Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Muskelkrämpfe: Chinin erhöht Sterberisiko

Donnerstag, 11. Mai 2017

Paris – Die langfristige Verordnung von Chinin-Präparaten, eine in Großbritannien noch gängige Praxis zur Behandlung von nächtlichen Muskelkrämpfen und dem Restless-Legs-Syndrom, war in einer retrospektiven Analyse von Versichertendaten im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2017; 317: 1907-1909) mit einem Anstieg des Sterberisikos verbunden.

Das aus der China-Rinde extrahierte Chinin wird seit den 1930er Jahren zur Behand­lung von idiopathischen Muskelkrämpfen verordnet. In niedriger Dosierung verleiht es Getränken wie Bitter Lemon oder Tonic Water ihren charakteristischen Geschmack. Chinin galt lange als unbedenklich, bis die US-Arzneibehörde FDA erstmals 2006 auf eine erhöhte Zahl von Arzneimittelzwischenfällen hinwies. Die Behörde zitierte damals 665 Meldungen von unerwünschten Ereignissen, von denen 93 tödlich endeten.

Chinin wurde und wird dennoch weiter zur Behandlung von Muskelkrämpfen eingesetzt. In Deutschland war es bis April 2015 sogar rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Auch in Großbritannien ist es ein beliebtes Mittel zur Behandlung von Muskelkrämpfen und des Restless-Legs-Syndroms. Laurence Fardet von der Universität Paris Est Creteil fand in der Datenbank „The Health Improvement Network“, die die Daten von 12 Millionen Patienten speichert, 175.195 Patienten, denen zwischen 1990 und 2014 über längere Zeit Chinin verschrieben wurde.

Während einer Nachbeobachtungszeit von 5,7 Jahren kam es zu 11.598 Todesfällen oder 4,2 Todesfällen pro 100 Personen-Jahre. Die wenigsten dieser Personen dürften an den Nebenwirkungen von Chinin gestorben sein. Die Zahl der Todesfälle war allerdings höher als in einer Vergleichsgruppe von 130.496 Patienten mit den gleichen Diagnosen, die aber nicht mit Chinin behandelt wurden. Hier starben 26.753 Patienten oder 3,2 Todesfälle auf 100 Personenjahre. Fardet errechnet eine adjustierte Hazard Ratio von 1,24, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,21 bis 1,27 signifikant war.

Besonders deutlich erhöht war das Sterberisiko bei Patienten unter 50 Jahren. Fardet ermittelte eine adjustierte Hazard Ratio von 3,06 (2,51-3,73). Fardet fand auch eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, die den Verdacht einer Kausalität erhärtet. Bei der Einnahme von 200 bis 299 mg/die betrug die adjustierte Hazard Ratio 1,25 (1,20-1,30), bei einer Tagesdosis von 300 bis 399 mg/die stieg sie auf 1,83 (1,72-1,94) und bei einer Tagesdosis von mehr als 400 mg auf 2,4 (1,95-2,58) jeweils verglichen mit der Einnahme von weniger als 200 mg/die.

Die Risiken von Chinin werden heute auf eine Verzögerung der Repolarisierung im Reizleitungssystem des Herzmuskels zurückgeführt, erkennbar an einer Verlängerung des QT-Intervalls im EKG. Dies kann zu tödlichen ventrikulären Herzrhythmusstörungen führen. Pikanterweise war Chinidin, ein chemisches Isomer von Chinin, früher ein beliebtes Mittel gegen atriale Herzrhythmusstörungen, obwohl das Mittel laut einer Meta-Analyse das Risiko auf einen plötzlichen Herztod um den Faktor 3 erhöht. (Circulation 1990; 82: 1106-1116).

© rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 12. Mai 2017, 09:08

Cave Chinin-haltige Getränke?

Dann gehörten konsequenterweise auf Bitter Lemon- oder Tonic Water-Flaschen Aufdrucke mit Warnhinweisen und abschreckenden Bildern?
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige