Ausland

Die gezielte Blockade der medizinischen Versorgung wird zur Waffe im Syrienkonflikt

Donnerstag, 16. März 2017

Beirut – Der Zugang zu medizinischer Versorgung wird in Syrien zunehmend als Waffe missbraucht. Den Menschen vor Ort wird diese durch gezielte Angriffe verwehrt. Das berichtet eine auf Syrien spezialisierte Kommission des Lancet unter der Leitung der American University of Beirut. Das berichtet eine auf Syrien spezialisierte Kommission des Lancet (2016; doi: 10.1016/S0140-6736(16)32583-1) unter der Leitung der American University of Beirut.

Vor rund sechs Jahren begann der Syrienkonflikt. Seitdem sind laut den Schätzungen einer Studie mehr als 800 Mitarbeiter des Gesundheitswesens ums Leben gekommen. Allein im Jahr 2016 gab es fast 200 Anschläge auf medizinische Einrichtungen. Die Autoren der Studie vermuten jedoch eine weitaus höhere Zahl an Toten unter den Ge­sundheitshelfern und verweisen auf die schwierige Dokumentation und Beweisführung.

Angriffe sind Kriegsverbrechen

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Anhand ihrer Daten machen die Autoren für 94 Prozent der Fälle die syrische Regierung und ihren Alliierten Russland für die Anschläge auf medizinische Einrichtungen verant­wortlich. Sie berichten, dass einzelne Einrichtungen mehrfach angegriffen werden, um so ihre Schließung herbeizuführen. Beispielsweise wurde das Kafr Zita Cave Hospital in Hama seit 2014 33-mal bombardiert. M10, ein Untergrundkrankenhaus in Ost-Aleppo, wurde innerhalb von drei Jahren 19-mal attackiert, bis es im Oktober 2016 vollständig zerstört wurde. Die gesammelten Daten zeigen, dass mehrfache Angriffe auf ein Krankenhaus immer häufiger und weitläufiger werden. Die Forscher betonen, dass ein derartiges Ausmaß der gezielten Zerstörung medizinischer Einrichtungen einem Kriegs­verbrechen gleichkomme.

Die Hälfte aller syrischen Ärzte haben das Land verlassen

In besetzten Gebieten wird die medizinische Versorgung der Menschen stark behin­dert. Aufgrund der Flucht vieler älterer und erfahrener Ärzte sind junge Ärzte trotz teils nicht abgeschlossener Ausbildung und wenig Erfahrung in Notfallmedizin und Trauma­manage­ment dazu gezwungen, unter extremen Bedingungen Hilfe zu leisten. Ihre geringe Erfahrung ist eine Gefahr für die Patienten. Außerdem müssen sie ihre Aus­bildung unterbrechen. Damit droht in den kommenden Jahren die Gefahr eines Mangels an gut ausgebildeten Ärzten.

Schätzungen zeigen, dass zwischen 2011 und 2015 die Hälfte aller syrischen Ärzte das Land verlassen haben. In Ost-Aleppo bleibt heute noch ein Arzt für rund 7.000 Einwoh­ner, 2010 war es noch einer pro 800 Einwohner. Die einzige während des Krieges durch­­geführte Umfrage kommt zu der Einschätzung, dass etwas zwei Drittel der syri­schen Bevölkerung in Gebieten leben, in denen es an medizinischem Personal mangelt, oder dieses sogar ganz fehlt.

In den nicht staatlich besetzten Gebieten sehen sich die wenigen verbleibenden Gesund­heitshelfer einer Vielzahl von Traumaopfern, Mangel an Arzneimitteln, Aus­brüchen von Infektionskrankheiten und chemischen Angriffen gegenüber. In Belage­rungs­gebieten sind chirurgische Versorgung und essenzielle Medikamente nur selten zugelassen, Patienten  dürfen nur selten evakuiert werden und Maßnahmen der öffent­lichen Gesundheit wie Wasserchlorierung und Masernimpfung werden blockiert.

Der Großteil der noch verbliebenen Gesundheitshelfer befindet sich in staatlich kontrollierten Gebieten, wo sie Granatwerfer-Angriffen durch Rebellengruppen und einem erhöhten Sicherheitsrisiko ausgesetzt sind, sowie wenig Reise- und Ausbildungsmöglichkeiten haben.

Laut der Kommission bedroht das Konzept der „Gesundheitsversorgung als Waffe“ die im internationalen Völkerrecht festgelegte Grundlage medizinischer Neutralität. Die syri­sche Regierung und ihr Hauptverbündeter Russland nutzten diese Strategie in weiten Teilen des Landes.

Medizinische Hilfe für Oppositionelle wird seit 2012 gesetzlich bestraft

Zum Beispiel verabschiedete die syrische Regierung 2012 ein Gesetz, nach dem medizinische Hilfe für Anhänger der Opposition mit Gefängnis, Hin­richtung, Folter und Entführung bestraft wird. Die Autoren fordern Maßnahmen, um die medizinische Versorgung in Krisengebieten sicherzustellen. Dies beinhalte genaue Dokumentation der Angriffe auf medizinisches Personal und Erfassung der jeweiligen Täter durch die Weltgesundheitsorganisation, einen besseren Schutz für medizinisches Personal und eine größere Rechenschaftspflicht bei Verstößen gegen das Völkerrecht

„2016 war bislang das gefährlichste Jahr für Gesundheitshelfer in Syrien und noch immer gehen die Anschläge weiter. Ziel der zahlreichen systematischen Angriffe ist es, der Bevölkerung jedweden Zugang zu medizinischer Versorgung zu versperren und sie so zu kontrollieren“, mahnen die Autoren. © hil/aerzteblatt.de

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