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„Der MDS besetzt das Thema Patientensicherheit negativ – das ist ein Rückschritt“

Mittwoch, 31. Mai 2017

Berlin – Gestern stellte der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) sein aktuelles Gutachten zu den Behandlungsfehlern des Jahres 2016 vor. Günther Jonitz, Vorsitzender des Ausschusses „Qualitätssicherung“ bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), hat die Art geärgert, wie der MDS das Thema Behandlungs­fehler in der Öffentlichkeit darstellt. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt er, weshalb.

Fünf Fragen an Günther Jonitz, Vorsitzender des BÄK-Ausschusses „Qualitätssicherheit“

DÄ: Herr Jonitz, gestern hat der MDS seine neue Behandlungsfehlerstatistik vor­gestellt. Das Ergebnis war: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Behandlungsfehler­vorwürfe im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, während die Zahl der tatsächlichen Behandlungsfehler gesunken ist. Ein gutes Ergebnis, oder?
Günther Jonitz: Ja, das Ergebnis ist gut. Doch die Art und Weise, wie der MDS das Ergebnis präsentiert hat, hat mich geärgert. In den letzten Jahren ist es in Deutsch­land gelungen, den Umgang mit Behandlungsfehlern positiv und lösungsorientiert zu beset­zen. Das hat dazu geführt, dass sich Ärzte und Patienten diesem Thema angstfrei nähern. Auch dadurch ist dieses gute Ergebnis überhaupt erst zustande gekommen. Beim MDS scheint das noch nicht angekommen zu sein. Er besetzt das Thema Behand­lungsfehler negativ. Das ist absolut kontra­produktiv.

DÄ: Inwiefern besetzt der MDS das Thema negativ?
Jonitz: Die Kernaussage des MDS ist: Die Patienten seien im Gesundheitswesen Gefähr­dungen durch Behandlungsfehler inklusive einer hohen Dunkelziffer ausgesetzt. Damit stellen sie Ärzte und Pflegekräfte an den Pranger und verbreiten Angst unter den Patien­ten. Außerdem hat der MDS eine Meldepflicht gefordert. Er ruft nach dem Gesetzgeber, damit dieser der Ärzteschaft Vorschriften auferlegen und diese mit Strafen bewehren soll. Eine Meldepflicht wird aber kein Licht bringen, um die Dunkelziffer zu erhellen. Es geht um einen offenen Umgang mit Fehlerursachen und deren aktive Bekämpfung. Es geht um die Stärkung der Sicherheitskultur. Die entwickelt sich aber nicht über autoritäres Verhalten, sondern über Führung und Kooperation. Es ist der ganz falsche Weg, den der MDS vorschlägt.

Mehr vermutete, aber weniger festgestellte Behandlungsfehler

Berlin – Die Zahl der ärztlichen Behandlungsfehler ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr von 4.064 auf 3.564 gesunken. Das geht aus einem Gutachten hervor, das der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Kranken­kassen (MDS) und der Medizinische Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) heute in Berlin vorgelegt haben. In demselben Zeitraum stieg die Zahl der Gutachten zugleich von 14.828 (...)

DÄ: Welcher Weg wäre denn richtiger?
Jonitz: Der MDS könnte substanziell zur Förderung der Patientensicherheit beitragen, wenn er seine Daten und Erkenntnisse offenlegen und mit den Fachverbänden bespre­chen würde. Wir Ärzte interessieren uns sehr für diese Daten, weil wir gerne aus ihnen lernen würden. Statt mit den Orthopäden oder Internisten zuerst mit der Presse zu sprechen, ist kein guter Stil. Es hilft auch den Patienten nicht. Offensichtlich reicht es dem MDS, die Behandlungsfehler zu zählen. Das finde ich sehr bedauerlich. Auf Landes­ebene ist das übrigens anders. Der MDK Berlin-Brandenburg führt ärztliche Fortbildungen zum Thema Behandlungsfehler durch, auch vor Ort! So stelle ich mir eine Zusammenarbeit zum Wohle der Patienten vor.

DÄ: Der MDS argumentiert, dass in anderen Ländern eine Meldepflicht für Behand­lungs­fehler gut funktioniert.
Jonitz: Ja, aber leider übersieht er dabei, dass in diesen Ländern nicht der Zwang zum Erfolg geführt hat, sondern die aktive Einbindung der betroffenen Arztgruppen. Diese definieren, wie in den Niederlanden zum Beispiel, welche Ereignisse als sogenannte Sentinel Events eingestuft werden, also als Ereignisse, die unter keinen Umständen mehr geschehen dürfen – wie das Operieren des falschen Beins. Zusammenarbeit und Vertrauen: Das führt zum Erfolg. Überhaupt funktioniert die Patientensicherheit in Deutschland deshalb gut, weil alle zusammenarbeiten und gemeinsam nach Lösungen suchen und weil jeder mit Eigenleistungen vorangeht.

DÄ: Wie bewerten Sie, dass die Zahl der Behandlungsfehlervorwürfe im vergangenen Jahr angestiegen ist?
Jonitz: Dass die Zahl der Beschwerden steigt, ist für mich ein positives Signal. Denn das bedeutet, dass das Thema der Aufarbeitung von Fehlern öffentlich akzeptiert und positiv besetzt ist. Jeder Fehler ist ein Schatz! Wenn in der Patientenversorgung etwas schiefläuft, dann wollen wir Ärzte das doch wissen, um es künftig vermeiden zu können. Außerdem wollen wir mit unseren Patienten darüber reden, wenn sie den Eindruck hatten, bei ihrer Behandlung sei ein Fehler aufgetreten. Und dafür ist das Reden über Fehler der erste Schritt, nicht aber eine Meldepflicht. Die meisten Patien­ten sind übrigens offen und kooperationsbereit. Sie möchten, dass der Schaden aufge­klärt wird, sie möchten eine Kompensation und sie möchten, dass sich der Fehler nicht wiederholt. Das wollen wir Ärzte auch. © fos/aerzteblatt.de

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