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Politik

„Feedback ist essenziell, wenn sich Verhalten ändern soll“

Freitag, 5. Mai 2017

Berlin – Trotz eines hohen Hygiene-Standards in Deutschland gibt es bei Ärzten und Pfle­gekräfte immer noch Defizite. Daran will auch der heutige Internationale Tag der Hand­hy­giene erinnern und zugleich das Thema erneut ins Gedächtnis rufen. Wie die Mängel ab­gestellt werden können und woran eine mangelnde Compliance liegt, sagt Peter Walger, Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesell­schaft für Krankenhaushygiene (DGKH), im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt ().

DGKH, der Berufsverband der Deutschen Chirurgen und der Berufsverband Deut­scher Hygieniker forderten heute die Länderregierungen auf, ihre Hygieneverordnungen zu überarbeiten. Regelhafte Mitglieder der Hygienekommissi­onen in Krankenhäusern müss­ten auch Patientenvertreter, vorzugsweise Patien­tenfür­spre­cher, sein, hieß es. „Denn ohne das Mitwirken von Patienten und deren Inte­ressenvertretern werden wir die Hygie­ne­stan­dards nicht dauerhaft verbessern können – auch nicht in den Kliniken“, erklärte Walger.

Fünf Fragen an Peter Walger, Sprecher des Vor­stands der Deutschen Gesell­schaft für Kranken­haus­hygiene.

DÄ: Verdeckte Beobachtungen im Vergleich zu offenen Audits haben ergeben, dass Pflegekräfte noch weit weniger als Ärzte Handhygieneregeln beachten, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, wie manche Studien zeigen. Muss vor allem das Pflege­personal noch mehr als bisher ermuntert und geschult werden?
Peter Walger: Grundsätzlich lassen sich Erkenntnisse zum Verhalten des medizinischen Personals im Zusammenhang mit der Händehygiene aus den USA oder den asiatischen Ländern nicht mit unseren Verhältnissen vergleichen. Deutschland hat eine lange Tradi­tion der alkoholischen Händedesinfektion im Gegen­satz zu den genannten Ländern, in denen, wenn überhaupt, das Händewaschen mit Seife lange zum Standard gehörte.

Unabhängig davon ist die Disziplin der korrekten Händedesinfektion, die sogenannten Compliance, überall ein Kernproblem, welches vielerlei Anstrengungen bedarf, verbes­sert zu werden. Dabei kommt es nicht so sehr auf die Methode der Bebachtung an, son­dern auf die Nachhaltigkeit der Effekte, mit denen Verbesserungen erreicht werden. Das Berichten über die Ergebnisse von Beobachtungen, das sogenannte Feedback, ist dabei essen­ziell, wenn sich Verhalten ändern soll.

Gute Aktionen zum Beispiel im Kontext der „Aktion Saubere Hände“ können zeigen, dass es möglich ist, mit offener Beobachtung und Kommunikation der Ergebnisse die Compli­ance bei allen Berufsgruppen auf über 70 Prozent anzuheben. Viele Studien haben je­doch ge­zeigt, dass die Berufsgruppe der Ärzte einen eher höheren Bedarf an Ermunte­rung und Schulung zur besseren Händehygiene hat als die des Pflege­personals. Hier spielt auch die Vorbildfunktion eine wichtige Rolle, wenn sich Verhalten positiv ändern soll. Auf der anderen Seite leidet Pflegepersonal am meisten unter den Belastungen, wenn zu viele Patienten von zu wenig Pflegenden versorgt werden muss. Alle Daten zei­gen, dass hier die Händehygiene am ehesten auf der Strecke bleibt.

DÄ: Manche Programme zur Verbesserung der Handhygiene sehen vor, den Patienten mit einzubeziehen, damit er das Personal „ermahnt“. Wie wichtig ist es, Patienten zum „Mitdenken“ oder „Überwachen“ zu ermuntern?
Walger: Die Rolle der Patienten bei der Prävention von im Krankenhaus erworbenen In­fektionen ist lange Zeit unterschätzt worden. Dabei geht es sowohl um das eigene Ver­hal­ten zum Beispiel bei der eigenen Händehygiene vor und nach dem Toilettengang, beim Umgang mit den eigenen Toiletten- und Hygieneutensilien, aber auch bei der Sorg­falt im Umgang mit eigenen Zugängen wie Harnwegskatheter, Gefäßzugängen oder Wund­verbänden.

Die Beobachtung des korrekten Hygieneverhalten des medizinischen Personals gehört sicher auch dazu, wobei man in Rechnung stellen muss, dass es für viele Patienten nicht einfach ist, hier die richtige Kommunikation zu finden. Eine Ermunterung und ein Mit­den­ken in Sachen korrekter Hygiene zu fördern, ist dabei sicher sehr förderlich und sollte un­terstützt werden. Viele Kliniken haben inzwischen Broschüren oder Informations­­blätter für Patienten, in denen viele Aspekte der eigenen Möglichkeiten, für eine bessere Hygie­ne zu sorgen, benannt werden. Dazu gehört auch, Fehlverhalten des medizinischen Per­sonals anzusprechen. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang die vermittelnde Funktion eines Patientenfürsprechers.  

DÄ: Pflegekräfte waschen sich Untersuchungen zufolge deutlich lieber einfach nur die Hände, als sie sich mit Al­kohol zu desinfizieren. Woran könnte es liegen und was könnte man tun, um hier das Be­wusstsein und die Praxis zu verändern?
Walger: Diese Daten können nicht auf unsere Verhältnisse übertragen werden. Wenn wir in deutschen Krankenhäusern über Händehygiene reden und die Praxis der korrek­ten Handhabung bewerten, kann sicher davon ausgegangen werden, dass damit die al­koholische Händedesinfektion gemeint ist und diese auch im Bewusstsein aller fest ver­an­kert ist. Fehlverhalten bedeutet dabei eher, die Desinfektion zu unterlassen, dafür ent­weder keine Zeit zu haben oder sie schlichtweg zu missachten, nicht aber, sich statt­dess­en die Hände zu waschen.

DÄ: Es gibt einzelne Verbotsaktionen – zum Beispiel das Verbot für Ärzte, den Patienten die Hand zu geben. Halten Sie dies für zielführend oder einen wichtigen Baustein im Rah­men anderer Maßnahmen?
Walger: Es handelt sich bei derartigen Aktionen um reine Demonstrationsakte nach dem Motto: Seht her, wir tun was für die Hygiene. Eine praktische Relevanz hat das in keiner Weise, es wird auch entsprechend in den einschlägigen Empfehlungen zur Händehy­gie­ne nicht gefordert.

Die Gründe für eine korrekte Händehygiene bestehen darin, die Übertragung poten­ziel­ler Infektionserreger auf den Patienten und insbesondere auf Stellen, die mögliche Ein­tritts­pforten für die Erreger darstellen, durch eine strikte Händedesinfektion zu verhin­dern. Deshalb müssen die Situationen, in denen eine Händedesinfektion zwingend statt­zu­finden hat, eindeutig benannt werden.

Es hat sich ein weltweit einheitliches, von der WHO propagiertes Modell, „My 5 Moments of Hand Hygiene“, die „fünf Momente der Händedesinfektion“  durchgesetzt und als Stan­dard etabliert. Hiernach sind die Hände vor und nach jedem Patientenkontakt, nach je­dem Kontakt mit der unmittelbaren Patientenumgebung und nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material und vor aseptischen Tätigkeiten am Patienten zu desinfizieren.

Händeschütteln während einer Visite am Bett des Patienten gehört damit zu den Situatio­nen, bei denen vor- und nachher die Hände zu desinfizieren sind. Das gilt aber auch für das Telefonieren, das Schreiben in die Patientenkurve oder das schlichte Anfassen des Betts oder einer Tastatur während einer Patientenvisite.

DÄ: Das Handhygiene-Verhalten von Besuchern in Krankenhäusern wird ebenfalls immer genauer untersucht. Welche Bedeutung messen Sie hier Strategien bei, diese Gruppe zur richtigen Handhygiene zu erziehen?
Walger: Auch hier gilt, was ich oben zum Verhalten des Patienten selbst bereits ausge­führt habe. Es ist in der Vergangenheit unterschätzt worden, welches präventive Poten­zial hier vorhanden ist.

Patientenangehörige müssen sich und den besuchten Patienten nicht nur dadurch schüt­zen, dass sie bei einer eigenen ansteckenden Infektion zum Beispiel einer Grippe oder bei Durchfall sich hygienebewusst verhalten, sondern auch im normalen Umgang während eines Krankenbesuches den Kontakt der eigenen Hände mit sensiblen Berei­chen des Patienten, seinen Schläuchen und Zugängen, seinen Verbän­den oder seinen Sanitärutensilien vermeiden, sich vorher die Hände desinfizieren oder andere Aspekte berücksichtigen, die ein potenzielles Risiko für den Patienten bedeuten könnten.

Dazu gehört das Mitbringen von Schnittblumen, von Lebensmitteln oder anderen Dingen, die nur nach Rücksprache mit den behandelnden Teams erfolgen sollten. Auch hier hat sich vielerortens bewährt, dass den Angehörigen wie auch den Patienten selbst, Informa­ti­onsbroschüren oder Infoblätter zur Verfügung gestellt werden, wie sie sich in bestimm­ten Situationen zu verhalten haben. Eine Selbstverständlichkeit sollte dabei sein, dass diese Informationen mehrsprachig vorhanden sein sollten. © EB/aerzteblatt.de

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