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Politik

Impfpflicht für Kinder gefordert

Montag, 1. Mai 2017

Berlin – Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte fordert eine Pflichtimpfung gegen Masern. Aus ärztlicher Sicht könne man „von unterlassener Hilfeleistung und von Vernachlässigung elterlicher Fürsorgepflicht sprechen", wenn man einem Kind den derzeit möglichen Impfschutz vorenthalte, sagte Präsident Thomas Fischbach dem Focus: „Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch alle Menschen, die mit ihm in Kontakt treten – dies ist ein Gebot der Solidarität aller mit allen."

Am Freitag hatte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) angekündigt, angesichts immer wieder auftretender Masern- und Mumps-Ausbrüche die Überwachung der Impfberatung zu verschärfen. „Im Sommer soll eine gesetzliche Regelung in Kraft treten, wonach Kitas an die Gesundheitsämter melden müssen, wenn Eltern die Impfberatung verweigern", sagte Gröhe der Rheinischen Post.

Pflicht zur Impfberatung verschärfen

Gröhe verwies zudem auf das bereits geltende Präventionsgesetz, wonach alle Gesund­heitsuntersuchungen für Kinder und Erwachsene dazu genutzt werden müssten, den Impfstatus zu überprüfen. „Auch vor der Aufnahme in eine Kita muss eine ärztliche Impfberatung nachgewiesen werden. Diese Pflicht verschärfen wir jetzt nochmals”, sagte Gröhe.

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Der Minister betonte zudem, dass bereits heute ungeimpfte Kinder und Erwachsene zeitweise vom Besuch einer Kita oder Schule ausgeschlossen werden könnten, um einen größeren Ausbruch von Masern oder Mumps zu verhindern. Einige Schulen hätten davon schon Gebrauch gemacht.

Eingriff in die körperliche Unversehrheit

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) warnte am Montag dagegen vor Aktionismus. Huml erklärte in München, eine Impfpflicht bedeute einen erheblichen Eingriff in das im Grundgesetz verankerte Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und bei Kindern in das Sorgerecht der Eltern. „Ein solcher Schritt könnte nur als Ultima Ratio in Erwägung gezogen werden." Huml will zunächst auf Information und Beratung setzen.

© dpa/kna/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Mittwoch, 10. Mai 2017, 00:59

Ethische Aspekte der Impfpflicht

Um es gleich vorweg zu nehmen, bei der Frage Impfpflicht gab es Diskussionen und wird es auch immer Diskussionen geben, weil hier ein Konflikt wichtiger moralischer Güter vorliegt, ein Konflikt, bei dessen Auflösung es immer Verlierer geben wird und bei dem die Entscheidungen nach einer sorgfältigen Güterabwägung getroffen werden müssen.

Gegen eine Impfpflicht sprechen die möglichen Nebenwirkungen der Impfung, das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen und als dessen besonderer Aspekt das Sorgerecht der Eltern sowie das Recht auf körperliche Unversehrtheit der Impflinge. Für eine Impfpflicht spricht das Recht auf körperliche Unversehrtheit der Impflinge und ihrer Kontaktpersonen. Wenn wir erst einmal nur die medizinischen Konsequenzen für den Impfling betrachten, dann ist offensichtlich, das Risiko für Nebenwirkungen hat jeder, den Vorteil durch die Impfung dagegen nur derjenige, der wirklich exponiert ist. Für eine Risikobewertung ist die Wahrscheinlichkeit zu erkranken ein entscheidender Parameter, und wenn wir über eine Impfpflicht reden, dann muss es unterschiedliche Bewertungen für die Situationen Grundimmunisierung, Riegelungsimpfung und Indikationsimpfung (z.B. bei beruflicher Indikation) geben. Da eine Impfpflicht zusätzlich auch ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht darstellt, sollten restriktive staatliche Maßnahmen immer auch ihrem Ziel angemessen sein.

Bei der Impfpflicht wird immer als Erstes das Schreckgespenst der Zwangsimpfungen heraufbeschworen. Zwangsimpfungen sind nur dann zu rechtfertigen, wenn unmittelbar Gefahr für das Leben und die Gesundheit droht und andere Mittel nicht zum Erfolg führen. Als konkretes Beispiel möchte ich die Pocken nennen. Sollten sie jemals außerhalb der beiden Laboratorien auftauchen, die sie legal lagern, dann ist dies als globaler Notstand zu werten. Ich kenne die Katastrophenpläne nicht im Detail, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Zwangsimpfungen bestimmter Personengruppen dazu gehören. Diese unmittelbare Gefahr für Leben und Gesundheit ist aber nur gegeben bei einer schwerwiegenden hochkontagiösen Erkrankung und die Indikation einer Riegelungsimpfung. In unseren Breiten würde ich neben den Pocken noch die Masern und die Diphtherie zu den Krankheiten zählen, die derartige Maßnahmen erfordern.

Niemand behauptet, Impfungen seien vollkommen harmlos. Sie sind aber um Größenordnungen weniger gefährlich als die Krankheit, gegen die sie eingesetzt werden. Wenn die Krankheit verschwindet, dann kommt irgendwann der Punkt, wo das Nebenwirkungsrisiko größer wird als die mögliche Schutzwirkung. Deshalb sind sowohl die Pockenimpfung als auch die BCG-Impfung nicht mehr Teil der Grundimmunisierung, die Aufgabe, darüber zu wachen obliegt der STIKO.

Wenden wir uns jetzt dem konkreten Beispiel der Masern und der Fragestellung der Grundimmunisierung zu, welche Konflikte gibt es hier und wie können diese aufgelöst werden? Angenommen ein Kind wird von seinen Eltern bewusst nicht geimpft, angenommen es erkrankt selbst nur leicht, angenommen es infiziert auf dem Spielplatz oder in der KITA einen Säugling im 8. Lebensmonat und dieser Säugling erkrankt und stirbt später an einer SSPE. Zugegeben, dies ist der worst case, aber bisher, also ohne Impfpflicht, ist dies aus Sicht der Eltern des verstorbenen Kindes ein schicksalhaftes Ereignis. In dem o.g. Artikel wird von Frau Huml das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit heraufbeschworen. Nur gilt dieses Grundrecht nicht nur für die Personen, die von einer Impfung unmittelbar betroffen sind, sondern auch für deren Kontaktpersonen. In meinen Augen ist eine Übertragung von Masern durch eine rechtzeitige vorherige Impfung fast immer vermeidbar. Damit ist der von mir beschriebene worst case nicht schicksalshaft, sondern im Gegenteil Ausdruck einer groben Fahrlässigkeit und sollte zivilrechtlich und strafrechtlich entsprechend geahndet werden.

Nehmen wir einen anderen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht: die Anschnallpflicht beim Autofahren. Ich erinnere mich, welche Diskussionen es anfangs um die Gurtpflicht gab. Auch hier wären Zwangsmaßnahmen möglich gewesen, dass z.B. der Motor nur gestartet werden kann, wenn der Gurt angelegt ist (die entsprechenden Sensoren sind in fast allen modernen Autos vorhanden und warnen den Fahrer bei fehlendem Gurt), trotzdem ist eine Verletzung der Gurtpflicht lediglich eine Ordnungswidrigkeit und wird mit einem Bußgeld geahndet. Aus meiner Sicht spricht nichts gegen ein ähnliches Modell bei der Impfpflicht. Man könnte durchaus auch unterschiedliche Bußgelder festlegen, höhere Bußgelder bei Krankheiten mit Fremdgefährdung wie Masern und niedrigere bei Krankheiten mit Eigengefährdung wie Tetanus. Um beim Vergleich mit den Regelungen beim KFZ zu bleiben, einem Kind bewusst eine Impfung vorzuenthalten und es als Infektionsquelle auf andere gefährdete Personen loszulassen, ist in meinen Augen genauso verantwortungslos, rücksichtslos und grob fahrlässig wie eine Trunkenheitsfahrt am Steuer. Ich kann es deshalb auch nicht verstehen, dass die Gerichte hier noch kein eindeutiges Zeichen gesetzt haben. Das heißt, logisch ist es schon, ohne Impfpflicht gibt es kein Anfangsdelikt, von dem sich eine strafrechtliche Verantwortung ableiten ließe. Bei der jetzigen Gesetzeslage müsste man schon nachweisen, dass die Infektion des betroffenen Patienten vorsätzlich erfolgt ist, und dies dürfte schwierig werden.

Mit einer Impfpflicht lassen sich auch andere schon angesprochene Maßnahmen begründen: Ausschluss ungeimpfter Kinder (soweit der Impfkalender deutlich überzogen ist und kein ärztliches Attest vorliegt) aus KITA und Hort. Wir haben in Deutschland eine Schulpflicht, diese ist aus meiner Sicht höher einzuschätzen als die Impfpflicht, aber auch hier könnte man ungeimpfte Personen (ohne Attest) kohortieren, damit die übrigen von der Herdenimmunität profitieren.

Was die Indikationsimpfungen betrifft, der §23a IfSG ist faktisch eine Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheitwesen: „ Wenn und soweit es zur Erfüllung von Verpflichtungen aus § 23 Absatz 3 in Bezug auf Krankheiten, die durch Schutzimpfung verhütet werden können, erforderlich ist, darf der Arbeitgeber personenbezogene Daten eines Beschäftigten im Sinne des § 3 Absatz 11 des Bundesdatenschutzgesetzes über dessen Impfstatus und Serostatus erheben, verarbeiten oder nutzen, um über die Begründung eines Beschäftigungsverhältnisses oder über die Art und Weise einer Beschäftigung zu entscheiden.“

Ich persönlich bin nicht gegen MMR geimpft, da zu meiner Zeit diese Impfung noch nicht verfügbar war. Ich kann mich an meine Maserninfektion nicht mehr erinnern, weiß aber aus der Schilderung meiner Eltern, dass deshalb einmal Weihnachten ausgefallen ist. An meine Mumpsinfektion in der frühen Schulzeit kann ich mich sehr wohl erinnern und an die damit verbundenen Schluckbeschwerden. Die Röteln in meiner späten Schulzeit waren für mich eher harmlos, ich erinnere mich aber noch an die Aufregung in der Arztpraxis, weil die Schwester an der Annahme schwanger war. Alles in Allem drei gute Gründe für die MMR-Impfung, wenn es sie damals schon gegeben hätte.

Nur als Anlass zum Nachdenken möchte ich noch einen Aspekt in den Raum stellen: Wenn Zeugen Jehovas bei ihren Kindern eine Transfusion verweigern, dann ist die Empörung groß und dann gibt es auch die Möglichkeit des zeitweiligen Entzugs des Sorgerechts zur Durchführung einer lebensrettenden medizinischen Maßnahme. Sowohl eine Transfusion als auch eine Impfung können Leben retten. Es gibt sicher einen großen Unterschied in der Dringlichkeit der beiden medizinischen Maßnahmen, aber sind die Denkmuster von Impfgegnern wirklich rationaler als die von den Zeugen Jehovas und rechtfertigt dies wirklich die Ungleichbehandlung dieser beiden Personengruppen?

Und noch eine kleine Schlussbemerkung: Der Großteil der Grundimmunisierungen findet zu einem Zeitpunkt statt, wo die Kinder noch nicht einwilligungsfähig sind und deshalb die Eltern die Entscheidung über die Impfung treffen. Das bedeutet zum Zeitpunkt der Impfung ist die Mehrzahl der Impfungen aus Sicht der Kinder eine Zwangsimpfung. Wer daran Zweifel hat, sollte einfach mal in einer Kinderarztpraxis den Schallpegel messen, wenn gerade geimpft wird. Das Sorgerecht der Eltern steht aus gutem Grund hier über dem Selbstbestimmungsrecht der Kinder. Der Kampf um die Gesundheit der Kinder findet deshalb in den Köpfen der Eltern statt.
Avatar #612077
EEBO
am Samstag, 6. Mai 2017, 13:54

Die Impfpflicht für Pocken wurde aufgehoben,

weil die Pocken eradiziert worden waren, wären sie es nicht, würde sie mit Sicherheit heute bestehen. Masern hingegen sind womöglich "harmloser", trotzdem sind sie eine schwerwiegende Erkrankung (nicht nur in Entwicklungsländern). Das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Impfung ist so positiv, daß eine Impfpflicht selbstverständlich sein sollte. Aber wir reden durchaus auch von anderen Impfungen, für die das gelten sollte - ich denke an (die im MMR-Impfstoff ohnehin vorhandenen Komponenten) Mumps und Röteln, aber auch an Diphtherie oder Hepatitiden. Krankheiten, die von Mensch zu Mensch übertragbar und schwerwiegend sind, eben.
Was ich trotzdem gerne wissen möchte: Ich habe über die "Wertschätzung" R. Steiners für die Masernerkrankung natürlich auch schon gelesen, aber jenseits gläubiger Anthroposophen: Was um alles in der Welt finden denn gewisse Gesellschaftskreise ausgerechnet an den Masern so toll, daß sie ihre Kinder dies durchmachen lassen wollen? Welche widerwärtige Art von "Selbstverwirklichung" erzielen Eltern durch ihre Kinder, indem sie so handeln? Und dadurch noch andere Menschen gefährden?
Avatar #104813
Alternativmed
am Samstag, 6. Mai 2017, 00:39

Pocken sind gleich Masern? Der immer wieder strapazierte Äpfel-Birnenvergleich!

Die Sterblichkeit bei Pocken ist bekanntlich um viele Größenordnungen höher als bei Masern. Trotzdem existierte in Deutschland nur bis 1976 eine Impfpflicht für Pocken, und das war zweifelsfrei damals eine richtige Maßnahme, sowohl die Impfpflicht als auch später die Aufhebung derselben.
Avatar #612077
EEBO
am Freitag, 5. Mai 2017, 21:28

Warum nicht wie in den USA?

Wer dort nicht geimpft ist, bitte gerne, aber dann kann er halt keine öffentlichen Kindergärten, Schulen oder Universitäten besuchen. Da wir in Deutschland Schulpflicht haben, würde ich vorschlagen, daß wir die Waldorfschulen für solche Kinder reservieren, und die Gebäude dann am besten mit dem "Biohazard"-Warnsymbol kennzeichnen. Ganz im Ernst: Die Forderung, eine "immunologische Untersuchung" durchzuführen (WAS sollte das noch mal sein?), ist unsinnig - oder hat mein geschätzter Vorkommentator hierfür Fakten bei der Hand? Und ohne die DDR hochleben lassen zu wollen, was hat jetzt genau der Impfzwang (wie es ihn in der BRD für die Pocken gab) für Schaäden verursacht?
Avatar #104813
Alternativmed
am Mittwoch, 3. Mai 2017, 00:39

Impfpflicht, etwa nach dem DDR-System?

Man kann Frau Huml nur zustimmen und vor übermäßigem Aktionismus warnen. Impfungen von Kindern sollten nur in Absprache und nach Einwilligung der Eltern stattfinden, aber niemals wie zu DDR-Zeiten in Form einer Impfpflicht verordnet werden. Vorher sollte in jedem Fall eine immunologische Untersuchung des Impflings vorgenommen werden.
LNS
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