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Medizin

Entdecker zweier Tumorviren mit dem Paul-Ehrlich-Ludwig-Darm­staedter-Preis ausgezeichnet

Mittwoch, 15. März 2017

Patrick S. Moore und Yuan Chang /dpa

Frankfurt am Main – Das amerikanische Forscherehepaar Yuan Chang (57) und Patrick S. Moore (60) vom University of Pittsburgh Cancer Institute in Pittsburgh hat den Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis 2017 erhalten. Die mit 120.000 Euro dotierte und international renommierte Auszeichnung für medizinische Forschung ist gestern in der Frankurter Paulskirche verliehen worden.

Chang und Moore werden für ihre Arbeiten zu Tumorviren geehrt. Die beiden Preis­träger haben zwei tumorauslösende Viren gefunden und charakterisiert und damit Methoden weiterentwickelt, um unbekannte Tumorviren zu identifizieren. Das erste war im Jahr 1993 das humane Herpesvirus Typ 8 (HHV-8), auch als Kaposi-Sarkom-assozi­iertes Herpesvirus (KAV) bekannt. Es ist die Ursache für das Kaposi-Sarkom, das bei Menschen mit HIV-Infektion und anderen Formen der Immunsuppression, zum Beispiel nach Organtransplantation, auftritt.

Im Jahr 2008 entdeckten Chang und Moore – nach neun Jahre langer Suche – den virologischen Auslöser für das Merkelzellkarzinom: Das Merkelzell-Polyomavirus (MCPyV). Anders als HHV-8, das generell bei Patienten mit Kaposi-Sarkomen nachweis­bar ist, löst das Merkelzell-Polyomavirus 60–80 Prozent der Merkelzellkarzinome aus, die übrigen entstehen unter dem Einfluss von UV-Licht.

Nach Genen, nicht nach Viruspartikeln gesucht

„Die Pionierarbeit der beiden Wissenschaftler, die als Ehepaar entscheidend zu unse­rem Verständnis Virus-assoziierter Krebserkrankungen beigetragen haben, ist von großer praktischer Bedeutung: Sie eröffnet neue Möglichkeiten zur Prävention und Therapie des Kaposi-Sarkoms als eine der heute in Afrika häufigsten Krebserkran­kun­gen und sie weist neue Wege zur Diagnostik, Vorbeugung und Therapie des Merkelzell­karzinoms“, sagte Harald zur Hausen, Vorsitzender des Stiftungsrats, in seiner Laudatio. Zur Hausen ist einer von drei Medizinnobelpreisträgern des Jahres 2008. Er hatte An­fang der 1980er-Jahre mit seiner Arbeitsgruppe erstmals humane Papillomviren (HPV 16 und HPV 18) als Auslöser von Gebärmutterhalskrebs identifiziert.

Die diesjährigern Paul-Ehrlich-Preisträger hätten bei ihrer Suche nach Tumorviren eine neue und für den Erfolg entscheidende Strategie eingeschlagen, sagte zur Hausen: „Sie haben erkannt, dass man bei Tumorviren nach Genen suchen muss und nicht nach Viruspartikeln“, so der Stiftungsratsvorsitzende. Chang und Moore hatten das HHV-8 entdeckt, indem sie das Genom von gesunden menschlichen Hautzellen mit dem von Kaposi-Sarkomzellen verglichen und über eine Art Subtraktion die HHV-8-spezifischen Gene in den Sarkomzellen identifizierten. Bei der Entdeckung des MCPyV waren sie nach einem ähnlichen Prinzip vorgegangen, subtrahierten aber nicht mehr das komplet­te humane Genom aus gesunden und erkrankten Zellen, sondern nur noch die Boten­ribonukleinsäuren.

Jede sechste Tumorerkrankung ist virusbedingt

HHV-8 und MCPyV sind zwei von derzeit sieben bekannten tumorauslösenden Viren, darunter Epstein-Barr- und Hepatitis-B- und -C-Viren. Weltweit gehe jede sechste Krebs­erkrankung auf eine Virusinfektion zurück, sagte zur Hausen. „Wir sind überzeugt, dass es noch mehr Tumorviren gibt.“

Nachwuchspreis

Der mit 60.000 Euro dotierte Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Nachwuchspreis ging an Volker Busskamp (36), Forschungsgruppenleiter am DFG-Forschungszentrum für Regenerative Therapien der TU Dresden (CRTD). Er arbeitet an künstlichen Nerven­zell-Schaltkreisen, um Formen starken Sehverlusts oder angeborener Blindheit wie Retinitis pigmentosa zu therapieren. „Busskamps Ideenreichtum und sein brilliantes technisches Können sind die Basis für die Erfolge, die in Tierversuchen schon erzielt werden konnten“, so der Stiftungsrat in seiner Begründung.

Eine Gemeinsamkeit virusinduzierter Tumoren sei, dass sie sich auf der Grundlage einer – oft chronischen – Immunsuppression entwickelten, sagte Moore. Eine Infektion mit HHV-8 bleibe ohne Immunsuppression symptomlos. Voraussetzung der virusindu­zierten Entwicklung eines Merkelzellkarzinoms sei, dass sich MCPyV, mit dem 60–80 Prozent der Menschen in westlichen Ländern infiziert seien, unter einer Immunsuppres­sion stark replizieren und dann sein Genom oder Teile davon in das menschliche Erbgut einbauen könne. „Erst nach einer anschließenden Mutation der viralen Erbsubstanz allerdings kann sich dann ein Tumor entwickeln, und weil dieses Zusammentreffen meh­re­rer notwendiger Voraussetzungen selten ist, sind auch Merkelzellkarzinome selten“, sagte Moore im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Immuntherapien gegen Merkelzellkarzinome geprüft

Es seien allerdings die bösartigsten Hauttumoren, die es beim Menschen gebe. „Immun­therapien wie Checkpoint-Inhibitoren und Krebsvakzine gehören zu den vielverspre­chends­ten neuen Strategien, die derzeit gegen Merkelzellkarzinome entwickelt und geprüft werden“, sagte Moore. © nsi/aerzteblatt.de

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