Medizin

Altersbedingte Makuladegeneration: Erblindung nach vermeintlicher Stammzell­transplantation

Donnerstag, 16. März 2017

Miami und Kyoto – In den USA haben drei Frauen nach einer vermeintlichen Stammzell­therapie der altersbedingten Makuladegeneration einen schweren Sehverlust erlitten. In Japan blieben Forscher mit einem ernsthaften Versuch einer Stammzelltherapie eben­falls erfolglos, wie aus den Publikationen im New England Journal of Medicine (2017; 376: 1038–1046, 376: 1047–1053) hervorgeht.

Die Idee, Krankheiten durch körpereigene Stammzellen zu heilen, begeistert nicht nur die Wissenschaft. Auch die Medien berichten regelmäßig über die Forschungsergeb­nisse, und viele betroffene Patienten recherchieren im Internet nach möglichen Behand­lungen. Doch nicht alles, was vermeintliche „Stammzellkliniken“ anbieten, ist eine Stammzelltherapie. Eine sehr bittere Erfahrung machten auch drei ältere Amerikane­rinnen, die sich zur Behandlung ihrer altersbedingten Makuladegeneration (AMD) an eine Klinik in Sunrise/Florida gewandt hatten.

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Die Klinik hatte das Register clinicaltrials.gov als Plattform genutzt, um für eine Behand­lung mit „Adipose Stem Cells“ zu werben. Den Damen war suggeriert worden, dass sie an einer klinischen Studie teilnehmen, was aber nach Recherchen des Ophthalmologen Thomas Albini vom Bascom Palmer Eye Institute in Miami nicht der Fall war. Die Teil­nehmerzahl der Studie wird im Studienregister mit Null angegeben, und die Klinik stellte den Damen 5.000 US-Dollar pro Behandlung in Rechnung.

Hinzu kam, dass es sich bei den „Adipose Stem Cells“ nicht um Stammzellen im eigent­lichen Sinn handelte. Die Ärzte der Klinik hatten den Patientinnen nur etwa 60 ml Fett­gewebe aus dem Bauch abgesaugt. Das Aspirat wurde danach gewaschen und für zwölf Minuten mit Enzymen versetzt, um die Zellen vom Bindegewebe zu trennen. Die Zellen wurden dann in zwei Durchgängen mittels Zentrifugation isoliert, um sie aufgelöst in einem mit Thrombozyten angereicherten Plasma in die Glaskörper der Patientinnen zu injizieren. Die Behandlung beider Augen dauerte insgesamt weniger als eine Stunde. Danach wurden die Frauen nach Hause entlassen.

Bei allen drei Frauen kam es innerhalb weniger Tage zu einer Netzhautablösung. Thomas Albini vom Bascom Palmer Eye Institute in Miami vermutet, dass die vermeint­lichen Stammzellen mit der Retina verklebt waren und nach einer Kontraktion die Netz­haut zerrissen haben. Die Ophthalmologen diagnostizierten eine Kombination aus zug- und rissbedingter Netzhautablösung (traktive und rhegmatogene amotio retinae) sowie Einblutungen in den Glaskörper.

Bei einer Frau kam es zu einer Dislokation der Linse und zu einem steilen Anstieg des Augeninnendrucks, der schon bald zum völligen Sehverlust führte. Da die Frau gleich beide Augen behandeln lassen hatte – was in klinischen Studien zu experimentellen Therapien ein krasser Kunstfehler ist – ist sie heute erblindet und ohne Reaktion auf Lichtreize. Die beiden anderen Frauen erlitten ebenfalls einen deutlichen Sehverlust. Eine kann auf dem besseren Auge noch Hand­bewegungen wahrnehmen, bei der anderen beträgt der Visus am besseren Auge 20/200. Sie sieht auf 20 Zentimeter, was gesunde Menschen auf zwei Meter entfernt erkennen.

Wie eine „echte“ Stammzelltherapie aussehen könnte, beschreibt ein Team um den Nobelpreisträger Shin’ya Yamanaka von der Universität Kyoto. Die Forscher entnahmen ihrer Patientin, einer 77-jährigen Frau mit feuchter AMD, bei der es trotz 13 Injektionen mit Anti-VEGF-Wirkstoffen zu einer Verschlechterung des Visus auf 20/200 gekommen war, eine Hautprobe. Aus der Hautprobe wurden Fibroblasten isoliert und dann einer Gentherapie unterzogen. Dabei wurden fünf Gene in die Zellen eingeschleust. Sie verwandelten die Fibroblasten in induzierte pluripotente Stammzellen (iPS).

Die iPS wurden dann in Zellen des retinalen Pigmentepithels differenziert (RPE) und dann in einer Zellkultur vermehrt. Diese aufwendige Aufbereitung der Zellen nahm mehrere Monate in Anspruch (statt einer Stunde in der Pseudo-Behandlung der US-Klinik). Die iPS-RPE wurden nicht einfach in den Glaskörper injiziert. Sie wurden vielmehr in einer Operation in eine Schicht unterhalb der Netzhaut transplantiert. Vorher entfernten die Augenchirurgen eine neovaskuläre Membran, die sich infolge der feuchten AMD ober­halb der Netzhaut gebildet hatte.

Die Patientin berichtet nach der Operation zunächst von einer Verbesserung, die die Augenärzte jedoch allein auf die Entfernung der neovaskulären Membran zurückführen. Der Visus hat sich auch nach einem Jahr noch nicht verbessert. Das Transplantat war noch intakt. Auch die befürchteten Abstoßungsreaktionen, die bei allogenen RPE-Transplantationen in den 1990er-Jahren beobachtet wurden, traten nicht auf. Es kam jedoch zu einem Makulaödem, das mit Steroiden behandelt wurde. Aufgrund dieser Komplikation und der fehlenden Verbesserung des Visus haben die japanischen Forscher vorerst auf die Behandlung einer weiteren Patientin verzichtet. © rme/aerzteblatt.de

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