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Tabakkontrolle: Barrieren der Politik scheinen in Deutschland besonders groß

Freitag, 26. Mai 2017

Rauchen in Bars und Restaurants /Klicker, pixelio.de
Strikte Gesetze in Peking oder Shanghai: Wird hier trotz Verbot in einem Restaurant geraucht, kann man den Vorfall mit einem Fotobeweis per App melden. /Klicker, pixelio.de

Berlin – Tabakbedingte Kosten betragen bundesweit jährlich knapp 80 Milliarden Euro, 25,4 Milliarden Euro enstehen dem Gesundheitssystem, 53,7 Milliarden Euro sind für Produktionsausfälle und Frühverrentungen zu veranschlagen. Präventionsforderungen wie etwa ein Tabakwerbeverbot auf Plakaten, Litfaßsäulen und in Kinos, das bis auf Deutschland alle EU-Mitgliedstaaten auf Empfehlung der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) umgesetzt haben, scheitern hierzulande immer wieder an den Barrieren der Politik, sagte Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Auf Änderungen noch in dieser Legislaturperiode macht sie wenig Hoffnung.

Warum ausgerechnet Deutschland laut der aktuellen Tabakkontroll-Skala Schlusslicht bei der Umsetzung der Präventionsvorschläge der WHO ist, kann Katrin Schaller vom WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle am DKFZ mit zwei Sätzen beantworten: „In Deutschland sitzen seit Jahrzehnten sämtliche Tabakkonzerne direkt bei der Politik vor der Tür und leisten dank ihrer guten Finanzen gute Lobbyarbeit.“ Noch dramtischer kommt das Ungleichgewicht in China zum tragen. „Die Industrie sitzt bei allen Entscheidungen mit am Tisch“, kritisiert auch Zhang Jianshu, der Vorsitzende der Pekinger Vereinigung zur Tabakkontrolle. Das Land ist unangefochtene die Nummer Eins auf der Welt in der Produktion von Zigaretten. Fast der gesamte Markt wird von dem Staats­konzern China National Tobacco Corporation kontrolliert, der mehr als 160 Zigarettenmarken vertreibt. Jegliches Vorgehen gegen das gesundheitsschädliche Laster scheiterte in China bisher oft an der gewaltigen Bedeutung der Industrie.

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Tabakkontrolle in Europa: Schlusslicht Deutschland

Die neue Tabakkontroll-Skala offenbart eklatante Unterschiede in Europa. Während viele Länder Fortschritte machen, dient Deutschland als abschreckendes Beispiel. Laut einer Schätzung der Welt­gesund­heits­organi­sation stirbt in Europa jeder vierte Mann an den Folgen des Rauchens. Bei den Frauen liegt der Anteil der tabakattributablen Mortalität derzeit bei sieben Prozent. Gegenmaßnahmen wie

Zahlen und Fakten

In Deutschland rauchen immer noch rund ein Drittel aller Männer im Alter von 18 – 64 Jahren, bei den Frauen sind es 26 Prozent. Am stärksten verbreitet ist das Rauchen bei sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen.

In Deutschland stirbt durchschnittlich jeder siebte Mensch an den Folgen des Rauchens.

Forderungen an die Politik

Der Weltnichtrauchertag am 31. Mai 2017 wolle mit seinem Motto „Rauchen kostet. Nichtrauchen kostet nichts!“ auf die vermeidbaren Kosten aufmerksam machen. Zusammen mit dem Vorsitzenden der Deutschen Krebshilfe Gerd Nettekoven fordern Pötschke-Langer und Schaller, dass die Politik in der nächsten Legislaturperiode konsequente Schritte einleitet, um den Tabakkonsum weiter einzudämmen. Auch die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, selbst Mitglied im Aktionsbündnis Nichtrauchen (ABNR), teilt diese Empfehlungen. Während das Erschweren beim Einstieg bei den Jugendlichen ganz gute Ergebnisse zeige, sei die Erfolgsquote beim Ausstieg eher gering, berichtete Pötschke-Langer. Die E-Zigarette sieht sie allerdings nicht als probates Mittel für eine erfolgreiche Entwöhnung vom Glimmstängel. „Erst wenn alle anderen Programme fehlgeschlagen sind, empfehlen wir, die E-Zigarette zur Tabakentwöhnung auszuprobieren.“

Hinzu kommt der weiterhin schlechte Schutz vor dem Passivrauchen. Trotz verbessertem Nichtraucherschutz sind viele Menschen bundesweit nach wie vor unfreiwillig Tabakrauch ausgesetzt. Die Expertinnen vom DKFZ forderten daher erneut eine bundeseinheitliche Gesetzgebung. In zwei Ausnahmemetropolen, Peking und Shanghai, feiert derzeit ausgerechnet China Erfolge mit strikten Gesetzen gegen das Rauchen. Wird trotz Verbot in einer Bar oder einem Restaurant geraucht, kann man den Vorfall mit einem Fotobeweis per App melden. Auf einer digitalen Karte werden betroffene Gaststätten für jeden sichtbar. Bei mehr als fünf Verstößen droht dem Restaurant ein Bußgeld.

Zu guter Letzt kamen auch das lang geforderte Werbeverbot und Steuererhöhungen zur Sprache sowie eine weitere Forderung, die kürzlich auch die WHO äußerte: „In allen Filmen, die für unter 18-Jährige freigegeben sind, sollte auf das Rauchen verzichtet werden“, sagt Pötschke-Langer. Eine Filmförderung sollten ihrer Meinung nach auch nur noch jene Filme erhalten, die diese Regel einhalten. Denn es sei mit Studien belegt, dass, je häufiger Kinder und Jugendliche rauchende Menschen in Filmen und Serien sehen, umso anfälliger würden sie, selbst mit dem Rauchen anzufangen.

Preis für rauchfreie Kinderfilme verliehen

Anlässlich des Weltnichtrauchertages verliehen die Deutsche Krebshilfe und das Aktionsbündnis Nichtrauchen dem Film „Auf Augenhöhe“ das 11. Rauchfrei-Siegel. Das Siegel zeichnet Produktionen aus, die auf rauchende Charaktere verzichten oder diese grundsätzlich nicht als Identifikationsfiguren darstellen. Die Auszeichnung nahm der Regisseur, Joachim Dollhopf, persönlich entgegen. Zuletzt wurde der Preis an die ZDF-Krimiserie „Die Rosenheim-Cops“ vergeben. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #731292
cis2000
am Dienstag, 8. August 2017, 00:08

Rauchfrei Siegel

Ich gaube auf ein "Rauchfrei Siegel" kann jeder verzichten. Ich glaube, dass Eltern sowohl in der Lage sind ihr Kind zu erziehen. Dazu braucht es keine Frau Pötschke-Langer!
Avatar #731292
cis2000
am Montag, 7. August 2017, 23:18

Prima Pötschke Langer von der gefährlichsten Stelle entfernt!

Wer sich ein Bild über die Regulierung der e- Zigarette im Bundestag machen möchte hier gibt es Input:
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2016/kw15-pa-petitionen-e-zigarette/418100
Avatar #723606
mststgt
am Sonntag, 28. Mai 2017, 21:15

Personalie

Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg ist seit September 2016 Frau Dr. Ute Mons.
https://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2016/dkfz-pm-16-33-Stabwechsel-in-der-Krebspraevention-Ute-Mons-uebernimmt-das-Amt-von-Martina-Poetschke-Langer.php
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