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Politik

Gesundheits­kompetenz: Deutschland hinkt hinterher

Freitag, 31. März 2017

Berlin – Über die Hälfte der Deutschen weisen eine unzureichende Gesundheits­kompe­tenz auf. Das zeigt die vom Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV) beauftragte Studie German Health Literacy Survey (HLS-GER) der Uni Bielefeld, die diese Woche zusammen mit einer in Anlehnung an die Studienergebnisse entwickelten Material- und Methodensammlung auf dem Symposium zur Gesundheits­kompetenz in Deutschland vorgestellt wurde.

Patienten können sich heute dank des technologischen Wandels auf so vielfältige Weise informieren wie nie zuvor. Doch die Informationsflut, die den Gesundheitssektor mit zahlreichen Angeboten überschwemmt, stellt keinen Garanten für eine hohe Gesundheitskompetenz dar. So lautet ein Fazit der dreijährigen Studie des Autorenteams um Doris Schaeffer. Von den 2.000 Befragten verfügten 54,3 Prozent über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz, sind also nicht ausreichend in der Lage, sich gesundheitsrelevante Informationen eigenständig zu beschaffen, diese zu bewerten und zu nutzen.

Die Wissenschaftler fanden in den Ergebnissen einen sozialen Gradienten, der das Maß der Gesundheitskompetenz mitbestimmt. Ein geringeres Kompetenzniveau wiesen laut Studie vor allem Menschen mit niedrigem sozialen Status, Menschen mit einem niedrigen Bildungsstand, Ältere und chronisch Kranke sowie Menschen mit Migrationshintergrund auf. Gerade diese vulnerablen Gruppen bedürften einer gezielten Förderung, betonte Schaeffer: „Wir brauchen nicht unbedingt mehr Informationen, sondern solche, die leicht verständlich, verbraucherfreundlich gestaltet, qualitäts­gesichert und verlässlich sind. Die Angebote sollten sich an dem orientieren, was die Patienten und Nutzer wissen wollen und nicht, was wir Experten für wichtig erachten.“

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Wissen sei heute kein Herrschaftsprivileg mehr, sondern hätte einen Demokrati­sierungsprozess durchlaufen, der von der Digitalisierung weiter befördert wird, so Schaeffer. Wichtiges Ziel müsse es daher sein, den Wandel der Patientenrolle zu unterstützen und den Nutzern zuverlässige und passgenaue Informationen zur Verfügung zu stellen.

Hausärzte als wichtige Anlaufstelle

Ein weiteres Ergebnis des HLS-GER ist, dass Hausärzte nach wie vor als wichtigste Anlaufstelle in Sachen Gesundheitsinformationen fungieren. Eine Forderung ist daher, dass auch unter den Gesundheitsberufen die Gesundheitskompetenz gefördert werden müsse. Ärzte und Pflegende müssten in der Lage sein, Gesundheitsinformationen besser zu vermitteln und Nutzer darin zu unterstützen, mit ihnen umzugehen. Denn die Studie zeigte auch, dass es Patienten leichter fällt, Gesundheitsempfehlungen umzusetzen als selber verlässliche Informationen zu finden und diese zu bewerten.

Zu den Gesundheitsexperten, die sich im Anschluss an die Vorstellung der Studie zu einer Podiumsdiskussion trafen, gehörten neben Schaeffer und ihrem Kollegen Sebastian Schmidt-Kaehler sowie Staatssekretär Gerd Billen auch Staatsekretär Lutz Stroppe, der Patientenbeauftragte Karl-Josef Lautermann, MdB Helga Kühn-Mengel, der österreichische Soziologe Jürgen Pelikan, der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands Martin Litsch und Bernhard Gibis von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Kommunikative und didaktische Kompetenzen der Ärzte stärken

Die besondere Rolle des Hausarztes sah Lautermann als Chance, den sozialen Gradien­ten zu überwinden und jenen Teil der Bevölkerung zu erreichen, der nicht durch die bisherigen Gesundheitsangebote angesprochen wird. Menschen mit akademischem Bildungsgrad seien es gewohnt, sich Informationen selber zu beschaffen. Ein großer Teil aber sei „anders“ gebildet und lerne über das Gespräch. Genau hier seien die Haus- und Fachärzte gefragt. Mit entsprechenden kommunikativen und didaktischen Kompe­tenzen könnten sie Patienten den Zugang zu Informationen erleichtern. Auch Stroppe hob hervor, dass Ärzte heute nicht auf die psychosoziale Betreuung von Patienten und teilweise eines ganzen Umfeldes vorbereitet würden.

Niederlande als Vorbild

Die Weiterentwicklung von Curricula sei daher einer der wichtigsten Hebel, um das Informationsangebot zu verbessern. Doch auch der eigeninitiierte Zugang zu Gesundheitsinformationen müsse gestützt werden. Darum plane das BMG ein Gesundheitsportal, auf dem unabhängige, evidenzbasierte Informationen gesammelt und Nutzern zugänglich gemacht werden. Eine Allianz für Gesundheitskompetenz sei ein weiterer Schritt, um in diesem Bereich zu Ländern wie beispielsweise den Niederlanden aufzuschließen.

Die Digitalisierung sahen alle Beteiligten als Herausforderung. So müssten die Möglichkeiten neuer Technologien zwar effektiv genutzt und im gleichen Zuge qualitativ gesichert werden. Andererseits dürfe das Internet nicht die einzige Quelle sein, über die Gesundheitsinformationen zur Verfügung gestellt werden. Gerade für ältere Menschen und solche, die sich nicht über digitale Kanäle informieren, müsste man andere Möglichkeiten finden.

Mit der vorgestellten Material- und Methodensammlung „Gesundheitskompetenz – Verständlich informieren und beraten“ wollen BMJV und die Bielefelder Autoren erste Anregungen geben, um passende Methoden für die Beratung und Information von Menschen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz zu finden. Im Hinblick auf die Aufstellung von Praxen sieht Pelikan zudem interprofessionelle Teams als Notwendigkeit, künftigen Herausforderungen in der Vermittlung von gesundheits­relevantem Wissen zu begegnen.

Die edukativen Anforderungen an die Medizin müssten nicht immer vom Arzt erbracht, sondern könnten auch im Sinne einer Delegation oder Substitution ärztlicher Leistungen erfüllt werden. Zudem appellierte er daran, eine „zuhörende Medizin“ zu etablieren und Patienten darin zu bestärken, sich aktiv bei ihrem Arzt nach Diagnose, Behandlungs­schritten und dem „Warum“ der Behandlung zu erkundigen. Aus Kühn-Mengels Sicht lohne sich ein verändertes Verständnis vom Patienten als selbstbestimmtem Partner auch aus wirtschaftlicher Sicht: „Gut informierte Patienten bewegen sich nicht nur selbstbewusster, sondern auch ökonomischer im System.“ © kk/aerzteblatt.de

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Avatar #93082
Narkoleptiker
am Samstag, 1. April 2017, 08:49

sprechende Medizin?

Guten Tag,

als jemand mit langer Patientenerfahrung kann ich nur feststellen:

Es wird immer schwerer, sachlich fundierte, hilfreiche Informationen zu erhalten. Ein Beispiel: Wirbelkörperfraktur. Spondylodese 2 Tage später. In den 2 Wochen Krankenhaus habe ich x-mal versucht, weitergehende Informationen zu erhalten. Nervfaktor extrem. Niemand hatte wirklich Zeit, mich ausführlich zu beraten und zu informieren. 10 min opferte mal ein Assistenzarzt, den ich kaum am Platz halten konnte. Mein Vorschlag an die nicht ganz unbedeutende Klinik: Macht ein paar Seiten mit Informationen, die ihr den Patienten in die Hand drückt. In der Orthopädiepraxis, die mich nach der OP betreute, ein Türklinkenarzt. Links rein, schnell an den PC, Pflaster runter, Pflaster drauf, weg war er. 2 Wochen nach OP: Sie müssen selbst wissen, ob sie schon wieder arbeiten gehen können. Ich habe ihm dann empfohlen, bei mir ein Hamburger Modell anzusetzen. Schmerztherapie... wo? Standardmedis die nicht geholfen haben. Arztwechsel... mittlerweile bin ich beim dritten Orthopäden und habe genausoviel Schmerzen wie nach der OP. Reha... ein Stationsarzt für 80 Patienten nebst Norovirusausbruch... Wie viel Zeit hatte der Mann für mich? Oft sah ich ihn nur rennen. 30 min Vortrag... sehr gut gemacht. Doch individuell?

Die ökonomisierte Medizin ist das Problem. Solange Kostendruck und Profitgier die Medizin (insbesondere auch im stationären Bereich) dominieren, wird es nicht besser werden.

Derzeit suche ich krampfhaft danach, was mit meinem Rücken los ist. Wie ich die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen los werde. Finden... extrem schwer. Selbst in medizinischen Fachbüchern ist man schnell an einem Endpunkt. Dem Punkt, wo es darum geht, was bei so einer OP schiefgehen kann.

Beipackzettel: Solange Juristen den Inhalt bestimmen und keine Eindeutschung der medizinischen Inhalte stattfindet, kann der Normalanwender die nicht verstehen.

Ihr Ärzte braucht endlich wieder mehr Zeit für Eure Patienten. Fließbandmedizin mit Stechuhr ist der falsche Weg. Wäre ich nach der OP richtig beraten und betreut worden, vermutlich ginge es mir heute besser.

2015 in einem Park niedergeschlagen worden. Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses: Als ich darauf hinweise, dass ich auch psychisch wacklig werde die Antwort: Für die Psyche haben wir hier keine Zeit. Zum Glück habe ich im Internet schnell Hilfe gefunden und Stellen, die mir halfen, die Verletzungen zu dokumentieren und zu verarbeiten, was geschah.

Einen Trost habe ich: Einer meiner Ärzte ist noch von der alten Schule. Er war einer der ersten Ärzte, die ich je erlebte, der mich über die Nebenwirkungen meiner zahlreichen Medikamente wirklich aufklärte und der sich Zeit nimmt.

Einen Großteil der Internetinformationen kann man getrost in die Tonne kloppen. Zu oberflächlich, zu alt oder schlicht falsch. Außerdem ist es m. E. ein Unding, dass es diese Trennung in Fach- und Laienkreise gibt. Gerade die fachlichen Informationen braucht der aufgeklärte und wissensbegierige Patient (möglichst auch in Deutsch), der verantwortungsbewußt mit seiner Erkrankung umgehen möchte. Rentnerbravo und Co. sind Zeitverschwendung.

Zuletzt: Ich bin einer, der noch die POS der DDR besucht hat. Wir bekamen sehr vieles in Biologie beigebracht, wie der Mensch "funktioniert". Ist das heute nicht mehr so? Gesundheitskompetenz zu vermitteln beginnt bereits in der Schule. Nämlich die Basics brauchen die Leute. Wie etwas funktioniert. Dann werden sie auch leichter verstehen, was bei einer Erkrankung passiert und wie sie reagieren müssen.

Der Narkoleptiker.

P.S.:Was in den Buchhandlungen an Gesundheitsliteratur für Laien herumsteht, kann man getrost zu 80 % in die Tonne "kloppen".
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 31. März 2017, 20:01

Kritik an Gesundheitskompetenz/"Health Literacy"

Zu diesem Themenbereich habe ich auf meinem DocCheckBlog unter
http://news.doccheck.com/de/blog/post/3875-health-literacy-ist-das-kunst-oder-kann-das-weg/
geschrieben:
"Nach der Studie 'Health Literacy in Deutschland' der Bielefelder Professorin Doris Schaeffer fällt es mehr als der Hälfte der Deutschen (54,3 Prozent) schwer, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden [das gilt übrigens in einem großen Umfang auch für Ärztinnen und Ärzte].

Bereits die Ergebnisse einer Untersuchung aus Nordrhein-Westfalen hatten belegt, dass vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, geringem Bildungsgrad und Ältere unterstützt werden müssen.

Sie hätten beispielsweise Schwierigkeiten, Beipackzettel zu verstehen oder Informationen einzuschätzen. 44,5 Prozent der fast 2.000 Befragten äußerten Unsicherheit, die Vor- und Nachteile von verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten zu beurteilen.

Ähnlich sieht es bei der ärztlichen Zweitmeinung aus: 49,3 Prozent der Deutschen empfinden es laut der Studie als „schwierig“, zu beurteilen, wann diese sinnvoll ist. „Ein großer Teil der Bevölkerung kann das Gesundheitssystem nicht effektiv nutzen und sich kompetent darin bewegen“, ist das Fazit von Studienleiterin Professor Doris Schaeffer..."

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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