskelkrämpfe sind bekanntlich weit verbreitet und treten in den verschiedensten Situationen auf. Ältere Erwachsene und Schwangere klagen häufig über Beinkrämpfe im Ruhezustand, Sportler
Der Nutzen von Magnesiumgaben bei Krämpfen
26. Oktober 2020
San Francisco – Ein nicht-immunologischer Hydrops fetalis, der dank der Ultraschalldiagnostik häufiger gesehen wird, hat oft genetische Ursachen, die sich mit einer Exomanalyse erkennen lassen. In
Hydrops fetalis: Exomanalyse findet häufig genetische Ursachen
21. Oktober 2020
Melbourne – Grippeviren können – anders als etwa das Zikavirus – die Plazentaschranke nicht passieren. Dennoch kann eine Influenza in der Schwangerschaft den Feten schwer schädigen. Eine
„Vaskulärer Sturm“: Wie eine Grippe in der Schwangerschaft Gesundheit und Leben des Kindes gefährdet
20. Oktober 2020
Indianapolis – Eine Vakuumtherapie, die die Wundheilung durch einen über eine Pumpe erzeugten Unterdruck fördern soll, hat in einer randomisierten Studie im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA, 2020; DOI:
Kaiserschnitt: Wundbehandlung mit Unterdruck schützt nicht vor Infektionen
12. Oktober 2020
San Francisco – Eine Infektion mit SARS-CoV-2 führt bei Schwangeren in der Regel nur zu einer milden Erkrankung, die jedoch länger dauern kann als bei anderen Menschen. Dies geht aus einer
COVID-19: Register sammelt Daten zu Erkrankungen in der Schwangerschaft
8. Oktober 2020
Paris – Fast zwei Millionen Kinder werden jährlich tot geboren – und diese Zahl könnte laut einem UN-Bericht wegen der Coronapandemie noch deutlich steigen. Im Schnitt alle 16 Sekunden gebe es eine
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER