NewsMedizinMeningokokken: Neuer Stamm wird sexuell übertragen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Meningokokken: Neuer Stamm wird sexuell übertragen

Mittwoch, 5. April 2017

Meningokokken (Neisseria meningitidis)
Meningokokken (Neisseria meningitidis) /picture alliance, BSIP

Atlanta – In den USA kommt es immer häufiger zu Ausbrüchen von Harnwegsinfek­tionen, die nicht von Gonokokken, sondern von den verwandten Meningokokken aus­gelöst werden. Eine Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2017; doi: 10.1073/pnas.1620971114) beschreibt die genetischen Ursachen dieser mikrobiologischen Metamorphose.

Das Bakterium Neisseria meningitidis findet sich normalerweise nur im Nasenrachen­raum. Wenn es diesen Meningokokken gelingt, die Schleimhaut zu durchdringen, kön­nen sie eine Meningitis oder eine Sepsis auslösen. Neisseria gonorrhoeae, auch als Gonokokken bekannt, besiedelt dagegen den Urogenitaltrakt, wo er der Erreger der Gonorrhoe ist, einer häufigen sexuell übertragbaren Erkrankung. Die Lebensräume von Meningo- und Gonokokken überschneiden sich normalerweise nicht. Bei orogenitalen Sexualkontakten kann es jedoch zu einem Zusammentreffen der entfernten Verwandten und zum Austausch genetischer Informationen kommen.

Das veränderte Sexualverhalten könnte erklären, warum es seit Januar 2015 – zunächst in Columbus/Ohio – zu einem ungewöhnlichen Ausbruch von Harnwegsinfektionen ge­kom­men ist. Aus Columbus wurden mehr als hundert Erkrankungen gemeldet, ähnliche Ausbrüche traten auch in Michigan, Indiana und Georgia auf. Die Mediziner hatten zunächst eine naheliegende Infektion mit N. gonorrhoeae vermutet. Sie stellten dann aber fest, dass der Erreger zu N. meningitidis gehörte, sich von den klassischen Meningokokken jedoch unterschied: Die neue Klade erhielt die Bezeichnung „US Nm urethritis clade“, kurz US_NmUC. 

Ein Team um David Stephens von der Emory University School of Medicine in Atlanta hat den Erreger jetzt im Auftrag der Centers for Disease Control and Prevention näher untersucht. Es stellte sich heraus, dass US_NmUC ein wesentliches Merkmal von N. meningitidis verloren hat. Meningokokken besitzen eine feste Kapsel, die sie vor An­griffen des Immunsystems schützt. Diese Kapsel verhindert aber, dass sich der Erreger in den Harnwegen festsetzen kann. N. gonorrhoeae besitzt keine Kapsel. Der Verlust der Kapsel wurde durch eine genetische Verlagerung des Gens IS1301 ausgelöst. Es blockiert am neuen Ort die Synthese von Kapselbestandteilen.

Als weitere Veränderung hat N. meningitidis zwei Gene von N. gonorrhoeae übernom­men. Gen AniA kodiert eine Nitritreduktase und NorB eine Stickoxidreduktase. Beide Enzyme erleichtern das Überleben in der anaeroben Umgebung der Harnwege. In der gut belüfteten Rachenschleimhaut benötigt N. meningitidis diese Gene nicht, bei N. gonorrhoeae sind sie ein wichtiger Virulenzfaktor.

Eine dritte Neuerung ist die Erwerbung des Gens für das „Factor H-binding protein“ (FHbp). Mit diesem Peptid kann der Erreger an der Schleimhaut der Harnwege an­docken. FHbp ist allerdings auch das Ziel der Mehrfachkomponentenimpfstoffe 4CMenB und MenB-FHbp, die vor Meningokokken der Gruppe B schützen. Dies könnte bedeu­ten, dass diese Impfstoffe auch vor der neuen Klade schützen. Dies wäre ein Vorteil gegenüber den Gonokokken, für die es bislang keinen Impfstoff gibt. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

20. Juni 2018
Würzburg/Magdeburg – Helicobacter-pylori-Infektionen sind durch einen stetigen Wandel der epidemiologischen Umstände und der Resistenzlage gekennzeichnet. Dadurch haben sich auch die therapeutischen
Helicobacter-pylori-Infektionen bedürfen regelmäßig einer Neubewertung
15. Juni 2018
Stockholm – Die Zunahme von carbapenemresistenten Enterobakterien (CRE) in einigen südeuropäischen Ländern bereitet Infektiologen auch in anderen EU-Ländern zunehmend Sorgen. Das Europäische Zentrum
ECDC befürchtet Ausbreitung carbapenemresistenter Enterobakterien
8. Juni 2018
Melbourne – Kinder, denen vor dem 10. Lebensjahr die Gaumen- und/oder Rachenmandeln entfernt wurden, erkranken im späteren Lebensalter häufiger an einer Reihe von Infektionen und allergischen
Tonsillektomie und Adenotomie könnten spätere Anfälligkeit auf Infektionen und Allergien fördern
1. Juni 2018
Kopenhagen – Eine Neuroborreliose, die wohl am meisten gefürchtete Komplikation der durch Zecken übertragenen Infektionskrankheit, hat offenbar keine Auswirkungen auf die Lebenserwartung. Eine
Neuroborreliose ohne Einfluss auf Lebenserwartung
22. Mai 2018
Kozhikode – Beim Ausbruch des gefährlichen Nipah-Virus in Indien sind inzwischen mindestens zehn Menschen gestorben. Zwei weitere Erkrankte lägen auf der Intensivstation, sagte heute eine Sprecherin
Tote bei Ausbruch von Nipah-Virus in Indien
17. Mai 2018
Heidelberg – Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) haben erstmals Antikörper entdeckt, die nicht nur ein Bakterium, sondern verschiedene Mikroorganismen zugleich unschädlich
„Universal-Antikörper“ macht verschiedene Erreger unschädlich
14. Mai 2018
Berlin – Frisches Geflügelfleisch ist die bedeutendste Quelle von humanen Campylobacter-Infektionen. Auch Hühnereier können Campylobacter auf den Menschen übertragen, insbesondere, wenn sie sichtbar
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

NEWSLETTER