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Vermischtes

Max-Planck-Ge­sellschaft will „Euthanasie“-Opfer identifizieren

Mittwoch, 3. Mai 2017

München – Nach dem Fund von Hirnpräparaten aus der Zeit des Nationalsozialismus will die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) im Juni ein Forschungsprojekt zur Identifizierung von „Euthanasie“-Opfern starten. Es soll eine Datenbank mit den Namen aller Opfer, aber auch zur Todesart und den an den Hirnpräparaten vorgenommenen Forschungen ent­steh­en, wie die MPG gestern in München mitteilte. Die Daten sollen möglichst anhand der vorliegenden Akten und Unterlagen auch aus den damaligen Tötungs­anstalten der NS-„Euthanasie“ ermittelt werden. Die als belastet eingestuften Human­präparate sollen möglichst mit den Namen der Opfer nachbestattet werden.

Erst Ende der 1980er-Jahre hatte die Max-Planck-Gesellschaft mit einer Untersuchung der Präparatesammlungen an ihren Standorten in München, Köln und Frankfurt begonn­en. 1989 wurde beschlossen, alle Präparate aus der NS-Zeit, deren Herkunft nicht ein­wand­frei für unbedenklich erklärt werden konnte, zu bestatten. Dabei handelte es sich un­ter anderem um hundertausende meist mikroskopische Hirnpräparate von mutmaß­li­chen Opfern der sogenannten „Euthanasie“-Aktion, aber auch von anderen Opfergrupp­en wie KZ-Insassen oder Kriegsgefangenen. Diese Präparate aus der NS-Zeit wurden offenbar noch weit nach dem Ende des Naziregimes in Forschung und Lehre eingesetzt.

Projekt soll drei Jahre laufen

Stichproben am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München hatten ergeben, dass sich in der Sammlung des Instituts noch Hirnschnitte befinden. Sie galten schon 1990 als Ver­dachtsfälle und sollten daher längst beigesetzt werden. Im Frühjahr 2015 fand ein Mitar­bei­ter im MPG-Archiv in Berlin einen Holzkasten mit etwa hundert menschlichen Hirn­schnitt­­en. Sie stammten aus dem Nachlass des Arztes und Hirnforschers Julius Hallervor­den, der während der NS-Zeit am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, dem Vorläufer des spä­teren Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, gearbeitet und die Gehirne hunderter „Euthanasie“-Opfer untersucht hatte. Daraufhin wurden noch einmal sämtliche Archive durchforstet. Es habe „keine weiteren Hinweise auf Präparate von NS-Opfern“ gegeben, teilte die Max-Planck-Gesellschaft mit.

Das Forschungsprojekt zur Identifizierung der Opfer soll drei Jahre laufen und wird von der MPG mit eineinhalb Millionen Euro unterstützt. Eine umfassende Rekonstruktion aller Opferbiografien sei angesichts der großen Opferzahl nicht möglich und allenfalls für ein­zelne wenige exemplarische Lebensgeschichten machbar, erklärten die Forscher.

Die Ermordung von Behinderten, Kranken und Pflegebedürftigen war das erste vom NS-Regime in Gang gesetzte systematische Massenmordprogramm. Schätzungsweise 300.000 Männer, Frauen und Kinder töteten Ärzte, Krankenpfleger und SS-Mord­kom­m­an­dos in den von Deutschland kontrollierten Gebieten von 1939 bis 1945. Am bekann­tes­tes ist die sogenannte Aktion T4, bei der etwa ab Kriegsbeginn 1939 Kranke und Be­hinderte zentral erfasst und deutschlandweit in sechs Tötungsanstalten in Gas­kammern mit Kohlenmonoxid erstickt wurden. 70.000 Menschen starben. Nachdem diese Morde zu­nehmend für Unruhe sorgten, stellte die NS-Führung sie nach rund zwei Jahren vor­der­gründig ein.

Die Tötungsanstalten im hessischen Hadamar und anderswo blieben allerdings weiter­hin in Betrieb, etwa um erkrankte Häftlinge aus Konzentrationslagern zu töten. Parallel gin­gen Patientenmorde dezentral weiter. In Heimen und Krankenhäusern töteten Ärzte und Pfleger bis Kriegsende schätzungsweise weitere 90.000 Menschen durch Medika­menten­injektionen oder ließen sie verhungern. © afp/aerzteblatt.de

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