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Medizin

Subklinische Hypothyreose: L-Thyroxin in Langzeitstudie ohne Auswirkungen auf Symptome, Blutdruck und Körpergewicht

Dienstag, 4. April 2017

Glasgow – Eine Hormonsubstitution bei Senioren mit subklinischer Hypothyreose, eine Labordiagnose mit normalem freiem Thyroxin bei gesteigertem Thyreotropin, hat in einer größeren randomisierten kontrollierten Studie die Symptome älterer Menschen nicht verbessert. Auch ein günstiger Einfluss auf die kardiovaskulären Risikofaktoren Blutdruck oder Körpergewicht war nicht erkennbar. Die Ergebnisse wurden auf der Fachtagung ENDO 2017 in Florida vorgestellt und im New England Journal of Medicine (2017; doi: 10.1056/NEJMoa1603825) publiziert.

Bei einer subklinischen Hypothyreose produziert die Schilddrüse genügend Hormone (freies T4), der Antrieb durch die Hypophyse (Anstieg des Thyreotropin) ist jedoch gesteigert. Diese Konstellation ist im Alter häufig. Je nach Definition haben 8 bis 18 Prozent aller Senioren eine subklinische Hypothyreose. Epidemiologische Studien zeigen, dass die Betroffenen ein erhöhtes Risiko auf eine Koronare Herzkrankheit und einen vorzeitigen Tod haben. Der Beweis, dass eine Behandlung die Patienten davor schützt (oder ihnen wenigstens nicht schadet), steht allerdings aus. Randomisierte klinische Studien mit einer größeren Personengruppe wurden bisher zur subklinischen Hypothyreose nicht durchgeführt.

Auch die TRUST-Studie, die erstmals eine größere Gruppe von Senioren auf eine Behandlung mit L-Thyroxin oder Placebo randomisiert und über fünf Jahre beobachtet hat, kann die Frage nach den Auswirkungen der Behandlung auf die kardiovaskulären Endpunkte nicht beantworten. David Stott von der Universität Glasgow und Mitarbeiter können jedoch ausschließen, dass die Behandlung das Befinden der Patienten verbessert oder einen Einfluss auf die Risikoparameter Blutdruck oder Körpergewicht hat.

An der weitgehend von der EU finanzierten Studie (der Hersteller stellte nur die Medikamente zur Verfügung, hatte aber keinen Einfluss auf Studiendesign und Auswertung) nahmen in Glasgow, Bern, Cork und Leiden insgesamt 737 Senioren im Alter über 65 Jahre teil, bei denen das Thyreotropin (TSH) auf 4,60 bis 19,99 mIU/l angestiegen war, während kein Mangel an freiem Thyroxin nachweisbar war. 

Die Therapie erreichte ihr biochemisches Ziel: Die TSH-Werte fielen unter der Therapie mit L-Thyroxin rasch ab und lagen nach 12 Monaten bei 3,63 mIU/l. Dieser Wert wurde von den Patienten, die nach insgesamt fünf Jahren nachuntersucht wurden, gehalten. Die einmal tägliche Einnahme einer Tablette mit L-Thyroxin, die in der Regel ohne Nebenwirkungen ist, wird von den meisten Patienten akzeptiert.

Eine Verbesserung des Befindens, die mit einem „Hypothyroid Symptoms Score“(4 Punkte) und einem „Tiredness Score“ (7 Punkte) erfragt wurde, stellte sich allerdings nicht ein. Die Werte in beiden Scores änderten sich kaum. Es kam auch zu keinem erkennbaren Placebo-Effekt. Für Scott ist dies ein unbefriedigendes Ergebnis, denn das Ziel sei es gewesen, die Gesundheit und das Wohlergehen der älteren Menschen mit subklinischer Hypothyreose zu verbessern. 

Die Behandlung mit L-Tyhroxin blieb auch ohne Einfluss auf den Blutdruck oder das Körpergewicht. Bei einer Hypothyreose kann es infolge einer Verengung der peripheren Gefäße zu einem Anstieg des Blutdrucks kommen. Da die Schilddrüsenhormone eine Reihe von Stoffwechselprozessen „beschleunigen“, kann es bei einer Unterfunktion auch zur Gewichtszunahme kommen. Beide Effekte, die gleichzeitig das kardiale Risiko erhöhen, traten in der Studie nicht auf. Blutdruck, Body-Mass-Index und Bauchumfang blieben in beiden Gruppen auch über den Zeitraum von fünf Jahren in etwa gleich. 

Gleichzeitig blieb die Therapie mit L-Thyroxin ohne negative Folgen für die Gesundheit. Schwere Komplikationen wie Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz, Knochenbrüche oder die Neudiagnose einer Osteoporose (bekannte Folgen einer symptomatischen Hyperthyreose) wurden unter der Behandlung mit L-Thyroxin nicht häufiger diagnostiziert als in der Placebo-Gruppe.

Die wesentliche Frage, ob die Patienten durch die Behandlung vor kardiovaskulären Folgen einer latenten Unterfunktion geschützt werden (oder es unerwarteterweise zu einer Zunahme der Ereignisse kommt), wird durch die Studie nicht beantwortet. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 5. April 2017, 13:22

Laborkosmetik lohnt nicht!

Hier wurde eine nicht vorhandene und klinisch n i c h t manifeste "Erkrankung" einer "Subklinische Hypothyreose" als reine Labordiagnose mit normalem freiem Thyroxin (fT4) bei gesteigertem [historisch: Thyreotropin/thyreotropes Hormon] Thyreoidea-stimulierenden Hormon (TSH) untersucht bzw. die Folgen einer gar nicht indizierten medikamentösen L-Thyroxin-Therapie abgeschätzt.

Mein Tipp aus der täglichen Schilddrüsen-Praxis:
Wenn man schon TSH und fT4 bestimmen und „subklinisch“ behandeln will (die Parameter fT3, TPO, TRAK, Calcitonin, PTH-Parathormon, Thyroxin-bindendes Globulin-TBG als spezifisches Transportprotein für Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3) lasse ich hier vereinfachend weg), dann sollte man wenigstens zum Äußersten schreiten und den Patienten anamnestisch befragen bzw. diagnostisch u n t e r s u c h e n.

Erst danach kann ggf. sinnvollerweise eine gezielte Therapie eingeleitet oder gar eine multizentrische Doppelblindstudie gestartet werden.

Was die hochkarätigen Autoren mit ihrer Labor-lastigen Originalpublikation: "Thyroid Hormone Therapy for Older Adults with Subclinical Hypothyroidism" von David J. Stott et al.
http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1603825#t=article
uns weis machen wollen, ist nichts Geringeres, dass sie 737 Senioren über 65 Jahre gesucht und gefunden hatten, bei denen TSH-Werte von 4,60 bis 19,99 mIU/l (!) und kein Mangel an fT4 festgestellt wurden. Das sagt aber nichts darüber aus, wie viele unserer Patientinnen und Patienten bei TSH-Werten von 4,60 bis 19,99 mIU/l zwingend abklärungs- und kontrollbedürftig sind. Insbesondere, wenn doch eine klinisch symptomatische Hypothyreose vorliegen sollte. Danach haben die Studienautoren aber gar nicht gezielt gesucht.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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