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Medizin

Akne-Medikament zögert Beginn der Multiplen Sklerose in Studie hinaus

Donnerstag, 1. Juni 2017

ag visuell - stock.adobe.com

Calgary – Die Einnahme von Minocyclin, einem in der Aknetherapie häufig einge­setzten Tetrazyklin, dem „immunmodulatorische“ Wirkungen zugeschrieben werden, hat in einer randomisierten kontrollierten Studie bei Patienten mit sogenanntem klinisch isoliertem Syndrom das Einsetzen einer manifesten Multiplen Sklerose hinausgezögert. Die protektive Wirkung blieb laut einer Publikation im New England Journal of Medicine (2017; 376: 2122-2133) jedoch auf die ersten sechs Monate beschränkt.

Minocyclin ist von allen Tetrazyklinen die am stärksten fettlösliche Substanz. Es überwindet problemlos die Blut-Hirn-Schranke. In der Aknetherapie ist dies eher nachteilig, da es zu zentralnervösen Nebenwirkungen kommt. Schwindelattacken sind ein häufiges Problem. In sehr seltenen Fällen steigt der Hirndruck. Dieser „Pseudo­tumor cerebri“ ist eine ernste neurologische Komplikation, da es infolge eines Papillenödems zur Schädigung der Sehnerven kommen kann.

Minocyclin hat neben seinen antiinfektiösen auch „immunmodulatorische“ Eigen­schaften. In Studien hatte es eine Wirkung gegen Allergien, Asthma und auch bei der rheumatoiden Arthritis erzielt. Minocyclin gehört jedoch in keiner dieser Indikationen zu den empfohlenen Wirkstoffen. Auch eine Wirkung bei der Multiplen Sklerose wird seit einiger Zeit diskutiert. Nachdem Minocyclin in zwei früheren kleineren Studien die Zahl der Hirnläsionen verminderte (was angesichts des schubförmigen Verlaufs der MS nicht viel bedeuten muss), hat die Multiple Sclerosis Society of Canada eine Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie initiiert, an der an 12 Zentren des Landes insgesamt 142 Patienten teilnahmen.

Bei allen Patienten war es zu einem sogenannten klinisch isolierten Syndrom gekommen. Als solches werden neurologische Funktionsstörungen bezeichnet, die sich auf die Schädigung eines umschriebenen Ortes im Zentralnervensystem zurückführen lassen, ohne dass in der Magnetresonanztomographie (MRT) bereits eine Läsion sichtbar sein muss. Etwa die Hälfte der Betroffenen erkrankt später an einer MS.

Um diese Progression zu verhindern, nahm die Hälfte der Patienten täglich zwei Tabletten mit Minocyclin (Tagesdosis 100 mg) ein. Bei der anderen Hälfte waren die Tabletten wirkstofffrei. Primärer Endpunkt der Studie war die Diagnose einer Multiplen Sklerose nach den McDonald-Kriterien von 2005 (die 2010 revidiert wurden). In der ersten Zeit zeichnete sich ein klinischer Erfolg ab.

Wie Luanne Metz von der Universität Calgary und Mitarbeiter berichten, waren in der Minocyclin-Gruppe nach sechs Monaten 23 Teilnehmer (33,4 Prozent) an einer MS erkrankt, in der Placebo-Gruppe waren es dagegen 41 Teilnehmer (61 Prozent). Die Differenz von 27,6 Prozentpunkten schmolz nach Berücksichtigung von Unterschieden zwischen den Gruppen (in der Minocyclin-Gruppe hatte es vor Therapiebeginn weniger MRT-Läsionen und eine geringere Beteiligung des Rückenmarks gegeben) zwar auf 18,5 Prozentpunkte. Bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 3,7 bis 33,3 Prozentpunkten blieb der Vorteil jedoch statistisch signifikant. 

Nach 24 Monaten waren in der Minocyclin-Gruppe 34 Teilnehmer (55,3 Prozent) erkrankt gegenüber 47 Teilnehmern (72,0 Prozent) in der Placebo-Gruppe. Die Differenz war jetzt auch in der Rohanalyse, die die unterschiedlichen Patientenmerkmale nicht berücksichtigte, nicht mehr signifikant. 

Auf lange Sicht scheint Minocyclin den Ausbruch der Multiplen Sklerose nicht aufhalten zu können. Auf kurze Sicht könnte Minocyclin eine Alternative zu den heutigen Standardtherapien sein, die laut Metz in klinischen Studien keine bessere Wirkung erzielten, jedoch um ein vielfaches teurer sind. Die Kosten für eine konven­tionelle MS-Behandlung liegen in Kanada zwischen 20.000 und 40.000 Dollar. Die Behandlung mit Minocyclin würde gerade einmal 600 Dollar kosten, schreibt Metz. Minocyclin wäre zudem das erste Medikament, das in diesem Stadium als Tablette oral eingenommen werden könnte, was viele Patienten gerade in dem Vorstadium der MS sicherlich begrüßen würden. 

Zongqi Xia und Robert Friedlander von der Universität Pittsburgh sind im Editorial nicht restlos überzeugt. Sie verweisen darauf, dass die Studie nicht verblindet war, da einige Patienten an der Gelbfärbung ihrer Zähne (eine bekannte Nebenwirkung von Minocyclin) erahnen konnten, dass sie den Wirkstoff und kein Placebo erhalten hatten. Gegen eine derzeitige Empfehlung sprächen auch die geringe Teilnehmerzahl und die kurze Nachbeobachtungszeit der Studie. Die Fachgesellschaften dürften deshalb vor einer Empfehlung die Ergebnisse weiterer Studien abwarten. © rme/aerzteblatt.de

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