Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Zweitmeinung kann Entscheidungsfindung von Arzt und Patient stören

Montag, 8. Mai 2017

/Benjamin Nickel, stock.adobe.com

Würzburg – Auf Probleme in Bezug auf die Zweitmeinung hat der Arbeitskreis „Ärzte und Juristen“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesell­schaf­ten (AWMF) bei einem Treffen in Würzburg hingewiesen. Nach Inkrafttreten des Versorgungsstärkungsgesetzes haben gesetzlich versicherte Patienten seit Mitte 2015 vor ausgewählten geplanten Eingriffen Anspruch auf eine Zweitmeinung. Welche Ein­griffe dies sind, ist allerdings noch unklar. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) soll dies in der zweiten Jahreshälfte entscheiden.

Besonders relevant ist das Thema Zweitmeinung laut Arbeitskreis in der Orthopä­die mit seinen überwiegend geplanten Eingriffen, zum Beispiel dem künstlichen Gelenk­ersatz. „Dem Gesetzgeber ging es bei dem Rechtsanspruch auf eine Zweitmeinung weniger um den Patienten, sondern vorrangig darum, die nicht medizinisch begründete Indikations­ausweitung zu begrenzen“, erläuterte Johannes Flechtenmacher, Präsident des Berufs­ver­bands für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), auf dem Treffen. Eine Entschei­dung für oder gegen den Gelenkersatz könnten aber nur Arzt und Patient gemein­sam treffen, das „Shared Decision Making“ sei also besonders wichtig.

Wir operieren keine Bilder. Johannes Flechtenmacher, BVOU-Präsident

Das Zweitmeinungsgesetz hingegen verfolge das Prinzip, dass allein der Experte ent­scheiden könne, was für einen Patienten die richtige Therapie sei, bemängelte der BVOU-Prä­sident. Flechtenmacher kritisierte daher Zweitmeinungen scharf, die aus­schließ­lich auf Bildbefunden beruhten. „Viele Patienten weisen einen dramatischen Ver­schleiß am Hüftgelenk auf, haben aber überhaupt keine Beschwerden“, so Flechten­ma­cher. Ginge man nur nach dem Bild, müsste dieser Patient operiert werden. „Doch wir operieren keine Bilder“, betonte der BVOU-Präsident. 

Laut dem AWMF-Arbeitskreis befürworten rund 90 Prozent der Patienten grundsätzlich eine Zweitmeinung. Im medizinischen Alltag sei das Interesse jedoch sehr viel geringer. Das zeige ein Modellprojekt der AOK Bayern. Gemeinsam mit der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) bietet die Krankenkasse ein digitales Zweit­mei­nungs­­verfahren an. AOK-Versicherte aus ganz Bayern mit einem Krebsbefund können ihre Werte und Bilder an Spezialisten in der Uniklinik schicken, damit diese die Aussage des ersten Arztes überprüfen. Obwohl es auch die AOK-Versicherten mit fast 90 Prozent für wichtig erachteten, eine zweite Meinung einzuholen, werde das Angebot nur wenig ge­nutzt.

„Trotz aufwendiger Informations- und Kommunikationsmaßnahmen haben in den letzten drei Jahren nur 300 Versicherte von dem Angebot Gebrauch gemacht“, berichtete Peter Krase, Ressortleiter für das Leistungsmanagement der Kasse, auf dem Treffen. Dies sei „ein Indiz dafür, dass die allermeisten Patienten in Deutschland trotz des verbrieften Rechts auf eine Zweitmeinung in der Mehrzahl auf die Aussage des ihnen meist bekann­ten ersten Arztes vertrauen“, so das Fazit der AOK-Bayern. © hil/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

21.09.17
G-BA beschließt Regeln für Zweitmeinungen
Berlin – Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat die Regeln beschlossen, nach denen Patienten vor elektiven Eingriffen eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung einholen können. Den Rechtsanspruch auf......
18.07.17
Streit um Rückenoperationen in Bayern
München – Die Zahl der Operationen am Rücken ist in Bayern nach Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) in den vergangenen Jahren stark gestiegen. 2015 habe es im Freistaat mehr als 109.000 Rücken-,......
31.05.17
Zweitmeinungsprojekt zu Hodentumoren hat sich bewährt
Hamburg – Ein positives Fazit des Nationalen Zweitmeinungsprojektes Hodentumor hat die Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) gezogen. Seit dem Start vor elf Jahren habe sich das Projekt „zu einer......
09.01.17
Ärztliche Zweitmeinung reduziert Bandscheiben­operationen
Stuttgart – Das Angebot einer kostenlosen ärztlichen Zweitmeinung für Operationen an der Wirbelsäule reduziert die Anzahl von Bandscheibenoperationen. Darauf hat die Techniker Krankenkasse (TK)......
23.08.16
Zweitmeinung vor Knieendoprothesen-OP für Versicherte der AOK Bayern
München – Versicherte der AOK Bayern können künftig vor einem Kniegelenksersatz eine Zweitmeinung einholen. Dazu hat die Krankenkasse ein Modellvorhaben mit der Klinik und Poliklinik für Orthopädie,......
10.05.16
Strukturiertes Zweitmeinungs­verfahren in der Urologie erfolgreich
Berlin – Ein internetbasiertes Zweitmeinungsverfahren bei der Behandlung von Hodentumoren hat die Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) bereits 2006 initiiert. Rund 5.000......
28.04.16
Anforderungen an ärztliche Zweitmeinungen zu Rücken-OPs
Berlin – Die Anforderungen an eine sogenannte qualifizierte ärztliche Zweitmeinung zu Rückenoperationen haben die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) und der Berufsverband Deutscher......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige