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Medizin

Neonatologie: Low-dose Hydrocortison in der Prävention von Lungenerkrankungen offenbar sicher

Mittwoch, 5. April 2017

Paris – Die vorbeugende Behandlung mit einem niedrig dosierten Steroid, die zur Prä­ven­tion der bronchopulmonalen Dysplasie diskutiert wird, hat sich in einer Studie aus Frankreich als sicher erwiesen. Der befürchtete Anstieg von neurologischen Entwick­lungsstörungen war laut einer Publikation im amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2017; 317: 1329–1337) bei den Kindern im Alter von zwei Jahren nicht erkennbar.

Etwa die Hälfte der Kinder, die vor der 28. Gestationswoche geboren werden, entwickeln eine bronchopulmonale Dysplasie, die häufig eine Beatmung erforderlich macht und die spätere geistige und körperliche Entwicklung der Kinder beeinträchtigen kann. Da Entzün­dungsvorgänge an der Pathogenese der Erkrankung beteiligt sind, wird seit Längerem eine Behandlung mit Steroiden diskutiert. In den späten 1990er-Jahren wurden die Frühgeborenen frühzeitig mit Dexamethason, einem potenten Kortikoid, behandelt. Die Therapie war zwar effektiv, es kam jedoch zu erheblichen neurologischen Entwicklungsstörungen der Kinder, weshalb diese Prävention wieder verlassen wurde. 

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Mangels einer Alternative haben viele Kliniken in den letzten Jahren erneut mit einer Steroidbehandlung begonnen, allerdings mit anderen Kortikoiden und in einer niedrige­ren Dosierung. In der  französischen PREMILOC-Studie erhielten die Kinder, die vor der 28. Gestationswoche geboren wurden, über sieben Tage zweimal täglich intravenöse Infusionen mit 0,5 mg/kg Hydrocortison. An drei folgenden Tagen wurden die Infusionen nur noch einmal täglich durchgeführt und dann gestoppt. Laut den im letzten Jahr im Lancet (2016; 387: 1827–36) publizierten Ergebnissen der Doppelblindstudie steigerte die Steroidgabe den Anteil der Frühgeborenen, die ohne bronchopulmonale Dysplasie überlebten, von 51 Prozent (136 Kinder) auf 60 Prozent (153 Kinder). Die Odds Ratio von 1,48 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,02 bis 2,16 signifikant. Es mussten zwölf Kinder behandelt werden, damit eines ohne bronchopulmonale Dysplasie überlebte (Number needed to treat).

Olivier Baud von der Kinderklinik Robert Debré in Paris und Mitarbeiter konnten jetzt 379 Kinder (93 Prozent der Gesamtgruppe) im Alter von 22 Monaten neurologisch untersu­chen: In der Hydrocortison-Gruppe waren 73 Prozent der Kinder ohne neurologische Beeinträchtigungen gegenüber 70 Prozent in der Placebo-Gruppe. Eine leichte neurolo­gische Entwicklungsstörung wiesen in der Hydrocortison-Gruppe 20 Prozent der Kinder auf gegenüber 18 Prozent in der Placebo-Gruppe. Mittelschwere bis schwere neurolo­gi­sche Entwicklungsstörungen hatten in der Hydrocortison-Gruppe sieben Prozent der Kinder gegenüber elf Prozent in der Placebo-Gruppe. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen waren nicht signifikant. Es kam auch nicht – wie in einer anderen früheren Studie – zu einem Anstieg der Kinder, die eine Zerebralparese entwickelten.

Der Neonatologe Dirk Bassler, Direktor der Zürcher Universitätsklinik für Neonatologie, hält die Langzeitergebnisse für „glaubwürdig und vielversprechend“. Die Publikation in JAMA könne jedoch noch nicht als endgültiger Beweis gewertet werden, dass früh gegebenes und niedrig dosiertes Hydrocortison „die Häufigkeit der bronchopulmonalen Dysplasie reduziert und dabei wirklich keinen Einfluss auf die neurologische Entwicklung der behandelten Kinder hat“, erklärte der Experte gegenüber der Agentur Science Media Centers Germany.

Wie eng die Gratwanderung zwischen Nutzen und Risiken der Steroidbehandlung ist, musste Bassler als Erstautor der NEUROSIS-Studie erfahren. Dort waren die Frühge­borenen frühzeitig mit dem inhalativen Steroid Budesonid behandelt worden. Die Zahl der Kinder mit bronchopulmonaler Dysplasie konnte zwar von 38,0 auf 27,8 Prozent gesenkt werden (relatives Risiko 0,74; 0,60–0,91). Es kam jedoch zu einem Anstieg der Todesfälle von 13,6 auf 16,9 Prozent (relatives Risiko 1,24; 0,91–1,69), wie seinerzeit die Publikation im New England Journal of Medicine (2015; 373: 1497–506) zeigte. © rme/aerzteblatt.de

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