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Medizin

Hirnstimulation verstärkt Ehrlichkeit

Mittwoch, 12. April 2017

/dpa

Zürich – Eine transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), die über Elektroden auf dem Schädel die Aktivität der darunter liegenden Hirnareale beeinflusst, hat in einem psychologischen Experiment bei Menschen mit moralischen Skrupeln die Zahl der ehrlichen Antworten erhöht. Bei skrupellosen Lügnern erzielten die Impulse laut der Publikation in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2017; doi/10.1073/pnas.1614912114) dagegen keine Wirkung.

Ehrlichkeit spielt im sozialen und wirtschaftlichen Leben eine zentrale Rolle. Schätzungen zufolge entfallen 5 Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts auf Steuerhinterziehungen. An Bestechungsgeldern sollen jedes Jahr mehr als 1 Trillion US-Dollar fließen. Ein Mangel an Ehrlichkeit kann Weltwirtschaftskrisen auslösen oder den Ruf eines Automobilkonzerns dauerhaft beschädigen. Ehrlichkeit gehört zum Wertesystem aller Weltreligionen.

Trotz dieser hohen Bedeutung sind die biologischen Grundlagen der Ehrlichkeit kaum bekannt. Forscher vermuten, dass mehrere Hirnzentren eine Rolle spielen. Dazu gehören die Amygdalae, die ängstliche Menschen möglicherweise vor Lügen bewahren. Die oberste Instanz für moralische Skrupel könnte jedoch der rechte dorsolaterale präfrontale Cortex (rDLPFC) sein. In diesem Hirnbereich finden die Abwägungsprozesse statt. Eine frühere Studie hatte gezeigt, dass der rDLPFC bei Menschen, die moralisch auf eine Probe gestellt werden, eine vermehrte Aktivität zeigt.

Der rDLPFC befindet sich im Stirnhirn unterhalb der Schädelkalotte und damit in Reichweite der tDCS, die über ein elektrisches Feld die Aktivität von Neuronen verändern kann. Ein Team um Christian Ruff, Neuroökonom am Institut für Volks­wirtschaftslehre der Universität Zürich, hat jetzt in einem Experiment untersucht, ob die tDCS die Ehrlichkeit beeinflusst.

Im Rahmen einer größeren Zahl von Aufgaben, die das eigentliche Ziel der Studie verbergen sollte, mussten die Probanden zehn Mal würfeln. Die Ergebnisse sollten sie in einen Computer eintippen, der ihnen jedoch schon vorher die drei Zahlen (z.B. 1, 4 und 6) nannte, die einen Gewinn von neun Franken bedeuten.

Die Teilnehmer konnten also maximal 90 Franken gewinnen, wenn sie zehnmal eine der richtigen drei Zahlen würfelten oder einfach die Zahlen auf dem Bildschirm eintippten. Die Zufallswahrscheinlichkeit liegt bei 50 Prozent. Da jedoch niemand den Teilnehmern über die Schultern schaute, konnten sie straflos betrügen. Dies führte dazu, dass zu 68 Prozent richtige Antworten eingegeben wurden. 8,5 Prozent der Teilnehmer gaben an, zu 100 Prozent die richtigen Zahlen gewürfelt zu haben. Dies waren laut Ruff die schamlosen Lügner, die ohne Skrupel die 90 Franken einkassieren wollten.

In einer zweiten Runde wurde (über die Elektroden, die die Teilnehmer schon bei der ersten Runde getragen hatten), eine tDCS durchgeführt. Die Zahl der richtigen Antworten sank in der Gesamtgruppe auf 58 Prozent. Die Teilnehmer waren tatsächlich etwas ehrlicher geworden. Der Anteil der Teilnehmer, die unbeeindruckt von den elektrischen Impulsen (die sie freilich nicht spürten) zehn Mal eine richtige Zahl eintippten, lag unverändert bei 8,2 Prozent.

Eine Befragung der Teilnehmer ergab, dass vor allem Teilnehmer mit geringen moralischen Skrupeln beim Würfelexperiment betrogen hatten, und dass in dieser Gruppe die tDCS tatsächlich keine Wirkung erzielte. Bei den Probanden mit moralischen Bedenken hatte das tDCS dagegen die Ehrlichkeit verbessert. In dieser Gruppe lag die Zahl der Gewinne nahe der Zufallswahrscheinlichkeit von 50 Prozent. 

Die Studie bestätigt, dass die rDLPFC eine wichtige Bedeutung für die Ehrlichkeit hat. Für Ruff stellt sich angesichts der Ergebnisse die Frage, inwieweit Ehrlichkeit auf einer biologischen Veranlagung beruht. Sollte dies der Fall sein, dann könnten sich chronische Lügner künftig auf eine verminderte Schuldfähigkeit berufen und auf ein mildes Urteil hoffen. Auf die Neurologen käme dann möglicherweise eine Reihe von Gutachten zu. Am Ende könnte die tDCS das Strafmaß bestimmen.

© rme/aerzteblatt.de

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