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Medizin

Epilepsie: Cannabidiol beugt Anfällen beim Dravet-Syndrom vor

Donnerstag, 1. Juni 2017

New York – Cannabidiol, ein Bestandteil der Hanfpflanze mit geringer psychoaktiver Wirkung, kann bei Kindern mit Dravet-Syndrom, einer angeborenen Enzephalopathie, die Zahl der Anfälle senken. Dies zeigt die erste randomisierte kontrollierte Studie zum Einsatz eines Cannabinoids bei Epilepsien im New England Journal of Medicine (2017; 376: 2011-2020).

Entgegen vielen Medienberichten ist die medizinische Wirkung von medizinischem Cannabis kaum erforscht. Dies liegt zum einem an rechtlichen Problemen, da die Droge in den meisten Ländern illegal und deshalb auch zu Forschungszwecken nur schwer erhältlich ist. Zum anderen enthält die Cannabis-Pflanze um die hundert verschiedene Cannabinoide, und es ist häufig unklar, welche Substanz für die jeweilige Indikation am besten geeignet sein könnte. Generell werden die psychoaktiven Substanzen wie Tetrahydrocannabinol (THC) zur Behandlung von Schmerzen, Multipler Sklerose oder postoperativer Übelkeit empfohlen. Zur Vorbeugung epileptischer Anfälle bei den zumeist jüngeren Patienten werden die nicht-psychoaktiven Substanzen wie Cannabidiol bevorzugt.

Nachdem Cannabidiol in einer offenen Studie bei Kindern und jungen Erwachsenen, die an unterschiedlichen Epilepsien litten, eine gute Wirkung erzielt hat (Lancet Neurology 2016; 15: 270-8), entschloss sich der britische Hersteller GW Pharmaceuticals, Cannabidiol in Doppelblindstudien bei verschiedenen Epilepsieformen zu testen. Die Ergebnisse der Studie zum Dravet-Syndrom liegen jetzt vor.

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Das Dravet-Syndrom ist eine eher seltene infantile Enzephalopathie. Ursache sind Mutationen im SCN1A-Gen. Es kodiert einen Bestandteil eines spannungsabhängigen Natriumkanals. Da der Kanal vor allem auf inhibitorischen Interneuronen vorhanden ist, hat sein Ausfall eine Übererregbarkeit des Gehirns zur Folge. Bei den Kindern kommt es bereits in den ersten Lebenswochen zu Anfällen. Am Anfang sind dies überwiegender Myoklonien. Später kommt es eher zu tonisch-klonischen Anfällen. Die häufigen Anfälle lassen sich mit den konventionellen Antikonvulsiva oft nicht unterdrücken. 

Die 120 Teilnehmer der „Cannabidiol in Dravet Syndrome Study“ im Alter von 2 bis 18 Jahren erlitten vor Beginn der Studie mehrfach in der Woche Anfälle, obwohl bis zu 26 verschiedene Medikamente (im Mittel 4,0) bei ihnen erprobt wurden (am häufigsten Clobazam, Valproinsäure, Stiripentol, Levetiracetam und Topiramat). In der Studie, die an 23 Zentren in den USA und Europa (offenbar keine deutsche Beteiligung) durchgeführt wurde, wurde die aktuelle Therapie fortgesetzt. Die Patienten erhielten jedoch zusätzlich eine orale Zubereitung von Cannabidiol in der Dosis von 20 mg/kg oder ein Placebo. Primärer Endpunkt war die Veränderung der Anfallsfrequenz im Vergleich zu einer vierwöchigen Vorphase. 

Wie Orrin Devinsky vom NYU Langone Medical Center in New York und Mitarbeiter berichten, kam es in der Cannabidiol-Gruppe zu einem Rückgang der Anfallsfrequenz von 12,4 auf 5,9 pro Monat im Vergleich zu einem Rückgang von 14,9 auf 14,1 in der Placebo-Gruppe. Der Unterschied von 22,8 Prozentpunkten war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 5,4 bis 41,1 Prozentpunkten signifikant. 

In der Cannabidiol-Gruppe erzielten 43 Prozent der Patienten eine Reduktion der Anfallsfrequenz um mindestens 50 Prozent. In der Placebo-Gruppe war dies bei 27 Prozent der Fall. Devinsky errechnet eine Odds Ratio von 2,00 (0,93-4,30). In der Cannabidiol-Gruppe verbesserte sich bei 62 Prozent der Patienten der Gesamtzustand der Patienten auf der „Caregiver Global Impression of Change“-Skala um wenigstens eine von sieben Kategorien gegenüber 34 Prozent in der Placebo-Gruppe. In der Cannabidiol-Gruppe erreichten 5 Prozent der Patienten eine komplette Anfallsfreiheit, in der Placebo-Gruppe war dies bei keinem Patienten der Fall. Die Studie bestätigt damit Medienberichte über spektakuläre Behandlungsergebnisse (wenn auch unter einer Begleitmedikation). Die Ergebnisse zeigen jedoch auch, dass die Behandlung nicht bei allen Patienten wirkt.

Sie ist zudem nicht frei von Risiken. Es kam häufiger zu schweren Nebenwirkungen (16 versus 5 Prozent) und bei acht Patienten musste die Behandlung abgebrochen werden. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Schläfrigkeit (36 versus 10 Prozent), Appetitlosigkeit (28 versus 5 Prozent) und Durchfälle (31 versus 10 Prozent). Bei einigen Patienten, die gleichzeitig mit Valproinsäure behandelt wurden, kam es zu einem Anstieg der hepatischen Aminotransferase. Devinsky vermutet, dass es zu einer Wechselwirkung beider Wirkstoffe beim Abbau in der Leber kommt. © rme/aerzteblatt.de

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