Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Gendefekt erklärt Häufung von Autoimmun­erkrankungen in Sardinien

Freitag, 28. April 2017

Sassari – Eine Genvariante, die zur vermehrten Produktion des Zytokins BAFF führt, könnte erklären, warum in Sardinien ungewöhnlich viele Menschen an einer Multiplen Sklerose erkranken. Laut der Studie im New England Journal of Medicine (2017; 376: 1615-1626) ist ein Viertei der Bevölkerung der Mittelmeerinsel Träger der Genvariante, die sie in der Vergangenheit möglicherweise vor einer Malaria schützte.

Trotz der günstigen geografischen Lage – normalerweise nimmt die Häufigkeit der MS mit der Nähe zu den Polen zu – hat Sardinien eine der weltweit höchsten Erkrankungs­raten der Multiplen Sklerose (MS). Auch der systemische Lupus erythematodes (SLE) ist in der Bevölkerung ungewöhnlich häufig.

Auf der Suche nach den Gründen ist ein Team um Francesco Cucca vom Istituto di ricerca genetica e biomedica (IRGB) in einer genomweiten Assoziationsstudie auf ein Signal in dem Gen TNFSF13B gestoßen. Träger der Varianten hatten ein erhöhtes Risiko, an einer MS oder an einem SLS zu erkranken. Beide gehören zur Gruppe der Autoimmunerkrankungen, in der das Immunsystem nach der Bildung spezifischer Antikörper körpereigenes Gewebe angreift.

Das Gen TNFSF13B enthält die Information für das Zytokin Baff („B cell activating factor of the TNF family“). BAFF wird von Monozyten und Neutrophilen produziert. Es fungiert als wichtiger Überlebensfaktor für B-Zellen. BAFF wird dadurch zu einem interessanten Angriffspunkt für immunsuppressive Wirkstoffe. Der monoklonale Antikörper Belimumab ist seit 2011 zur Therapie des SLE in Deutschland zugelassen. Bei der MS wird er (bisher) nicht eingesetzt.

Die nähere genetische Analyse ergab, dass die TNFSF13B-Variante ein sogenanntes „Indel" enthielt. Die Sequenz GCTGT war durch A ersetzt (die Buchstaben bezeichnen die vier Nukleobasen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin, deren Abfolge das genetische Alphabet bildet). Das Indel hat zur Folge, das eine veränderte Boten-RNA gebildet wird. Diese Boten-RNA entzieht sich der Kontrolle durch eine microRNA und im Ergebnis wird vermehrt BAFF gebildet.

Die gesteigerte BAFF-Produktion erhöht die Zahl der B-Zellen, die vermehrt Antikörper bilden, darunter bei manchen Menschen auch solche, die an der Pathogenese von SLE oder MS beteiligt sind. Die Ergebnisse liefern plausible Argumente für den Einsatz von Belimumab bei der Multiplen Sklerose. Ein Erfolg lässt sich allerdings nicht vorhersagen. Klinische Studien mit Belimumab wurden bisher offenbar nicht durchgeführt. Eine Phase-2-Studie mit dem Fusionsprotein Atacicept, das neben BAFF auch das Zytokine APRIL blockiert, musste vorzeitig abgebrochen werden, weil es in der Behand­lungsgruppe doppelt so viele Rückfälle gab wie in der Placebogruppe (Lancet Neuroogy 2014; 13: 353-363).

Die Forscher fanden auch heraus, dass 26,5 Prozent der sardischen Bevölkerung Träger der Indel-Variante des Gens TNFSF13B sind. Das ist mehr, als ein Zufall erklären könnte. Cucca vermutet, dass die Variante die Bevölkerung in der Vergangenheit vor einer Malaria schützte. Die Erkrankung war noch bis in die 1950er Jahre auf Sardinien verbreitet. Für diese Hypothese sprechen tierexperimentelle Studien, in denen eine vermehrte Bildung von BAFF Mäuse vor einer Infektion mit Plasmodien schützte. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

12.12.17
Krankenkasse muss gehbehinderter Blinder Führhund bewilligen
Celle – Einer gehbehinderten blinden Frau aus dem Kreis Uslar muss nach einem Urteil des Landessozialgerichts Niedersachsen-Bremen (Az.: L16/1 KR 371/15) von der Krankenkasse ein Blindenhund bewilligt......
07.12.17
Forscher entdecken Migrations­mechanismen von T-Zellen ins ZNS
Illinois – Forscher der University of Illinois und der University of California haben im Mausmodell nachweisen können, wie bestimmte T-Zellen bei der multiplen Sklerose (MS) die Blut-Hirn-Schranke......
07.12.17
Niedergelassene Ärzte betreuen immer mehr Patienten mit Multipler Sklerose
Berlin – Immer mehr Patienten mit einer Multiplen Sklerose (MS) werden ambulant behandelt. Das berichten Wissenschaftler des Versorgungsatlas, einem Angebot des Zentralinstituts für die......
13.11.17
Primär progrediente Multiple Sklerose: Vermeintlich erster Wirkstoff vor der Zulassung
London – Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat sich für die Zulassung des monoklonalen Antikörpers Ocrelizumab zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose......
30.10.17
Leberschäden: EMA konkretisiert Einschränkungen bei MS-Medikament Zinbryta
London – Wegen der Gefahr schwerer Leberschäden will die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) den Einsatz des Antikörpers Daclizumab (Zinbryta) weiter einschränken. Er soll künftig nur noch als......
12.10.17
Multiple Sklerose: Antihistaminikum beschleunigt Nervenleitung in der Sehbahn
San Francisco – Die Behandlung mit Clemastin, einem Antihistaminikum der ersten Generation, das heute in Apotheken rezeptfrei erhältlich ist, hat in einer randomisierten doppelblinden Phase 2-Studie......
19.09.17
Darmflora von MS-Patienten kann MS-ähnliche Krankheit im Tiermodell auslösen
München/San Franzisko/Münster – Seit einigen Jahren stehen Bakterien der natürlichen Darmflora unter Verdacht, bei entsprechender genetischer Disposition eine Multiple Sklerose (MS) auslösen zu......
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige