Medizin

Ureinwohner Boliviens haben die gesündesten Herzen

Montag, 20. März 2017

Albuquerque – Die Tsimané, eine Volksgruppe aus dem bolivianischen Regenwald, erkranken auch im Alter selten an einer Gefäßverkalkung der Herzkranzgefäße, wie Untersuchungen mit dem Koronar-CT im Lancet (2017; doi: 10.1016/S0140-6736(17)30752-3) zeigen. Dabei hatte die Hälfte der Teilnehmer ein hohes C-reaktives Protein, das als Risikofaktor für die Atherosklerose eingestuft wird.

Die etwa 16.000 Angehörigen der Tsimané, ein Eingeborenenstamm aus dem Ama­zonas-Gebiet im Osten Boliviens, leben als Selbstversorger vom Fischen, der Jagd, dem Sammeln von Früchten und dem Gartenbau. Die Beschaffung der Nahrung beschäftigt die Männer sechs bis sieben Stunden am Tag. Die Frauen bewegen sich vier bis sechs Stunden. Auf sitzende Tätigkeiten entfällt nur etwa ein Zehntel der Tageszeit.  

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Die Ernährung besteht zu 72 Prozent aus Kohlenhydraten. Zum Speiseplan gehören Reis, Kochbananen, Maniok-Wurzeln, Mais, Nüsse und Früchte. Raffinierten Zucker kennen die Tsimané nicht. Der Proteinanteil der Nahrung liegt bei 14 Prozent und stammt aus tierischem Fleisch. Mit einem Anteil von 14 Prozent ist die Diät sehr fettarm: Jeder Erwachsene isst etwa 38 Gramm Fett am Tag, einschließlich elf Gramm gesät­tigter Fettsäuren. Transfette werden nicht verzehrt. Rauchen ist bei den Tsimané nicht verbreitet (lebenslang etwa 0,5 Packungsjahre).

Die meisten Tsimané erkrankten bis ins hohe Alter nicht an einer Koronarsklerose. Dies zeigen die Ergebnisse der THLHP-Studie (Tsimane Health and Life History Project), die einen Querschnitt der Bevölkerung eingeladen hat, sich in Trinidad, einer 100.000-Ein­wohner-Stadt im Amazonasbecken, einem Koronar-CT zu unterziehen. Da alle Spesen bezahlt wurden und eine kostenlose medizinische Behandlung angeboten wurde, nah­men 705 Einwohner von 40 bis 94 Jahren die Einladung an.

Die Ergebnisse versetzten das Team um Hillard Kaplan von der Universität von New Mexico in Albuquerque in Erstaunen: 596 Teilnehmer (85 Prozent) wiesen keinerlei Koronarkalk auf und bei weiteren 89 Teilnehmern (13 Prozent) wurde nur minimaler Kornarkalk (CAC-Scores 1–100) gefunden. Eine ausgeprägte Koronarsklerose mit einem CAC-Score von mehr als 100 hatten nur 20 Tsimané (drei Prozent).

Das ist ein starker Kontrast zu den Befunden in der US-amerikanischen MESA-Studie (Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis): Dort waren nur 14 Prozent frei vom Koronarkalk, 36 Prozent hatten eine leichte und 50 Prozent eine ausgeprägte Verkalkung der Koronararterien.

Die bedeutet, dass bei einem Tsimané der CAC-Score im Durchschnitt 24 Lebensjahre später über null ansteigt als bei einem US-Amerikaner. Bis es zu einem CAC-Score von 100 kommt, dauert es sogar 28 Jahre länger. Damit hat ein 80-jähriger Tsimané in etwa das gleiche Gefäßalter wie ein Mitte-50-jähriger US-Amerikaner, berichtet Kaplan.

Die Gründe für die frappierenden Unterschiede liegen auf der Hand. Die Bevölkerung ist weitgehend frei von kardiovaskulären Risikofaktoren: Nur sechs Prozent hatten einen BMI über 30 kg/m2, nur fünf Prozent hatten einen diastolischen Blutdruck über 90 mm Hg, nur neun Prozent hatten ein LDL-Cholesterin über 3,4 mmol/l, nur vier Prozent einen Triglyzeridwert über 2,3 mmol/l, bei keinem Einzigen lag der Nüchternblutzucker über 6,9 mmol/l. Die meisten Teilnehmer erfüllten damit die Kriterien für ein niedriges Herz-Kreislauf-Risiko. Der Framingham-Score auf ein Herz-Kreislauf-Ereignis in den nächsten zehn Jahren betrug nur vier Prozent. Den Forschern wurde bisher nur ein einziger möglicher Todesfall an einem Herzinfarkt bekannt. Den Typ-2-Diabetes gibt es bei den Tsimané nicht.

Es gab jedoch auch Abweichungen von den etablierten Risikofaktoren. Da die Tsimané keinen Zugang zu sauberem Wasser haben und keine sanitären Anlagen kennen, ist das Infektionsrisiko relativ hoch. Ein Drittel der Bevölkerung ist mit Helminthen befallen. Die Folge sind relativ hohe Entzündungsparameter im Blut: 23 Prozent haben Leuko­zytenwerte von mehr als 10.700 Zellen pro Mikroliter, 27 Prozent eine erhöhte Blut­senkungsgeschwindigkeit (über 22 mm/h bei Männern und 29 mm/h bei Frauen), und bei 51 Prozent lag das hochsensitive C-reaktive Protein über 3 mg/l.

Diese Werte sind in Beobachtungsstudien im westlichen Ländern mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert. Den Blutgefäßen der Tsimané scheint die chronische Entzündung dagegen nicht zu schaden. Die Gründe sind unklar. Die häufigen Infek­tio­nen dürften übrigens erklären, warum die Lebenserwartung der Tsimané nicht höher ist als in westlichen Ländern. Sie liegt laut Kaplan bei ungefähr 70 Jahren. © rme/aerzteblatt.de

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