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Ärzteschaft

Gesundheits­telematik: Weichenstellungen für die Zukunft

Mittwoch, 24. Mai 2017

Franz Joseph Bartmann /Gebhardt

Freiburg – Mit großer Mehrheit hat sich der 120. Deutsche Ärztetag in vielen Ent­schließungsanträgen für eine aktive Mitgestaltung bei der Einführung und Nutzung digitaler Technologien im Gesundheitswesen ausgesprochen. Dabei ging es nicht nur um den Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur und die Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte, sondern diskutiert wurde über das gesamte Spektrum digitaler Technologien im Gesundheitsbereich, wie Telemedizin, Gesundheits-Apps, und ihre Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung und die Arzt-Patienten-Beziehung.

Smartphone als neues Stethoskop

„Der eigentliche disruptive Prozess liegt im Smartphone“, betonte einleitend Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telematik der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Dieses werde zum Stethoskop des 21. Jahrhunderts in der Hand des Patienten und nicht mehr des Arztes. Es werde genutzt als Zugang zur Cyberworld, der Infor­mationen liefere, „die Meyers Enzyklopädie an Umfang, Präzision und Aktualität geradezu in den Schatten stellt“. Als Vernetzungsmedium werde es die Rolle des Arztes von der des Informationsbeschaffers und –gebers deutlich ändern zu der des Begleiters, Navigators und Ratgebers. „Wenn wir diese Rolle anzunehmen und wahrzunehmen bereit sind, werden wir neben Dr. Apple, Dr. Google, IBM Watson und allem, was sich an Entwicklungen noch zeigen wird, als Arzt genauso unverzichtbar sein wie heute“, so Bartmann.

Wandel der Arzt-Patienten-Beziehung

Auf die Veränderungen der Arzt-Patienten-Beziehung durch die Digitalisierung gingen auch die beiden Gastredner, der prominente Autor und Blogger Sascha Lobo und Christiane Woopen, Professorin für Ethik und Theorie der Medizin an der Universität zu Köln, ein.

<b>Interview mit Franz Joseph Bartmann,</b> Vorsitzender des Telematik-Ausschusses der BÄK Start

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Interview mit Franz Joseph Bartmann, Vorsitzender des Telematik-Ausschusses der BÄK

Lobo zufolge leben wir in einer Zeit des exponentiellen Fortschritts. Das Smartphone als „Kristallisationspunkt des Lebens“ habe die Gesellschaft erobert. Aus dem Foto einer Mahlzeit lasse sich etwa per Google-App in einem ersten Schritt der Kalorien­gehalt einer Mahlzeit, in einem zweiten der Nährstoffgehalt berechnen. Aus harmlosen Daten ergebe sich ein Datenstrom, „der potenziell massive Auswirkungen auf das tägliche Gesundheitsempfinden der Menschen hat“, aber ebenso auch auf die Ökono­mie etwa im Hinblick auf die Ernährungs- oder Fitnessindustrie. „Es entstehen neue Datenströme, die eine potenziell disruptive Wirkung haben können“, so Lobo.

Dennoch: „Nicht die Technologien verändern die Welt, sondern die Art und Weise, wie wir sie nutzen.“ Die einzige wirksame Methode, dem „Gruselfaktor der Digitalisierung“ zu begegnen, bestehe darin, sich intensiv damit auseinanderzusetzen und den Prozess selbst mitzugestalten. Man könne den Fortschritt nicht aufhalten, deshalb habe man eine Verantwortung, ihn zu lenken, betonte er.

Hinzu kommt laut Lobo das Phänomen der zuneh­menden Datenbegeisterung der Menschen: „Sie lieben es, ihre Daten zu teilen.“ „Die Datenbegeisterung kennt keine natürliche Grenze, vor allem im Gesundheitsbereich.“ Diese Datenströme beträfen irgendwann auch die Ärzte. Die ärztliche Diagnose werde eingekreist von immer mehr Sensoren. Hinzu kommt die künstliche Intelligenz und ihre Möglichkeiten der „Muster­erkennung auf Speed“. Im Kontext der Diagnose seien letztlich nahezu aus allen Daten Muster zu berechnen.

Arzt benötigt Digitalkompetenz

Vor diesem Hintergrund sieht Lobo die Digitalkompetenz als neue Aufgabe des Arztes. Die Menschen wählen ihm zufolge den Arzt künftig danach aus, ob er „mit ihren Daten etwas anfangen“ kann. Zudem enthält Technologieentwicklung immer eine Ambivalenz. Gerade das sei eine Aufforderung an die Ärzte, die Zukunft mitzugestalten und nicht zu verteufeln.

Durch die Digitalisierung wird es zu einer Aufweichung der Grenzen zwischen Medizin und Lifestyle kommen, prognostizierte die Ethikerin Woopen. Die traditionelle Krankheitsorientierung werde zunehmend zu einer Gesundheitsorientierung. „Klassische Methoden der Diagnostik und Therapie werden hinter Methoden der Prädiktion, Prävention und des Monitorings zurücktreten. Die Rolle des Patenten wandelt sich zu einer Rolle als Nutzer oder Kunde. Die Mauern zwischen den Sektoren des Gesundheitssystems werden fallen.“

Drei ethisch begründete Ziele der Digitalisierung
Woopen stellte in ihrem Vortrag drei ethisch begründete Ziele eines digitalisierten Gesundheitssystems vor: Als ethische Leitplanken dienen ihr zufolge die Selbstbestimmung des Patienten, der Schutz der Privatheit, eine evidenzbasierte Behandlungsqualität einschließlich Patientensicherheit und die gesellschaftliche Solidarität.

Ziel 1: Digitalisierung fördere die Selbstbestimmung des Patienten in einem sozialen Kontext, der auch die Bedingungen der Selbstbestimmung präge. Dazu müssten mehrere Voraussetzungen gegeben sein, insbesondere bestimmte Kompetenzen, Informiertheit und Wertebewusstsein. „In Zeiten digitaler Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten ist überhaupt nicht einzusehen, warum der Patient, der das möchte, nicht selbst über alle seine Daten, und zwar integriert, verfügen können soll, und das ohne überdimensionierte technische Hürden und auch ohne die zusätzliche Präsenz eines Arztes“, betonte Woopen.

Es gelte dabei, zwischen dem Nutzen einer möglichst umfassenden Datensouveränität des Patienten einerseits und einem möglichst hohen Schutz persönlicher Daten andererseits abzuwägen. Hürden eines unautorisierten Zugriffs seien dabei kontinuierlich auf dem technisch möglichst hohen Niveau zu halten. Außerdem könnten ein unautorisierter Zugriff und eine missbräuchliche Verwendung so hart bestraft werden, dass sie sich nicht lohnten. 

Ziel 2: Digitalisierung verbessere die partnerschaftliche Arzt-Patienten-Beziehung. Laut Gesundheitsmonitor von 2016 scheinen informierte Patienten unbequem zu sein, berichtete Woopen. Die Hälfte der befragten niedergelassenen Ärzte bewertete informierte Patienten als „zumindest problematisch“. Die Zeiten einer zumindest latent vorhandenen paternalistischen Grundhaltung der Ärzte scheinen noch nicht flächendeckend überwunden zu sein, stellte Woopen fest. Ärzte könnten jedoch einen entscheidenden Vorteil nutzen: Entscheidende Faktoren für eine gute Arzt-Patienten-Beziehung seien einer Studie zufolge zwischenmenschliche Faktoren wie verbale Kommunikation, Blickkontakt und körperlicher Kontakt, das sinnliche Erleben.

Beschlüsse zur Digitalisierung

Gütesiegel für Gesundheits-Apps

Die Delegierten forderten die Einführung eines bundeseinheitlichen Gütesiegels von Gesundheits-Apps, das Datensicherheit und Datenzuverlässigkeit gewährleisten soll. Notwendig seien zudem standardisierte Verfahren zur Bewertung neuer digitaler Anwendungen. Digitale Gesundheits­anwendungen sollten im Hinblick auf Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und medizinische Qualität bewertet werden.

Die Einführung von digitalen Anwendungen, wie zum Beispiel einer sektorenüber­greifenden elektronischen Patientenakte, bietet nach Einschätzung des Ärztetages Chancen zur Verbesserung der Patien­tenversorgung. Notwendig sei aber, dass die Einführung und Nutzung solcher Anwendungen wissenschaftlich begleitet wird. Der Gesetzgeber soll sicherstellen, dass die Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit von Praxisverwaltungs- und Krankenhaus­informationssystemen für die Verarbeitung und Nutzung der gesetzlich festgelegten Anwendungen elektronischer Medikations­plan, Not­fall­daten­satz und elektronische Patientenakte gewährleistet ist.

Die Delegierten begrüßten grundsätzlich die Möglichkeiten digitaler Anwendungen. Digitalisierung dürfe jedoch nicht zu mehr Bürokratie in Klinik und Praxis führen. Der Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur sowie der Anschluss von Praxen und Kliniken sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die aus Steuermitteln finanziert werden müsse.

Möglichkeiten der Fernbehandlung

In Baden-Württemberg erprobt die Lan­des­ärz­te­kam­mer in einem Modellprojekt die ärztliche Behandlung ausschließlich über Kommunikationsnetze, ohne dass vorab ein direkter Arzt-Patienten-Kontakt stattgefunden haben muss. Der Ärztetag hat die Durch­führung von Modellprojekten zur Fern­behandlung begrüßt und die Bundesärzte­kammer aufgefordert zu prüfen, ob die (Muster)Berufsordnung für Ärzte um einen Zusatz ergänzt werden kann, wonach die Ärztekammern Ausnahmen für Projekte mit wissenschaftlicher Evaluation zulassen können.

Digitale Angebote in Regelversorgung überführen

Die Delegierten des Ärztetages forderten, digitalisierte Versorgungsangebote in die Regelversorgung zu überführen. Hierbei böten sich vor allem bereits bewährte telemedizinische Leistungen im Rahmen der Behandlung von chronischer Herzinsuffizienz, Schlaganfällen oder Diabetes mellitus Typ II an.

Ziel 3: Digitalisierung unterstützt die Evidenzbasierung einer inter- und multiprofessionellen Behandlung und werde genutzt, um ein lernendes Gesundheitssystem aufzubauen.  Es sei unverantwortlich, wenn vorhandene digitale Daten für die Versorgung und Forschung nicht genutzt würden. Aus großen Datenmengen könnten etwa durch Mustererkennung Zusammen­hänge bezüglich des Nutzens einer Behandlung, den Risiken und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, gewonnen werden, meinte Woopen. Zwar seien Korrela­tionen nicht zu verwechseln mit Kausalitäten. Die Auswertung und Interpretation der Daten erfordere vielmehr große Sachkunde. Die Ethik unterliege den Algorithmen. Zudem seien viele Patienten bereit, ihre Daten für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen.

Wachsamkeit gegenüber Datenmonopolisten

„Wer die Daten hat, hat die Macht. Daten sind die neue Währung unserer Zeit“, sagte Woopen. Das erfordere Wachsamkeit bezüglich der Entmachtung der Politik. Gesellschaftliche Rahmen- und Entfaltungsbedingungen sollten in einem demokratischen Verfahren entwickelt werden, nicht durch wenige Datenmachthaber. Datengestützte Diskriminierung müsse verhindert werden. Um die Ziele der Digitalisierung im Gesundheitswesen zu erreichen, bedürfe es einer gemeinsamen Anstrengung von Staat, Gesellschaft, Gesundheitsberufen, Informatikern, Unternehmern etc.

Vor diesem Hintergrund sollten sich die Ärzte jetzt auf die Digitalisierung vorbereiten, um in dem Prozess eine wesentliche Rolle zu spielen, empfahl Woopen. 

Leitantrag fordert Digitalisierungsstrategie

Viele der Aspekte greift auch der Leit­antrag der Bundes­ärzte­kammer zur Digitalisierung im Gesundheitswesen auf. Darin fordert der Ärztetag den Gesetzgeber und die Institutionen der Selbstverwaltung auf, eine Digitalisierungsstrategie zu schaffen, die unter anderem die ethischen Grundsätze zum Umgang mit neuem Wissen und neuen Methoden klärt, die Rolle digitaler Methoden und Verfahren in der Gesundheitsversorgung festlegt und sich mit den Grundsätzen des Datenschutzes im Zusammenspiel mit den Anforderungen von Big Data befasst. Auch die Rahmenbedingungen der Finanzierung und die rechtlichen Rahmenbedingungen seien zu klärten, heißt es in dem Antrag, der mit großer Mehrheit von den Delegierten verabschiedet wurde.

© KBr/aerzteblatt.de
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