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Politik

conhIT 2017: Mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens rückt der Patient ins Zentrum

Mittwoch, 26. April 2017

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Berlin – Nach jahrelangen Diskussionen um den richtigen Weg zum Aufbau einer Tele­ma­tik­infra­struk­tur für das Gesundheitswesen in Deutschland rücken zunehmend der Patient und seine Rolle in einer vernetzten Versorgung in den Blick. Das verdeutlichen viele Veranstaltungen und Themen im Rahmen der dreitägigen Gesundheits-IT-Messe conhIT, die am 25. April auf dem Berliner Messegelände ihre Tore öffnete.

„Eine Zukunft ohne Digitalisierung ist im Gesundheitswesen nicht mehr denkbar“, betonte der Schirmherr der Veranstaltung, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU), in seiner Eröffnungsrede. Das sei gut so, denn Digitalisierung helfe, die Gesundheitsversorgung durch eine stärkere Vernetzung aller Beteiligten weiter zu verbessern. „Im Mittelpunkt muss dabei stets der Patient stehen. Mit dem E-Health-Gesetz haben wir Tempo gemacht, damit der Nutzen der Digitalisierung endlich bei den Versicherten ankommt.“

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Nach dem Praxistest des Versichertenstammdaten, der im November 2016 gestartet sei, seien auch weitere Anwendungen durch das E-Health-Gesetz auf den Weg gebracht worden, von denen der Patient profitiere, wie etwa der Not­fall­daten­satz, der Medikationsplan und die elektronische Patientenakte als „Königsdisziplin“. Sie sei das „notwendige Instrument, damit alle Behandler im Hinblick auf Mehrfacherkrankungen und chronisch Erkrankte alles Wissen zur Verfügung haben“, sagte Gröhe. Mit dem geplanten Patientenfach auf der Gesundheitskarte bestehe zudem „die Riesenchance, die Souveränität der Patienten über ihre Daten zu stärken“. Das sei ein Zugewinn, „weil Informationen fließen und unnötige Zweituntersuchungen unterbleiben können“.

Studien für Handlungsempfehlungen

Auch das Potenzial von innovativen Apps soll Gröhe zufolge besser genutzt werden. Diese müssten jedoch die  Grundbedingungen eines solidarischen Gesundheitssystems nach Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und nachgewiesenem Nutzen erfüllen im Hinblick darauf, ob sie in die Regelversorgung übernommen werden könnten oder nicht. Gröhe verwies in diesem Zusammenhang auf die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) beauftragte Studie CHARISMHA zu Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps.

Ebenso hat das BMG eine Studie zu Big Data und die individualisierte Medizin in Auftrag gegeben, um aufzuzeigen, in welcher Weise die Behandlung verbessert werden könne „dadurch, dass wir Krankheiten besser verstehen, Daten klug miteinander verbinden und zielgerichteter therapieren“, so Gröhe.

Noch vor der Sommerpause kündigte der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter zudem eine weitere Studie zum Thema E-Health und Pflege an, um Handlungsempfehlungen auch für diesen Bereich zu gewinnen. Sein Fazit: „Die Arbeit ist noch lange nicht getan. Es geht um Arbeit am Patientennutzen, die auch gesellschaftliche Debatten führen will.“ 

Patient als „Co-Therapeut“

Auch die Zukunftsforscherin Jeanette Huber vom Zukunftsinstitut rückte in ihrer Keynote den Patienten ins Zentrum. „Der Patient ist kein passiver Zuschauer mehr, wenn es um den Erhalt seiner Gesundheit geht. Er überwascht diese aktiv und ist dank der Digitalisierung zum ,Co-Therapeuten‘ geworden“, beschreibt sie dessen veränderte Rolle. Nach einer Studie des Instituts aus dem Jahr 2015 meinen 77 Prozent der Deutschen, dass die Verantwortung für ihre Gesundheit bei ihnen selbst  liegt.

Apps und Gadgets unterstützen Huber zufolge die Motivation zu gesundem Verhalten. Gleichzeitig sei ein gelernter Umgang mit Technik wichtig, damit aus Unterstützung nicht Entmündigung durch Technik werde. Laut Huber steht im Gesundheitsbereich ein Paradigmenwechsel bevor:  Die Gesundheit der Zukunft basiert bei vielen Menschen zunehmend auf Daten, die kontinuierlich erhoben werden. Sie werden von „schlauen Systemen“ schon voranalysiert, daher können medizinische Eingriffe früher stattfinden. Das verbessere die Gesundheit und emanzipiere den Einzelnen.

Der Gesundheitsbereich wandelt sich nach Meinung der Forscherin zudem von einem starren hierarchischen System zum Netzwerk, in dem verschiedene Player zusammenarbeiten und mehr Transparenz und Offenheit herrscht. Vor allem für die Ärzte werde der Nutzer mit seinem Gesundheitswissen zu einer „anstrengenden Spezies“. Dennoch müssten Ärzte den Patienten mit seinem gegoogelten Wissen ernst nehmen und sich bemühen, mit dessen App-Gesundheitsdaten umzugehen, auch wenn  diese nicht qualitätsgesichert seien. Als Alternative zum traditionellen Arztbesuch müssten auch niedrigschwellige Kommunikationsformen genutzt werden. So wünschen sich nach der Studie 37 Prozent der Deutschen „ mehr Möglichkeiten, sich per Internet vertrauensvoll und qualifiziert mit einem Gesundheitsexperten auszutauschen“.

Angst vor Kontrollverlust

Durch die Digitalisierung vermehren sich die medizinischen Daten zudem exponentiell. Die Menge der Informationen wächst schneller, als sie der beste menschliche Spezialist verarbeiten kann. Daher sind Systeme erforderlich, die mit diesen großen Datenmassen umgehen können, Beispiel Watson von IBM. „Werden in Zukunft Algorithmen Ärzte ersetzen“, fragte Huber vor diesem Hintergrund.

„Menschen wollen einerseits Reduktion von Komplexität durch Maschinen, aber gleichzeitig wollen sie ihre Souveränität gegenüber Technologie behalten, und sie hassen Bevormundung“, meint die Zukunftsforscherin. Daher sei eine Diskussion um die Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen technischer Systeme erforderlich. „Algorithmen werden die Ärzte aber auch deshalb nicht ersetzen, weil Technik nicht neutral ist.“ Hinter Algorithmen stünden immer Entscheidungen darüber, was wünschenswert ist oder wer von den neuen Technologien profitiere.

Die Medizin der Zukunft müsse den ganzen Menschen in den Blick nehmen, auch seine soziale und kulturelle Dimension. Sie sei interdisziplinär und hybrid: Sie stütze sich auf die Erkenntnisse und Erfahrungen von Menschen und auf die Ergebnisse und Empfehlungen von Maschinen. Die Frage sei daher nicht, wie die Digitalisierung das Gesundheitssystem verändern werde, sondern was die Gesellschaft, die Politik und die Unternehmen durch die Digitalisierung verändern wollen. „Digitalisierung ist ein gestaltbarer Prozess“, so Huber. Die Richtgröße könne nicht nur Effizienz sein.  84 Prozent der Menschen wünschten sich mehr Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit von ihren Ärzten, wenn sie an die Gesundheitsversorgung der Zukunft denken.

Die conhIT läuft noch bis zum 27. April. Zum zehnjährigen Bestehen des Branchen­treffens präsentieren mehr als 500 Aussteller aus aller Welt ihre Dienstleistungen und Produkte zum Thema E-Health. Die Veranstaltung bündelt Kongress, Messe, Akademie und Networking-Event. © KBr/aerzteblatt.de

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Avatar #107994
Adolar
am Mittwoch, 26. April 2017, 21:02

Das wird nichts.

Mich als Pat. klärte man neulich in einer der größten, deutschen Universitätskliniken nebenbei auf, es komme gelegentlich vor, daß eine real existierende, schöne, neu angelegte Pat.- Akte (Papier, Pappe, Kugelschreiber...) nicht mehr auffindbar ist und alle ca. 4- stündigen Untersuchungen nochmal gemacht werden...
Oh, wie wird das nur werden, wenn die Daten irgendwo im Orcus landen, sofern sie überhaupt (richtig) "eingepflegt" werden - das Rausholen zur richtigen Zeit für den richtigen Pat. ist dann das nächste Problem.
Vielleicht doch besser den Leuten gleich bei nächster Gelegenheit einen Chip mit einpflanzen, ohne lange zu diskutieren, das merkt doch keiner. Bei Haustieren bewährt es sich doch auch!
LNS

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