NewsMedizinSchizophrenie: Biomarker für frühen Lebensstress liefert neuen Therapieansatz
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Schizophrenie: Biomarker für frühen Lebensstress liefert neuen Therapieansatz

Dienstag, 30. Mai 2017

Göttingen – Belastungen in der Kindheit können lebenslang die Hirnaktivität verän­dern und dadurch möglicherweise die Entwicklung einer Schizophrenie fördern. Ein internationales Forscherteam bringt dies mit epigenetischen Störungen in Verbindung, die in einem Bluttest nachgewiesen werden können und die laut der Publikation in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2017; doi: 10.1073/pnas.1613842114) den Einsatz von Medikamenten nahelegen, die derzeit für andere Erkrankungen in der klinischen Entwicklung sind.

Die Ursachen der Schizophrenie, an der etwa ein Prozent der Weltbevölkerung leidet, sind nicht bekannt. Bekannt ist allerdings, dass neben einer erblichen Veranlagung auch bestimmte Umweltfaktoren – etwa traumatische Erlebnisse in frühen Lebens­phasen – das Erkrankungsrisiko vergrößern. Dies zeigte sich beispielsweise bei der Befragung von Teilnehmern der „PsyCourse-Kohorte“, einer Untersuchung an fast einhundert von Schizophrenie betroffenen Erwachsenen. Einige Patienten berichteten, dass sie in der frühen Kindheit eine emotionale Vernachlässigung oder andere ungüns­tige Lebensumstände erfahren hatten. 

Prozesse im Gehirn können dauerhaft verändert werden

Ein Team um André Fischer vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkran­kungen (DZNE), Standort Göttingen, vermutet, dass diese frühkindlichen Erlebnisse über sogenannte epigenetische Prozesse die Aktivität von Genen im Gehirn dauerhaft verändern können. Hinweise dafür fanden die Forscher zunächst in den Gehirnen von verstorbenen Patienten. Im präfrontalen Kortex, wo sich die Kommandozentrale des Gehirns befindet, fanden sie einen „Überschuss“ an Histon-Deacetylase 1 (HDAC1). 

Anzeige

Dieses Enzym entfernt Acetylgruppen von den Histonen, auf denen die DNA aufge­wickelt ist. Die Folge ist eine stärkere Verpackung des Erbguts. Einzelne Gene können lebenslang nicht mehr aktiviert werden. Dies könnte erklären, warum frühkindliche Erlebnisse eine Erkrankung beeinflussen, die sich meistens im frühen Erwachse­nen­alter zeigt.

Auch bei Mäusen kann die Aktivität von HDAC1 durch frühkindliche Traumata gestei­gert werden. Es reicht, wenn die Mäuse kurz nach der Geburt von den Muttertieren getrennt werden. Sie entwickelten dann später Symptome, die in ähnlicher Weise bei einer Schizophrenie auftreten, berichtete Fischer. 

Die Forscher konnten bei den Tieren die Entwicklung der Erkrankung verhindern, indem sie sie mit einem HDAC-Inhibitor behandelten. Der Wirkstoff hemmt die HDAC1 und „befreit“ dadurch die Gene aus der allzu festen Verpackung der Histone. Fischer hofft, dass eine ähnliche Behandlung auch bei Patienten mit Schizophrenie funktio­nieren könnte.

Dies könnte schon bald möglich werden, da einige HDAC-Inhibitoren wie Entinostat als Krebsmedikament klinisch getestet werden. Ein Vertreter Vorinostat ist in den USA bereits zur Behandlung eines besonderen T-Zell-Lymphoms zugelassen. Ein möglicher Wirkstoff könnte auch das Antiepileptikum Valproinsäure sein, dem eine HDAC-hemmende Wirkung zugeschrieben wird. Valproinsäure wurde laut Fischer in der Vergangenheit bereits zur Behandlung von Psychosen eingesetzt (ist aber derzeit kein etablierter Wirkstoff zur Behandlung der Schizophrenie).

Eine Behandlung käme nach Ansicht der Forscher in erster Linie für Patienten infrage, bei denen in einem Bluttest eine erhöhte HDAC1-Konzentration nachgewiesen wurde. Ob es zu diesen klinischen Studien kommt, bleibt abzuwarten. Man müsse sehr vor­sichtig sein, wenn man Ergebnisse aus Tierversuchen im Zusammenhang mit mensch­lichen Krankheiten interpretiert, erklärte der Forscher. Dies gelte besonders für solche komplexen Erkrankungen wie die Schizophrenie. Gleichwohl ist der Forscher zuver­sicht­lich, dass die Epigenetik ein großes Potenzial für neue therapeutische Wege bietet. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

26. Juni 2018
Toronto – Patienten mit einer Psychose-Spektrum-Störung haben ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko. In der kanadischen Provinz Ontario entfielen laut einer Studie in Schizophrenia Research (2018; doi:
Psychosen für jeden zehnten Suizid verantwortlich
30. Mai 2018
Baltimore – Die Entwicklung der Schizophrenie wird sowohl von Genen als auch von Umweltfaktoren beeinflusst. Beide Faktoren wirken sich einer Studie in Nature Medicine (2018; doi:
Schizophrenie: Plazenta könnte Verbindung von Genen und Umwelt erklären
12. Februar 2018
Los Angeles – Postmortale Untersuchungen an Patienten mit Autismus, Schizophrenie, bipolarer Störung, Depression und Alkoholabhängigkeit zeigen, dass in den Nervenzellen des Cortex vielfach die
Studie findet überraschende Gemeinsamkeiten in Genaktivität bei fünf häufigen psychiatrischen Erkrankungen
7. Dezember 2017
London – Die verbreitete Ansicht, dass Schizophrenien und andere Psychosen in allen Ländern gleich häufig auftreten, ist offenbar nicht korrekt. Eine Studie in JAMA Psychiatry (2017; doi:
Psychosen: Inzidenz schwankt international sehr stark
28. November 2017
London – Ein persönlicher Avatar, über den Schizophreniepatienten in einen persönlichen Dialog mit den Stimmen eintreten, die sie bedrohen, hat in einer randomisierten Studie in Lancet Psychiatry
Schizophrenie: Avatartherapie schwächt akustische Halluzinationen
6. September 2017
Tokio – Ein pränataler Mangel von zwei für die Hirnentwicklung wichtigen Omega-Fettsäuren löst bei Mäusen Verhaltensstörungen aus, die den Prodromalsymptomen der Schizophrenie ähneln. Japanische
Wieso Hungersnöte Schizophrenie-Erkrankungen in der nächsten Generation auslösen
14. August 2017
New Haven – Die Kombination eines vor 125 Jahren erdachten Pawlowschen Experiments, mit dem auch bei gesunden Menschen akustische Halluzinationen erzeugt werden können, und der modernen
NEWSLETTER