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Vermischtes

Gutachten belastet Sportmediziner Joseph Keul als Dopingarzt

Montag, 20. März 2017

Freiburg – Zwei Tage nach den Wissenschaftlern hat auch die Universität Freiburg das Gutachten zur Rolle des früheren Olympia-Arztes und Sportmediziners Joseph Keul veröffentlicht. „Das Gutachten über Joseph Keul ist ein weiterer wichtiger Baustein, der uns unserem Ziel näherbringt, die Vergangenheit der Freiburger Sportmedizin scho­nungs­los aufzuklären und offenzulegen“, sagte Rektor Hans-Jochen Schiewer in einer Mitteilung. „Wir lösen damit unser Versprechen ein, die rechtlich geprüfte Fassung von dem Gutachten zu veröffentlichen.“

Die Universität beschränkte sich auf eine kurze Interpretation der Inhalte, ohne weiter Stellung zu nehmen. Am Samstag hatten die Autoren Andreas Singler und Gerhard Treutlein die Studie zur Verfügung gestellt, die Veröffentlichung aber auf einige Medien­vertreter beschränkt.

Die Studie kam zu dem Ergebnis, der frühere Olympia-Chefarzt Joseph Keul sei einer der „am meisten dopingbelasteten Sportmediziner in Westdeutschland“ gewesen. Keul, der 2000 gestorbene langjährige Leiter der Abteilung Sportmedizin der Universität Freiburg, sei in seiner Karriere zum „zentralen Garanten“ der Doppelmoral und der Vereinbarkeitsfiktion „des eigentlich Unvereinbaren gewesen, von internationaler Wett­bewerbsfähigkeit und vom manipulationsfreiem Spitzensport als Normalfall“.

Laut Singler und Co-Autor Gerhard Treutlein hat Keul, der als Doyen der deutschen Sportmedizin bezeichnet wurde und seit 1960 die Olympiamannschaften ärztlich betreute, selbst nicht viele Sportler gedopt. Dafür habe er „mit jahrzehntelangen Margi­nalisierungen, Verharmlosungen und Täuschungen über die wahren Verhältnisse“ Wir­kungen erzeugt, wozu im bundesdeutschen Sport vor allem nach der Manipulations­debatte von 1976/77 geschwiegen werden sollte: Doping. Die frühere Leichtathletin und Doping-Aufklärerin Brigitte Berendonk hatte es einst ähnlich formuliert: „Professor Keul hat sich über Jahre hinweg durch seine wissentliche Duldung ums Doping verdient gemacht.“

Allerdings lieferten die Gutachter Belege dafür, dass Keul nachweislich vereinzelte Athle­ten dopte. Als sicher gilt dies im Zusammenhang mit dem Doping zweier Hammerwerfer, die vor dem offiziellen Verbot 1977, aber zumindest in einem dieser Fälle bereits zu Zeiten des Verbots durch den Leichtathletik-Weltverband IAAF seit 1970/71, mit Anaboli­ka gedopt worden waren. Keul hatte aktives Doping stets bestritten.

„In den 1970er-Jahren, bis zur großen Manipulationsdebatte 1976 und 1977 im Nach­gang zu den Olympischen Spielen in Montreal, stand Keul zumindest vereinzelt nach­weisbar auch für aktives Doping beziehungsweise die aktive medizinisch nicht indizierte Intervention zum Zweck der Leistungssteigerung“, schreiben die Autoren in ihrer Studie. Dazu gehöre die „Kolbe-Spritze“, die dem damaligen Ruder-Weltmeister Peter-Michael Kolbe vor dem Einer-Finale bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal gegen Ermü­dung verabreicht worden war, und die Aktion „Luftklistier“. Damit wurde bei bundes­deutschen Schwimmern zur Verbesserung der Wasserlage Luft oder ein Luft-Gas-Gemisch in den Darm gepresst. In beiden Fällen habe Keul laut Gutachten eine Rolle gespielt. Allerdings habe er Kolbe nicht selbst gespritzt. Hingegen setzte der Mediziner, so Singler, die Spritze beispielsweise bei Schwimmern.

Die „eigentliche Mittäterleistung“ Keuls beim bundesdeutschen Doping habe im Image­management für den Hochleistungssport bestanden, in einzelnen Fällen seien auch „handfestere Maßnahmen nachweisbar: die Vertuschung von vorliegenden Doping­fällen“, stellten die Wissenschaftler fest. Darüber würden für die Zeit zwischen 1983 und 1996 neben Akten aus Archiven auch Zeitzeugen Aufschluss geben.

Geschildert wird in dem Gutachten das Management eines Testestoron-Dopingfalls 1983 und mutmaßliche anabolikagestützte Olympia-Vorbereitung für 1984 unter Aufsicht Keuls und des Doping-Analytikers Manfred Donike. Ein Leichtathlet sei bei der Doping­kontrolle bei den deutschen Meisterschaften 1983 in Braunschweig der Einnahme von Testosteron überführt worden. Das Mittel war erst Anfang 1982 auf die Dopingliste gesetzt worden. Der Athlet bestritt die Einnahme, konnte aber wegen der von der IAAF noch nicht veröffentlichten Grenzwerte nicht offiziell gesperrt werden.

In der Folge sei von Keul und Donike bei dem Sportler über Jahre hinweg das Testoste­ron-Abbauverhalten überprüft worden. Dabei war laut Studie den obersten deutschen Dopingbekämpfern laut Akten auch bekannt, dass der Athlet über Testosteron hinaus synthetische Anabolika eingenommen hatte. „Eingedenk dieser Tatsache ist es ein Skandal von historisch fast einmaligem Ausmaß, dass der Sportler von höchster Stelle wissenschaftlich begleitet 1983 bei der WM in Helsinki und 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles mit beträchtlichem Erfolg teilnehmen konnte“, schreiben die Autoren.

Das Gutachten zur Verstrickung Keuls in Dopingpraktiken war von der Universität Freiburg in Auftrag gegeben worden. Es konnte zuletzt nicht veröffentlicht werden, weil es Streit um die Honorierung zwischen Uni und Autor Singler gab. Der Sportwissen­schaftler war Mitglied der vor etwa einem Jahr aufgelösten Evaluierungskommission zur Dopingvergangenheit der Freiburger Sportmedizin. Infolge eines Streits über ein von ihm ohne Absprache veröffentlichtes Teilgutachten war er bereits zuvor aus dem Gre­mium ausgeschieden. © dpa/aerzteblatt.de

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