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Medizin

Diabetes Typ 2: Trotz vieler neuer Medikamente verbessern sich Blutzuckerwerte nicht

Mittwoch, 3. Mai 2017

Nach Einführung des Insulins gab es lange nur zwei weitere Medikamente: Sulfonylharnstoffe und Biguanide. In den letzten Jahren stieg die Auswahl an Medikamentenklassen um ein Vielfaches. /frittipix, stock.adobe.com

Orlando – Innerhalb von acht Jahren, zwischen 2006 bis 2013, kamen immer mehr blutzuckersenkende Medikamente auf den Markt. Neben Sulfonylharnstoffen und Biguaniden (Metformin) stehen Typ-2-Diabetikern unter anderem Glitazone (Thiazolidindione) und Gliptine (DPP-4-Hemmer) zur Verfügung. Dennoch konnte sich die Blutzuckerkontrolle nicht verbessern und auch die Zahl der Unterzuckerungen blieb weitestgehend konstant. Zu diesem Ergebnis kommt eine retrospektive Studie in Diabetes Care anhand von Versichertendaten von mehr als 1,6 Millonen US-Bürgern (2017; doi: . Kritisch hinterfragt wurden Kosten und Nutzen neuer Medikamente auch auf dem Kongress der Endocrine Society in Orlando 2017.

In den USA nutzen zunehmend Menschen mit Diabetes Typ 2 blutzuckersenkende Medi­kamente. Am stärksten stieg der Einsatz von DPP-4-Hemmern im Zeitraum zwischen 2006 und 2013, von 0,5 Prozent auf 14,9 Prozent. GLP-1-(Glukagonlike Peptid-1)Medikamente nahmen von 3,3 auf 5 Prozent zu. Mit Metformin senken inzwischen mehr als die Hälfte ihre Blutzuckerwerte. Der Anstieg beläuft sich von 47,6 auf 53,5 Prozent. Insuline erhielten im Jahr 2013 bereits 23 Prozent der Typ-2-Diabetiker, im Jahr 2006 waren es noch 17,1 Prozent.

Ein entgegengesetzter Trend zeichnet sich unter den mehr als 1,6 Millionen privat Versicherten bei Sulfonylharnstoffen und Glitazonen ab. Immer weniger Patienten nutzen diese blutzuckersenkenden Medikamente (38,8 versus 30,8 Prozent und 28,5 zu 5,6 Prozent).

Trotz des Einsatzes neuer Wirkmechanismen konnte sich die Blutzuckerkontrolle in der beobachteten Studiengruppe nicht verbessern. Diese hatten die Forscher um Kasia J. Lipska von der Yale School of Medicine in New Haven anhand der HbA1c-Werte von einer Subgruppe (25,6 Prozent) ausgewertet. Bei fast einem Viertel der jungen Patienten war sie sogar schlecht, das heißt, der HbA1c-Wert lag über 9 Prozent. Die Rate der Hpoglykämien veränderte sich nicht innerhalb der acht Jahre. Sie blieb stabil bei 1,3 Unterzuckerungen je 100 gelebten Patientenjahren. Nach wie vor berichten vor allem Betroffene mit mindestens zwei Komorbiditäten über Unterzuckerungen (3,2 versus 3,5 pro 100 Jahre, p = 0,36).

Teure Antidiabetika senken HbA1c-Wert nicht besser als günstige

David M. Nathan vom Massachusetts General Hospital in Boston äußerte sich kritisch über den Nutzen der neuen Antidiabetika auf dem Kongress der Endocrine Society, wie Helmut Schatz im Blog der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie berichtet: Nach Nathans Berechnungen waren die teuersten und am häufigsten verwendeten Präparate auch gleichzeitig die mit dem geringsten HbA1c-Senkungspotenzial. Zudem berichtete der US-Forscher, dass die Preise der Diabetesmedikamente schneller gestiegen seien als jene für andere Erkrankungen einschließlich Krebs. Für ihn ist die Pharmaindustrie der einzige Gewinner der neuen Diabetesmedikamente.

Dem entgegen stellte sich Daniel Ducker von der Universität in Toronto, der seine Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie zuvor offenlegte. Bei den von Nathan aufgeführten Kosten müsse auch der Gesamtaufwand einbezogen werden, wie etwa der Preis für die Blutzuckertestungen und stationäre Behandlungen bei Hypoglykämien. Neue langwirkende GLP-1-Analoga könnten den HbA1c-Wert mindestens ebenso wirksam senken wie Insuline.

Der Endokrinologe Schatz berichtet, dass Ducker zudem noch die EMPA-REG-Studie anführte, die bei der Studie von Lipska nicht inbegriffen war. Demnach profitierten vor allem Männer mit vorherigem Myokardinfarkt von einem der neueren Diabetes­medikamente, dem SGLT-2-Hemmer Empagliflozin. Auch der Gemeinsame Bundes­aus­schuss hat den Zusatznutzen entgegen der Bewertung des IQWIG für bestimmte Patientengruppen anerkannt. Das Deutsche Ärzteblatt hat berichtet:

Diabetesgesellschaft begrüßt Entscheidung des G-BA zu Empagliflozin

Berlin – Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes Hilfe haben die Entscheidung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) begrüßt, dem Diabetesmedikament Empagliflozin für bestimmte Patientengruppen einen „beträchtlichen Zusatznutzen“ zu bescheinigen. Dazu zählen Patienten mit Diabetes Typ 2, die zusätzlich unter Herzkreislauf-Erkrankungen leiden und entsprechende

Die Bedeutung neuer Antidiabetika für Patienten herabzuspielen sei schädlich, sagte Ducker und schloss mit der Aussage: „Der Ratschlag, diese neuen Medikamente nicht anzuwenden, ist gleichzusetzen mit intellektuellem Fehlverhalten.“ (To counsel against using them is intellectual malpractice.) © gie/aerzteblatt.de

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wiener
am Donnerstag, 11. Mai 2017, 18:03

Tohuwabohu bei den oralen Antidiabetika, aber Glinide werde durch G-BA ungerechtfertigt verbanntverbannt!

Der G-BA bescheinigt Empaglifozin Zusatznutzen, obwohl über gehäufte Harnwegsinfektionen und Gliedmaßenamputationen berichtet wurde.Einige Gliptine scheinen kardiale Nebenwirkungen zu haben.
Aber nur den wirksamen und gut steuerbaren Gliniden wurde ein zusätzlicher kardioprotektiver Effekt abgesprochen und deshalb werden sie auf Geheiß eben dieses G-BA von den Krankenkassen nicht mehr erstattet. Welch rigoroser Eingriff in die ärztliche Tätigkeit durch z.T. Nichtmedizinern wie Herrn Hecken !
Bei all den neueren oralen Antidiabetika stehen aufgrund des zeitlich geringen wissenschaftlichen Vorlaufs Beweise ihrer
tatsächlichen Wirkung und Nebenwirkungen noch aus. Die Pharmalobby ist rege und preist heute Empaglifozin und Co.über die FAZ an.

Dr. Kurt Wiener
FA f. Innere Medfizin/Endokrinoligie
´hajodba@gmx.de
am Sonntag, 7. Mai 2017, 12:52

Nur eine "kleine Korrektur" eines ebenso "kleinen Missgeschicks"

Natürlich mitt die "Überschrift" richtigerweise so lauten;

"Warum mich, einem "kritischen Diabetes-Patienten"
dies nicht überrascht hat".

H. Jürgen Barth, Rodalben
´hajodba@gmx.de
am Sonntag, 7. Mai 2017, 12:36

"Warum mich, einem "kritischen Diabetes-Patienten", nicht überrascht"

Um es vorweg zu sagen: ich bin "kein Mediziner oder Pharmakologe"
und auch "kein Diabetes-Experte", sondern ein "über 70-jähriger
Diabetiker Typ 2, der kein Insulin spritzt" und seit fast "15
Jahren" in Behandlung ist. Also jemand, der im "Zweifelsfalle
mit den Nebenwirkungen neuer Antidiabetika" leben müsste, so er
sie "überlebte". Klingt für einen "Laien ziemlich überspitzt"?

Vielleicht mag dies auf den "ersten Blick" den Anschein haben.
Jedoch weise ich auf die im "Jahre 2009" veröffentlichten Er-
gebnisse der Studie "Diabetes in Germany (DiG-Studie)" hin und
deren "Fazit" lautete:

"Schlechte Noten für die Therapie"

und die sehr bedenkliche "Zahlen über die Mortalitätsraten bei
Diabetikern Typ 2" beinhaltete. Leider verschwanden die "Pubkika-
tionen über diese Studie" recht schnell von der Bildfläche. Sie
passten wohl nicht in das "Bilde von einer guten medikamentösen
Versorgung der Diabetiker Typ 2" durch die Pharmaindustrie.

Nicht viel anders erging es offenbar der Veröffentlichung:

"IQWiG erklärt schlechte Noten für Antidiabetika"

aus dem "Jahre 2015". Dafür konnte und kann man umso häufiger
über die "Angriffe auch das IQWiG" lesen, wenn es wieder einmal
eine "negative Nutzenbewertung für ein Antidiabetikum" abgegeben
hatte. Zu den von mit in meinen Sozialrechtsstreiten häufig ver-
wendeten "Zitaten" gehört u.a. die "Stellungnahme der "DDG" vom
27.02.2013":

"G-BA-Beschluss zu ......: Deutsche Diabetes Gesellschaft
befürchtet Therapieeinschränkungen für 650.000 Diabetes-
Patienten"

Wohlgemerkt: DAs "Antidiabetikum" war noch nicht zugelassen
und konnte folglich den "Diabetikern Typ 2" auch
nicht weggenommen werden.

Nun, immerhin konnte man jetzt lesen; "Diabetesgesellschaft
begrüßt die Entscheidung des G-BA zu -----"

Ich selbst werde von der "Empfehlung der Diabetesgesellschaft"
keinen Gebrauch machen. Denn ich bleibe bei den beiden "oralen
Antidiabetika", die mein Diabetologe mir seit nunmehr "8 Jahren
verschreibt" und die "Medikamentösen Säulen" in dem für mich ent-
wickelten "Selbstmanagement meines Diabetes Typ 2" bilden, Und
womit ich konstante "HbA1c-Werte von <7%" erreiche. Die einzige
"Veränderung in meinem Selbstmanagement" findet im "Bereich des
Lebensstils" statt, weil es täglich "neue Einflüsse" gibt, auf
die ich "reagieren" muss, Doch dafür gibt es "keine Medikamente
mit Nutzeffekt". Und "Psychopharmaka" kommen für mich nicht in
Frage.
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 4. Mai 2017, 15:32

Zwei entscheidende Dinge ...

lässt diese allein auf die USA bezogene Studie wissentlich weg!

1. Die Adipositas-Epidemie in den Vereinigten Staaten von Amerika mit Typ-2-Diabetes-Induktion über das metabolische Syndrom, Hyperinsulinismus und Co-Faktoren: Hyperkalorische, High-Carb, Zucker- und Fruktose-lastige Fehlernährung lassen Prävalenz und Inzidenz von Typ-2-Diabetes mellitus geradezu explosionsartig ansteigen.

2. Fehlende finanzielle Ressourcen bei den Einkommens-schwächeren Schichten: Diese leisten sich überwiegend Kohlenhydrat- und Fett-lastige Billig- und Fertig-Lebensmittel. Selbst zubereitete Obst, Gemüse, Fisch-, Pflanzen-EW und Fleisch-betonte, Eiweiß-reiche, ballaststoffreiche Frischkost fehlt! Sie neigen zugleich noch häufiger zu Übergewicht und Fehlernährung, negieren positive Gesundheitsziele über Sport und Bewegung und können sich die erheblich teureren neuen oralen Antidiabeta (OAD) nebst notwendigen Arztbesuchen trotz "Obamacare" einfach nicht leisten. U.a. deswegen nimmt die Sterblichkeit der nicht-weißen US-Bevölkerung signifikant zu und die durchschnittliche Lebenserwartung aller 330 Millionen Bewohner der USA stagniert mit rückläufiger Tendenz.

Dagegen sind die deutschen Disease Management Programme (DMP) TYP-1 und TYP-2-DIABETES MELLITUS eine einzigartige Erfolgsgeschichte von Versorgung, Krankheits-Pädagogik und Krankheitsbewältigung!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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