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Politik

Millionen Menschen sind medikamentenabhängig

Dienstag, 11. April 2017

/Peter Maszlen, stock.adobe.com

Berlin – In Deutschland sind bis zu 1,9 Millionen Menschen von Medikamenten abhängig und damit vermutlich mehr als von Alkohol. Als alkoholabhängig gelten rund 1,77 Millio­nen Menschen, wie aus dem heute in Berlin vorgestellten Jahrbuch Sucht der Deu­tschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hervorgeht.

Etwa vier bis fünf Prozent aller verordneten Arzneimittel besitzen demnach ein erhebli­ches Potenzial für Missbrauch und Abhängigkeit, darunter vor allem die Schlaf- und Be­ruhigungsmittel mit Wirkstoffen aus der Familie der sogenannten Benzodiazepine, zu de­nen auch das bekannte Valium gehört. In den vergangenen Jahren sind die Verord­nun­gen dieser Mittel in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zwar zurückgegangen, der An­teil der privat verordneten Mittel nahm allerdings zu.

Der Bremer Gesundheitsexperte Gerd Glaeske kritisierte eine „hohe Intransparenz“. Pri­vatrezepte für Schlaf- und Beruhigungsmittel seien heutzutage eher die Regel als die Aus­nahme. „Sie verschleiern letztlich eine kritische Arzneimittelversorgung, weil sie an keiner Stelle systematisch erfasst und ausgewertet werden“, erklärte Glaeske.

Viele Senioren betroffen

Betroffen von diesen Verordnungen sind demnach vor allem ältere Menschen über 65 Jahre und davon zwei Drittel Frauen. Eine Arzneimittelabhängigkeit habe gravierende Auswirkungen auf die älteren Menschen, erklärte der Gesundheitsexperte. Die tägliche Einnahme führe bei ihnen zu immer mehr Wirkstoffmengen im Körper und damit zu un­erwünschten Wirkungen wie Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit oder der Gangunsicherheit, oft verbunden mit Stürzen und schwer heilenden Knochenbrüchen.

Intransparent ist Glaeske zufolge auch die Schmerzmittelversorgung in Deutschland. So werden rund 150 Millionen Packungen unterschiedlicher Schmerzmittel verkauft, davon rund 106 Millionen Packungen beziehungsweise 70 Prozent ohne Rezept direkt in den Apotheken. Der Bremer Experte forderte eine bessere Kooperation von Ärzten und Apo­thekern, um den problematischen Konsum von Schmerzmitteln zu begrenzen. Zudem müsste die Werbung für rezeptfreie Arzneimittel mit Missbrauchspotenzial untersagt werden.

Das Jahrbuch Sucht fasst jährlich die aktuellen Daten, Fakten und Trends zum Konsum von legalen und illegalen Drogen sowie zu abhängigem Verhalten in Deutschland zu­sam­men. Der Pro-Kopf-Konsum beim Alkohol liegt demnach weiterhin auf sehr hohem Nive­au. 2015 wurde mit umgerechnet 9,6 Liter reinem Alkohol ebenso viel getrunken wie im Jahr davor. Der Gesamtverbrauch an alkoholischen Getränke sank 2015 nur leicht um gut ein Prozent auf 135,5 Liter pro Kopf.

Der Konsum von Tabakprodukten ging merklich zurück. 2016 wurden 7,7 Prozent weni­ger Fertigzigaretten konsumiert als im Jahr zuvor. Stark gestiegen ist hingegen der Kon­sum von Pfeifentabak – von 1.732 Tonnen im Jahr 2015 auf 2.521 Tonnen im vergange­nen Jahr. Das war ein Plus von mehr als 45 Prozent. Jeder achte Deutsche über 14 Jah­­re hat auch schon einmal E-Zigaretten probiert. Beim Großteil blieb es aber bei einem ein­maligen Versuch. Nur 2,2 Prozent haben in der Vergangenheit regelmäßig E-Zigaret­t­en konsumiert. © afp/aerzteblatt.de

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