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Medizin

Welttuberkulosetag: WHO fordert mehr Rechte für Patienten am Rande der Gesellschaft

Freitag, 24. März 2017

http://www.who.int/campaigns/tb-day/2017/en/

Genf – Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) will die Tuberkulose-Epidemie bis zum Jahr 2035 weitgehend beenden. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn die Menschen am Rand der Gesellschaft erreicht werden. „Unite to End TB: Leave no one behind“ heißt das Motto des diesjährigen Welttuberkulose-Tages, zu dem die WHO erstmals auch eine ethische Leitlinie veröffentlicht hat.

Auf den ersten Blick ist die Welt auf dem richtigen Weg. Die Inzidenz der Tuberkulose ist seit 2000 jedes Jahr um durchschnittlich 1,5 Prozent gesunken. Im Jahr 2015 sind weltweit noch 10,4 Millionen Menschen neu erkrankt und 1,8 Millionen an der Tuberkulose gestorben. Die Tuberkulose gehört damit nach wie vor zu den wichtigsten Infektionskrankheiten und zu den zehn häufigsten Todesursachen.

Randgruppen der Gesellschaft betroffen

Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass einige grundlegende Probleme nicht gelöst wurden. Die Tuberkulose ist noch immer ein Problem der ärmeren Länder: Sechzig Prozent aller Erkrankungen treten in sechs Ländern auf – Indien, Indonesien, China, Nigeria, Pakistan und Südafrika – und in diesen Ländern sind es häufig die Rand­gruppen der Gesellschaft. Dazu gehören Migranten, Flüchtlinge, Gefangene, ethnische Minderheiten oder auch Bergleute. 

In den Hochendemieländern trifft die Erkrankung die Ärmsten der Gesellschaft am härtesten: Ungesunde Ernährung, schlechte Wohnungen, mangelnde Hygiene sind die wichtigsten Risikofaktoren, die durch andere Risikofaktoren wie HIV, Tabak, Alkohol­konsum und Diabetes noch verstärkt werden. Die Marginalisierung der Tuberkulose-Infizierten hat zur Folge, dass mehr als ein Drittel (4,3 Millionen) gar nicht wissen, dass sie erkrankt sind, oder die Erkrankungen werden nicht gemeldet. Einige Patienten erhalten keine Behandlung, andere werden vorschnell isoliert. 

Etheische Forderungen der WHO

Die WHO hat deshalb eine „ethics guidance“ veröffentlicht, die fünf ethische Forderungen festlegt. Die Patienten müssten erstens soziale Unterstützung erhalten, um ihrer Verantwortung, sprich die Behandlung ihrer Erkrankung, gerecht werden zu können. Zweitens sollten die Patienten nicht isoliert werden, bevor nicht alle Optionen einer Behandlung ausgeschöpft wurden. Dort sollten die Betroffenen den gleichen Behandlungsstandard erhalten wie andere Teile der Bevölkerung. Viertens müssten die medizinischen Fachkräfte die Möglichkeit erhalten, in einer sicheren Umgebung zu arbeiten und fünftens sollten neue Erkenntnisse der Forschung möglichst rasch in die politische Planung umgesetzt werden.

Situation in Teilen Asiens und Afrikas außer Kontrolle

Eine Stärkung der Patientenrechte ist auch deshalb wichtig, weil die fehlende oder fehlerhafte Behandlung der Tuberkulose eine der Triebfedern der Resistenzentwicklung ist. Die Tuberkulose ist aufgrund der langen Behandlungszeiten besonders anfällig. In Teilen Asiens und Afrikas ist die Situation weitgehend außer Kontrolle geraten, schreiben Keertan Dheda von der Universität Kapstadt und Mitarbeiter in Lancet Respiratory Medicine (2017; 10.1016/ S2213-2600(17)30079-6). Weltweit seien etwa 20 Prozent aller Patienten mit Mykobakterien infiziert, die gegen wenigstens ein Medika­ment resistent sind. Etwa 480.000 Patienten seien mit Erregern infiziert, die gegen zwei oder mehr Erstlinien-Tuberkulostatika resistent sind (MDR-Tb). Wenn die Erreger gegen zwei oder mehr Erstlinien-Tuberkulostatika resistent sind, spricht man von einer XDR-Tb.

Die Hälfte der Patienten mit MDR-Tb entfällt auf Indien, China und Russland. Migration und Reisetätigkeit bedeuten jedoch, dass multiresistente Erreger jederzeit an jedem Ort der Erde auftreten können. 

Diese Sorge beschäftigt auch das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in Stockholm. In Europa ist die Inzidenz der Tuberkulose zwar seit 2000 rück­läufig. Der Rückgang, der anfangs noch 5,4 Prozent pro Jahr betrug, hat sich in den letzten Jahren verlangsamt. Im Jahr 2015 nahm die Zahl gegenüber 2014 nur noch um 3,3 Prozent ab. Im Jahr 2015 erkrankten 323.000 Europäer neu an Tuberkulose, 32.000 Patienten starben an der Erkrankung. Ein Grund für die relativ hohe Sterberate ist die zunehmende Zahl von MDR-Tuberkulosen. Ein Viertel aller weltweit auftretenden MDR-Tuberkulosen entfallen auf Europa. 

Inzidenz der Tuberkulose in Syrien vor dem Bürgerkrieg niederiger als der EU-Durchschnitt

Die meisten Tuberkulose-Erkrankungen treten in Osteuropa und hier in erster Linie in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion auf (von denen einige, die baltischen Staaten, mittlerweile Mitglieder der EU sind und deren Einwohner Freizügigkeit im EU-Raum genießen). Die Sorge, dass Migranten Tuberkulose-Erreger einschleppen, ist nicht unberechtigt, auch wenn hier offenbar differenziert werden muss. Die ECDC weist darauf hin, dass die Inzidenz der Tuberkulose in Syrien (vor dem Bürgerkrieg) niedriger war als im EU-Durchschnitt. 

Auch das Robert Koch-Institut führt die Stagnation der Neuerkrankungszahlen in Deutschland teilweise auf die Migration zurück. In Deutschland erkrankten 2016 gemäß den Meldezahlen 5.915 Menschen an Tuberkulose. Die Fallzahl ist nahezu identisch mit jener von 2015 (5.852 Fälle), allerdings deutlich höher als in den Jahren zuvor (2014: 4.526 Fälle, 2013: 4.340 Fälle, 2012: 4.212 Fälle). Ein über lange Jahre rückläufiger Trend habe sich umgekehrt, heißt es im Epidemiologischen Bulletin. Die Zahl der MDR-Tuberkulosen ist in Deutschland mit 125 Erkrankungen in 2015 jedoch noch überschaubar. Darunter waren 13 Patienten mit XDR-Tb.

© rme/aerzteblatt.de

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