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Medizin

Zwillingsstudie: 40 neue Gene für Intelligenz entdeckt

Dienstag, 23. Mai 2017

/Sergey Nivens, stock.adobe.com

Berlin – Seit vielen Jahren suchen Forscher vergeblich nach Genen für Intelligenz, die kognitive Prozesse beeinflussen. Eine internationale Forschergruppe spürte nun mit Hilfe genomweiter Assoziationsstudien (GWAS) an fast 80.000 Menschen 40 neue, mit Intelligenz assoziierte Erbanlagen auf. Damit können man etwa 4,8 Prozent der Varianz in der Intelligenz erklären, heißt es in der Studie. Die meisten der Gene sind erwartungsgemäß im Gehirn aktiv und steuern dort zellbiologische Vorgänge. Die Ergebnisse wurden in Nature Genetics publiziert (2017, DOI: 10.1038/ng.3869).

Aus Zwillingsstudien ist bekannt, dass Intelligenzunterschiede bei Kindern und Erwachsenen bis zu 80 Prozent erblich bedingt sind (g-Faktor). Vorausgesetzt, es herrscht Chancengerechtigkeit, wovon man in westlichen Gesellschaften ausgeht.

Bisherige Studien scheiterten daran, einzelne Genorte für Intelligenz auf Chromo­somen zu identifizieren. Die Zwillingsstichproben waren einfach zu klein, erklärte Elsbeth Stern, Leiterin des Instituts für Verhaltensforschung, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich. Die aktuell publizierte Studie hingegen sei nicht mehr auf diese Stichproben angewiesen. „Neu ist vor allem das methodische Vorgehen“, sagte Stern. Die Forscher um Suzanne Sniekers vom Center for Neurogenomics and Cognitive Research in Amsterdam konnten weltweit auf alle Personen zugreifen, die ihre Intelligenztestleistung und ihr Genom zur Verfügung gestellt haben.

Allerdings ähnelt die Suche nach konkreten Genen der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Elsbeth Stern, Leiterin des Instituts für Verhaltensforschung, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Stern ist sich dennoch nicht sicher, ob die neue Methodik zum Ziel führen wird, die vollen 80 Prozent zu lokalisieren. „Die Methodik der Studie ist auf jeden Fall ein guter Weg, die Genorte zu finden. Allerdings ähnelt die Suche nach konkreten Genen der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.“ Von 75 Prozent der Varianz in der Intelligenz wisse man zwar, dass sie auf Gene zurückzuführen ist, aber man wisse nicht, welche Gene es sind.

Bei der genetisch bedingten Varianz der Körpergröße sei die Suche ebenfalls nicht weit gekommen. „Fast 100 Prozent der Varianz bei der Körpergröße in westlichen Ländern ist auf Gene zurückzuführen. Sie ist als Merkmal zwar weit weniger komplex als Intelligenz und zudem genauer messbar.“ Dennoch könnten Genetiker derzeit gerade einmal 20 Prozent der Varianz auf bekannte Gene zurückführen. „Das sind zwar mehr als die derzeit 4,8 Prozent bei Intelligenz, aber seit Jahren kommt man auch dort bei der Suche nicht weiter“, sagte Stern.

Umwelteinflüsse sind unabdingbar

Einen praktischen Nutzen hat die neue Erkenntnis der 40 Gene zunächst nicht. „Erst wenn man irgendwann Gene findet, aus denen sich zuverlässig Lernstörungen ableiten lassen, könnte man früher mit gezielten Fördermaßnahmen beginnen.“ Auch die Intelligenz des Menschen können man nicht an den Genen allein ablesen, selbst wenn Forscher die restlichen 75 Prozent aufklären würden, ist sich Stern sicher.

„Das wird nie der Fall sein. Intelligenzunterschiede werden zwar durch genetische Unterschiede gesteuert, aber Intelligenz ist ein Merkmal mir sehr hoher Reaktionsnorm“, erklärte die Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung. Die Gene könnten ihre Wirkung nur unter anregenden Umweltbedingungen auf die Hirnentwicklung und damit auf die Intelligenz entfalten.

Für André Reis, Direktor des Humangenetischen Instituts an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, steht derzeit die Grundlagenforschung im Vordergrund. „Die jetzige Studie hat nur einen, zwar wichtigen, aber erstmal sehr groben Fingerzeig auf diese Prozesse gelegt. Eine wichtige Frage wird nun sein, ob die gleichen zellulären Mechanismen und Prozesse, die seit einigen Jahren bei Intelligenzstörungen (geistige Behinderung) identifiziert wurden, auch für die allgemeine Intelligenz relevant sind. Wäre dem so, könnte das medizinische Implikationen für Menschen mit Intelligenzstörungen haben.“ © gie/aerzteblatt.de

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