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Politik

Tag der Pflege: Forderungen nach mehr Personal

Donnerstag, 11. Mai 2017

/dpa (Archivbild)

Berlin – Zum morgigen Internationalen Tag der Pflege gibt es Rufe nach mehr Personal und einer höheren Wertschätzung für die Arbeit der Pflegekräfte. Die Vereinte Dienst­leis­tungs­gewerk­schaft (Verdi) hat Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeeinrich­tungen morgen zu einer bundesweiten Protestaktion aufgerufen. Ziel ist es, auf die schlechte Per­sonal­situ­a­tion in Krankenhäusern aufmerksam zu machen.

„Die Beschäftigten lassen sich nicht mehr mit warmen Worten oder Mini-Pflege-Pro­gram­m­en abspeisen“, sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. Als Sofort­pro­gramm hat Verdi von der Bundesregierung 20.000 Stellen in der Pflege gefordert. Das Bundeskabinett hatte im März beschlossen, ab 2019 gesetzliche Untergrenzen für die Personalausstattung in pflegesensitiven Bereichen der Krankenhäuser einführen zu wollen. „Das reicht uns nicht und kommt zu spät. Wir brauchen die große Lösung für alle Pflege­bereiche und ein Sofortprogramm, damit abgestellt wird, dass eine Pflegefachkraft allei­ne auf den Stationen arbeiten muss. Das ist doch wohl das Mindeste“, betonte Bühler.

Langfristig brauche es aber nicht nur ein Sofortprogramm, sondern bundesweit verbind­li­che Vorgaben für die Personalausstattung sowohl in der Kranken- als auch in der Alten­pflege. Bühler: „Wer es mit der Wertschätzung der Pflegeberufe ernst meint, muss die reale Arbeitssituation verbessern. Markt und Wettbewerb richten es nicht, der Gesetz­­geber ist hier in der Verantwortung.“

Minister weist auf Neuregelungen hin

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) verwies im Vorfeld des Gedenk­tages an die britische Krankenpflegerin Florence Nightingale auf den „Kraftakt zur Stär­kung der Pflege“, der bereits gestemmt wurde. „Wir haben dafür gesorgt, dass mehr Pflege­fach­­personal in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen eingestellt werden kann, die Zahl der zusätzlichen Betreuungskräfte in Pflegeeinrichtungen nahezu ver­doppelt wurde, unnötige Bürokratie abgebaut und die Bezahlung der Pflegekräfte nach Tarif ge­stärkt wird“, so der Minister. Dieser Weg würde mit der Modernisierung der Pflegeaus­bil­dung, der Entwicklung eines Personalbemessungsverfahrens für die Altenpflege und von Personaluntergrenzen im Krankenhausbereich fortgesetzt.

Staatssekretär Karl-Josef Laumann (CDU), Patientenbeauftragter und Pflegebevoll­mäch­tigter der Bundesregierung betonte den Wert der Pflegekräfte: „Die Arbeit unserer Pfle­ge­kräfte ist mit Gold nicht aufzuwiegen“, sagte er. Ohne sie würde das Gesundheits­we­sen in Deutschland nicht funktionieren.

Das sieht auch Georg Baum von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) so. „Ohne Pflegende geht in der Medizin gar nichts. Sie sind und bleiben Dreh- und Angel­punkt der Versorgung, sowohl bei Kranken daheim, im Pflegeheim und eben auch im Krankenhaus“, sagte der DKG-Hauptgeschäftsführer. Es betonte, die Personalsicherung im Pflegebereich zentrale Aufgabe der Kliniken sei. Ihm zufolge zeigten die Bemühungen der Krankenhäuser, die Pflegepersonalausstattung zu verbessern, bereits Wirkung: Die Zahl der Krankenhausmitarbeiter im Pflegedienst ist laut DKG in den vergangenen zehn Jahren von 393.186 (2005) auf 426.838 (2015) gestiegen.

Mehr Anerkennung notwendig

Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml (CSU) hat in diesem Zusam­m­en­hang auf die Bedeutung von guten Arbeitsbedingungen in der Pflege hingewiesen. „Der Pfle­ge­beruf muss attraktiver werden“, erklärte Huml. Nur so könnten künftig ausrei­chend qua­lifizierte und engagierte Pflegekräfte gewonnen werden. Der Mangel an Nach­wuchs­kräf­ten sei eines der dringlichsten Themen in der Pflege, sagte die Ministerin und fügte hinzu: „Für gute Arbeitsbedingungen sind in erster Linie Arbeitgeber und Gewerk­schaf­ten verantwortlich.“ Klar sei allerdings auch: „Wir brauchen mehr gesellschaftliche An­erkennung für den Pflegeberuf.“

Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) will pflegende Angehörige besser entlasten. „Pflegende Angehörige leisten einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag und benötigen deshalb in besonderer Weise Unterstützung und Entlastung“, betonte sie. Dies sei auch ein wichtiger Erfolgsfaktor im Wettbewerb um qualifizierte Fach­kräfte. „Betriebe müssen gute Rahmenbedingungen für die Vereinbar­keit von Beruf und Pflege schaffen, wenn sie mittel- und langfristig nicht auf erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verzichten wollen“, so Hoffmeister-Kraut. Als Beispiele nannte die Ministerin flexible Arbeitszeiten sowie örtlich flexible Arbeitsmodelle.

Bundesweite Kritik an Personalmangel

Die Linke aus Nordrhein-Westfalen (NRW) machte im Vorfeld des Gedenktages auf Miss­stände in dem Bundesland aufmerksam. „NRW ist den Aufgaben, die sich aus dem er­war­teten Anstieg der Pflegebedürftigkeit ergeben, nicht gewachsen“, sagte Christian Leye, Landessprecher der NRW-Linken. So fehlten allein in NRW rund 40.000 Pflege­kräfte. Bundesweit sehe es keineswegs besser aus. „Der Personalmangel gefährdet die Gesundheit der Patientinnen und Patienten wie der Pflegekräfte“, so Leye. Ähnliche Zustände bestünden in der Altenpflege. Viele Beschäftigte mache die Überlastung krank.

Niedriglöhne und Teilzeitverträge führten trotz harter Arbeit in die Altersarmut. „Das alles sind vollends inakzeptable Zustände, denn sie gehen auf Kosten derjenigen Menschen, die dringend auf Pflege und Unterstützung angewiesen sind“, kritisierte Leye. Er forderte deshalb eine gesetzliche Personalbemessung, um den Personalnotstand zu bekämpfen und die bundesweit notwendigen 100.000 Pflegekräfte einzustellen.

Auch Bündnis 90/Die Grünen haben Kritik geübt. „Schwarz-Rot hat mit den drei Pflege-Stär­kungsgesetzen die großen Probleme der Pflegekräfte noch immer nicht gelöst“, sagte Eli­sabeth Scharfenberg, Franktionssprecherin für Pflege- und Altenpolitik. Die Reformen würden den heute schon dramatischen Personalmangel in Krankenhäusern, Pflege­ein­rich­tungen und -diensten sogar noch verschärfen. „Für mehr Pflegeleistung brauchen wir mehr Personal. Und das fehlt heute schon. Ohne ausreichend Personal sind diese Reformen zum Scheitern verurteilt“, so Scharfenberg.

Die Partei fordert deshalb die schnellstmögliche Entwicklung und Einführung verbindli­cher Personalbemessungsverfahren in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und -diensten. Zudem müsse die Entbürokratisierung der pflegerischen Tätigkeiten vorangetrieben werden. „Außerdem fordern wir mehr Mitbestimmungsrechte für die Pflegekräfte in der Selbstverwaltung“, so die Sprecherin.

bpa: Mehr in Ausbildung und Umschulung investieren

Der thüringische Landesverband des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) hat angemahnt, weiter in Ausbildung und Umschulung zu investieren. „Auch wenn die Zahl der Neueinstellungen in Pflege- und Gesundheitsberufen 2016 weit über dem Durchschnitt anderer Berufsfelder in Thüringen lag, dürfen wir nicht nachlassen“, sagte Margit Benkenstein, thüringische Landesvorsitzende des bpa.

Der Bundesverband Kinderhospiz (BVKH) hat unterdessen auf die schwerwiegenden Fol­gen des Pfle­genotstands in der Kinderkrankenpflege aufmerksam gemacht: Fa­milien, deren Sohn oder Tochter unheilbar krank ist und absehbar sterben wird, leiden dem Ver­band zufolge besonders unter dem Fachkräftemangel bei ambulanten Pflege­diens­ten, weil sie bei der Versorgung ihrer Kinder viel zu oft alleine gelassen werden. Deshalb for­dert der Verband, dass die Kinderkrankenpflege als Berufsfeld deutlich attraktiver wer­den muss.

„Wir dürfen als Gesellschaft nicht länger zusehen, wie betroffene Eltern mit der Pflege ihrer lebensverkürzend erkrankten Kinder alleine gelassen werden“, mahn­te BVKH-Geschäftsführerin Sabine Kraft. Diese Misere habe sich über Jahre entwickelt, bis heute gebe es keine nachhaltige politische Lösung für den Notstand in der Kinderkran­ken­pflege. „Das dürfen wir nicht länger hinnehmen“, erklärte sie. © hil/sb/dpa/aerzteblatt.de

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