NewsMedizinGuter Schlaf kann Schmerzen lindern (Kaffee hilft auch)
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Guter Schlaf kann Schmerzen lindern (Kaffee hilft auch)

Mittwoch, 10. Mai 2017

/Andrey Popov stock.adobe.com
Boston – Ein akuter oder chronischer Schlafentzug erhöht möglicherweise die Schmerz­empfindlichkeit. Dies zeigen tierexperimentelle Studien in Nature Medicine (2017; doi: 10.1038/nm.4329), in denen eine Behandlung mit Koffein oder Modafinil die normale Schmerzempfindlichkeit wiederherstellte, was mit Ibuprofen oder Morphium nicht gelang.

Viele Menschen bekommen zu wenig Schlaf, da sie ständig von neuen Reizen umgeben sind. Viele finden erst spät ins Bett, weil im Fernsehen noch eine spannende Sendung läuft, oder sie surfen abends lange im Internet oder pflegen ihre Kontakte in sozialen Medien. Auch Mäuse sind anfällig für Ablenkungen. Wenn ihnen kurz vor der Schlafens­zeit noch Nistmaterial oder andere interessante Dinge in den Käfig geworfen werden, überwiegt die Neugierde. 

Forscher der Harvard Universität nutzten dies aus, um die Tiere länger wach zu halten und so die Auswirkungen des Schlafmangels auf ein anderes weit verbreitetes Phäno­men zu untersuchen. Etwa ein Fünftel aller Erwachsenen klagt über chronische Schmer­zen. Epidemiologische Studien zeigen, dass es zwischen den beiden Problemen einen Zusammenhang geben könnte, dem ein Team um Thomas Scammell jetzt mit einer Reihe von Experimenten auf den Grund ging. 

Anzeige

Die Tiere wurden jeweils vor dem Schlafen immer wieder abgelenkt, sodass sie neun oder zwölf Stunden ohne Schlaf blieben. Dann prüften die Forscher, wie die Tiere auf Schmerzreize reagieren, die durch das Berühren einer heißen Platte oder das Auftragen von Capsaicin auf die Pfote ausgelöst wurde.

Ergebnis: Je müder die Tiere waren, desto geringer war die Schwelle, ab der es zu einer Schmerzreaktion kam. Wurden die Tiere über mehrere Tage länger wach gehalten, steigerte sich der Effekt. Ein mäßiger Schlafentzug über fünf Tage reichte aus, um bei ansonsten gesunden Mäusen eine deutlich erhöhte Schmerzempfindlichkeit auszulösen.

Überraschenderweise konnten häufig verwendete Analgetika wie Ibuprofen die durch den Schlafmangel ausgelöste Schmerzüberempfindlichkeit nicht beheben. Selbst Morphium verlor bei den von ihrem Schlaf beraubten Mäusen seine schmerzlindernde Wirkung. Im Gegensatz dazu stellte Koffein, aber auch Modafinil, ein zur Behandlung der Narkolepsie eingesetztes Psychostimulans, die normale Schmerzempfindlichkeit wieder her. Bei ausgeschlafenen Mäusen hatten Koffein und Modafinil dagegen keine Wirkung.

Die Experimente könnten erklären, warum Koffein ein beliebter Zusatzstoff von Misch­analgetika ist. Scammell hält es für möglich, dass Menschen, die aufgrund von Schlaf­mangel eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit haben, bevorzugt zu diesen Mitteln greifen. Eine Lösung sei dies freilich nicht, da die Aufputschmittel nicht das Schlafdefizit aufheben, das die eigentliche Ursache für die vermehrte Schmerzempfindlichkeit ist. Wenn die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar wären, was bei tierexperimentellen Studien nicht immer der Fall ist, dann sollte eine Schlafhygiene Menschen mit chroni­schen Schmerzen helfen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

18. März 2019
Berlin – Nach der Geburt des ersten Kindes schlafen Mütter und Väter bis zu sechs Jahre lang schlechter und weniger als vor der Schwangerschaft. Das berichten Wissenschaftler des Deutschen Instituts
Schlafdefizite von Eltern nach Geburt des ersten Kindes dauern bis zu sechs Jahre
15. März 2019
Berlin – Bei älteren Menschen gelingt die Konsolidierung von Gedächtnisinhalten während des Schlafes nicht mehr so gut wie bei jüngeren. Gründe dafür erläutern Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts
Feinabstimmung neuronaler Rhythmen im Schlaf mit steigendem Alter verändert
14. März 2019
Boston – Britische Patienten, die wegen Arthroseschmerzen mit dem als sicher eingestuften Opioid Tramadol behandelt wurden, hatten im ersten Behandlungsjahr ein erhöhtes Sterberisiko gegenüber
Tramadol kann Sterberisiko von Patienten mit Arthrose erhöhen
27. Februar 2019
Tübingen/Lübeck – Schon kurzer Schlafmangel beeinträchtigt die Funktion von T-Zellen. Das berichten Luciana Besedovsky und Stoyan Dimitrov vom Tübinger Institut für Medizinische Psychologie und
Wie der Schlaf Immunfunktionen beeinflusst
26. Februar 2019
Amsterdam und Boston – Ob ein Mensch gut schläft, wird von Hunderten von Genen beeinflusst, deren Funktionen 2 genomweite Assoziationsstudien jetzt in Nature Genetics (2019; doi:
Genvarianten beeinflussen den Schlaf
22. Februar 2019
Jena/Boston/Stockholm – Wirkmechanismen und Nebenwirkungen schmerzstillender und fiebersenkender Mittel wie Ibuprofen oder Aspirin sind noch nicht vollständig verstanden. Einem internationalen
Zellmodell identifiziert nebenwirkungsarme Schmerzmedikamente
21. Februar 2019
Hannover – Immer mehr junge Menschen in Deutschland leiden laut einer Untersuchung unter Schlafstörungen. Vor allem die 19- bis 29-Jährigen finden zunehmend nachts nicht mehr den notwendigen
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER