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Ärzteschaft

Niederlassung: Hausärzte räumen mit Vorurteilen auf

Dienstag, 11. April 2017

Münster – Der Beruf des Allgemeinmediziners bietet Ärzten viele Freihei­ten. Wer eine ei­gene Praxis gründen will, sollte sich aber zuvor umfassend informieren. Das wurde kürz­lich auf dem Westfälisch-Lippischen Hausärztetag in Münster deutlich.

Die Vielseitig­keit des Hausarztes werde schon dadurch deutlich, dass die Praxis im Zent­rum eines Netz­werks von Akteuren wie etwa Krankenhäusern, fachärztlichen Kollegen, Pfle­ge­diens­ten, Physiotherapeuten und Apotheken stehe, sagte Elisabeth Koch, Fach­ärz­tin für All­ge­meinmedizin aus Ascheberg. Die Mutter dreier Kinder verdeut­lichte, dass sich Beruf und Familie sehr gut vereinbaren lassen. „Das Schöne an der Hausarztpraxis ist, dass die Kernarbeitszeiten morgens sind.“ Außerdem habe sie es mit ihrem Ehemann so abstimmen können, dass immer jemand zuhause war, wenn die Kinder aus der Schule kamen.

Vor Gründung informieren

An ihre Praxisgründung sei sie allerdings „ein bisschen naiv rangegangen“, betonte Koch. Sie habe sich eine Praxisverwaltungs-Software ausgesucht und einfach angefan­gen. Das würde sie so heute nicht mehr machen. „Es ist gut, zu gucken wo, eine Praxis abgegeben wird, da mal mitzuarbeiten und zu gucken, ob einem die Gegend überhaupt passt.“ Außerdem biete die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) viele Möglichkeiten über ihr Internetportal „Praxisstart“.

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„Wenn man sich heute niederlässt, würde ich schon davor warnen, bei null anzufangen“, sagte auch Norbert Hartmann. Nach Ansicht des ehemaligen 1. Vorsitzenden des Haus­ärzteverbandes Westfalen-Lippe ist das Wagnis heute ein ganz anderes als etwa in den 1990er-Jahren. Allerdings gebe es heute in der ambulanten Medizin andere Möglich­kei­ten und unterschiedliche Konstel­la­tionen. „Ich würde mir eine Praxis von einem Kollegen suchen, der in vier, fünf Jahren aufhört und dort mit einsteigen und die Praxis später über­nehmen“, empfahl Anke Rich­ter. Der Hausärzte­ver­band Westfalen-Lippe verwies auf optimale Bedingungen. „Der rote Teppich ist Ihnen ausgerollt“, brachte es Hart­mann auf den Punkt.

Schwerpunkt der Praxis selbst festlegen

Wer sich für eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin interessiert, kann sich an die Ko­ordinierungsstelle Aus- und Weiterbildung (KoStA) der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) wenden. Sie koordiniert die 51 Weiterbildungen im Kammerbezirk und dient als zentrale Anlaufstelle für Studierende, Ärzte, Weiterbildungsbefugte und Weiterbildungs­stätt­en. Als Maßnahme gegen den drohenden Hausärztemangel ermöglicht die ÄKWL seit 2012 den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin. Er galt zunächst befristet, wurde dann aber 2015 entfristet.

Keine Angst vor dem finanziellen Risiko

Das größte Risiko, das Ärzte von einer Niederlassung abhält, ist einer Studie der Deut­schen Apotheker- und Ärztebank zufolge das finanzielle Risiko. Dabei gehen nach Anga­ben des Statistischen Bundesamtes nur etwa 0,05 Prozent der Vertragsärzte Pleite. „Um diese Ausfallquote beneidet uns jede andere Bank“, sagte Volker Kordes. Die Gründe für eine Insolvenz lägen meist im privaten Bereich, Scheidung sei ein wesentlicher, betonte der Prokurist der Deutschen Apotheker und Ärztebank.

Der durchschnittliche Praxisüberschuss habe 2014 bei 167.200 Euro gelegen, das durch­­schnittliche Gehalt eines Oberarztes im Krankenhaus bei 135.000 Euro. Ein nieder­­gelassener Arzt brauche allerdings auch Unternehmertum. „Nur Arzt sein, reicht nicht. Sie müssen ihre Praxis auch führen und steuern können“, so Kordes weiter. Die Finan­zie­rung einer Praxis sei sehr individuell. „Es gibt nicht die Finanzierung von der Stange.“

Das durchschnittliche Finanzierungsvolumen liege sowohl bei der Neugründung als auch bei der Übernahme einer hausärztlichen Einzelpraxis bei rund 150.000 Euro. Egal ob Neu­gründung oder Übernahme, die Investitionen in die Praxis müssen auf ihre Renta­bi­lität hin geprüft werden. Eine falsche Investitionsentscheidung könne durch keine noch so gute Finanzierung zu einer richtigen werden. „Machen Sie einen Investitions­plan, was Sie können und welche Spezialisierungen Sie haben“, riet Kordes. „Gefällt Ihnen die Pra­xis nicht, machen Sie sie so, dass Sie Ihnen gefällt.“ Das alles trage dazu bei, dass die Pr­a­xis läuft. „Wenn eine Praxis nach 15 Jahren nicht so viel Geld abwirft, dass sie bezahlt ist, dann läuft sie nicht“, verdeutlichte er eine Grundregel der Finan­zierung.

Vorurteile gegen den Hausarzt widerlegt

Mit dem Vorurteil, dass der Allgemeinmediziner kein Geld verdient, räumte Michael Bloch auf. „Wie wir uns im Hamsterrad bewegen, das bestimmen wir doch selbst“, sagte der Arzt, der sich zurzeit zum Allgemeinmediziner weiterbildet. Denn in der Praxis gebe es eine große Autonomie, im Krankenhaus hingegen Arbeitsverdichtung und Konsolidie­rungs­druck.

Auch das Vorurteil, der Hausarzt sein ein Arzt zweiter Klasse widerlegte er. Die Voraus­set­zung für den Kauf eines Kassenarztsitzes sei der Facharzt für Allgemeinmedizin. Dafür gebe es eine klar strukturierte Weiterbildung. „Es ist nicht mehr wie in den 1990er-Jah­ren, wo sich die praktischen Ärzte niederlassen konnten“, stellte Bloch klar. In Zeiten von aufgehobener Residenzpflicht, Netzwerken, Praxisgemeinschaften, Gemeinschafts­praxen und MVZ sei auch das Vorurteil nicht mehr haltbar, dass der Allgemeinmediziner als Einzelkämpfer immer und jederzeit für seine Patienten zuständig und ein Leben neben dem Beruf nicht möglich ist.

„In der Allgemeinmedizin brauchen wir daher die besten und motivier­testen Ärzte.“

Das Vorurteil, dass der Allgemeinmediziner nichts machen, sondern nur überweisen kann, stimme ebenfalls nicht. Ein Tertial seines praktischen Jahres (PJ) habe er in einer großen allgemeinmedizinischen Praxis in Dortmund absolviert. Daher wisse er, dass man sehr viel machen könne, angefangen von Check-up-Untersuchungen über EKGs, Sono­graphien, Lungenfunktionsuntersuchungen, Haus- und Heimbesuchen bis hin zur pallia­tiven Versorgung. „Man kann als Hausarzt beraten, man muss entscheiden und filtern, welcher Patient welche Behandlung braucht und zu welchem Facharzt oder in welche Klinik er gegebenenfalls muss“, berichtete Bloch.

Außerdem führe der schnellste Weg zum Facharzt über die Allgemeinmedizin, da das PJ-Tertial „Allgemeinmedizin“ komplett auf die Weiterbildung angerechnet wird. „Der All­gemeinmediziner weiß viel, kann viel und macht viel“, fasste der angehende Hausarzt zusammen. Er spiele eine entscheidende, unverzichtbare Rolle in einem komplexen Ge­sundheitssystem. „In der Allgemeinmedizin brauchen wir daher die besten und motivier­testen Ärzte.“ © ts/aerzteblatt.de

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