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Medizin

Globale Studie findet massive Unterschiede in der Krankenversorgung

Samstag, 20. Mai 2017

Romolo Tavani stock.adobe.com
Seattle – Die Häufigkeit von Todesfällen an 32 Krankheiten, die durch medizinische Mittel vermeidbar wären, ist in den letzten 25 Jahren weltweit gesunken. Die Unterschiede zwischen den 195 Ländern der Erde haben sich jedoch teilweise verschärft. Dies geht aus einer Untersuchung im Lancet (2017; doi: 10.1016/S0140-6736(17)30818-8) hervor, die erstmals einen globalen Qualitätsvergleich der Krankenversorgung versucht hat. Deutschland belegt in der Liste einen Platz im oberen Mittelfeld, bleibt aber nach Ansicht der Autoren hinter seinen Möglichkeiten zurück. 

Die Qualität des Gesundheitswesens eines Landes kann daran gemessen werden, wie häufig ihre Bewohner an Krankheiten sterben, die durch Impfungen verhindert oder durch eine rechtzeitige Therapie geheilt werden können. Ellen Nolte und Martin McKee von der London School of Hygiene & Tropical Medicine haben hierzu vor Jahren eine Liste von Krankheiten erstellt. Zusammen mit dem Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) in Washington haben die beiden Forscher die Liste jetzt über­arbeitet. Sie umfasst nun insgesamt 32 Erkrankungen.

Das Team um IHME-Leiter Christopher Murray hat die Liste jetzt auf die Daten der „Global Burden of Diseases, Injuries, and Risk Factors“-Studie angewendet, die in den letzten Jahren Daten zu Behandlungsergebnissen aus 195 Ländern gesammelt hat. Um die Daten zu vergleichen, haben die Forscher einen HAQ-Index (Healthcare Assess and Quality Index) entwickelt. Ein zweiter demographischer Index vergleicht anhand von Daten zu Pro-Kopf-Einkommen, Bildung und Geburtenraten den Entwicklungsstand eines Landes. 

Herausgekommen sind Ranglisten der einzelnen Länder, die einmal die Fähigkeit des Gesundheitswesens bewertet, vorzeitige Todesfälle zu vermeiden. Zum anderen kann dieser Leistungsnachweis mit den Möglichkeiten in Beziehung gesetzt werden, die sich aus dem Entwicklungsstand des Landes ergeben. Dies ist sicherlich ein gewagtes Unterfangen, doch die Editorialistin Felicity Goodyear-Smith von der Universität Auckland bescheinigten den Autoren ein robustes Design, das einen neuartigen Blick auf die Unterscheide zwischen den reicheren und ärmeren Ländern erlaubt. 

Die gute Nachricht ist, dass sich der HAQ-Index, der Werte von 0 bis 100 annehmen kann, im Untersuchungszeitraum von 1990 bis 2015 von 40,7 auf 53,7 verbessert hat. In 167 der 195 Länder sind die Chancen der Bevölkerung, eine medizinischer Therapien zugängliche Erkrankung zu überleben, gestiegen. Gleichzeitig hat sich aber die Schere zwischen dem besten Land (Andorra mit 95 Punkten) und dem schlechtesten Land (Zentralafrikanische Republik mit 29 Punkten) erhöht. 

Deutschland auf Rang 20

Hinter Andorra belegen die skandinavischen Länder, die Schweiz. Australien, Spanien und die Niederlande mit 90 Punkten oder mehr die Spitzenplätze. Deutschland erreicht mit 86,4 Punkten im HAQ-Index Position 20 hinter Griechenland und Slovenien. Immerhin hat es seit 1990 einen Anstieg um 12,7 Punkte gegeben. 

Deutschland bleibt nach den Berechnungen von Murray immer weniger hinter seinen seinen Möglichkeiten aufgrund des demographischen Index zurück. Der Abstand betrug 1990 noch 10,4 Punkte, im Jahr 2015 blieb Deutschland nur noch 4,3 Punkte hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Für andere Länder fällt der internationale Vergleich weitaus weniger schmeichelhaft aus. Großbritannien belegt mit 85 Punkten nur Platz 30, die USA mit 81 Punkten nur Platz 35 (hinter Estland und Kroatien). Die USA bleiben laut den Berechnungen um 10,2 Punkte hinter ihren Möglichkeiten. Das gilt noch mehr für Russland, das mit 61,4 Punkten auf Platz 57 immerhin 16,4 Punkte hinter den Möglichkeiten bleibt.

Die größten Fortschritte haben in den letzten 25 Jahren laut der Analyse Südkorea, die Türkei, Peru, China und die Malediven gemacht. Der HAQ-Index ist in diesen Ländern um über 20 Punkte gestiegen.

Bei durch Impfungen vermeidbaren Erkrankungen schneidet deutschland gut ab

Interessant ist der Blick auf die einzelnen Krankheiten. Am besten sind die Werte für Deutschland bei den durch Impfungen vermeidbaren Erkrankungen wie Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus und Masern. Deutschland erreicht hier einen HAQ-Index von 100. Auch bei Tuberkulose, Durchfallerkrankungen, oberen Atemwegsinfektionen, Wochenbetterkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen, Appendizitis, Hernien und Gebärmutterkrebs liegt der HAQ-Index über 90. Bei Neugeborenenerkrankungen, rheumatischen Herzerkrankungen, Schlaganfall, peptischen Ulzera, Gallener­krankungen, Diabetes, chronischen Nierenerkrankungen und angeborenen Herzfehlern liegt der HAQ-Index im 80er-Bereich. 

Bei unteren Atemwegserkrankungen, nicht-melanotischen Hautkrebserkrankungen, Zervixkarzinom, ischämischen Herzerkrankungen, hypertensiven Herzerkrankungen, Epilepsie und Arzneimittelnebenwirkungen erreicht Deutschland Werte im 70er-Bereich.

Am schlechtesten sind die Ergebnisse beim Hodenkrebs (66 Punkte) Hodgkin-Lymphom (68 Punkte) und Leukämie (68 Punkte), was sicherlich einige Onkologen verwundern dürfte. Zu bedenken ist aber, dass auch hier in den meisten anderen Ländern die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben. Da die Grundlagen der Vergleiche in den einzelnen Erkrankungen nicht klar sind, könnte ein allzu detaillierter Blick auf die Daten leicht zu Fehleinschätzungen führen. © rme/aerzteblatt.de

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