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Fachgesellschaft fordert Schmerzindikator analog zum Hygienemangement

Dienstag, 6. Juni 2017

Bewohnerin eines Pflegeheims berichtet über Schmerzen /Photographee.eu, stock.adobe.com
Laut einer Umfrage erfahren Pflegefachkäfte bei der Neuaufnahme eines Bewohners am häufigisten vom Betroffenen selbst, dass dieser an chronischen Schmerzen leidet. / Photographee.eu, stock.adobe.com

Berlin – Für chronische Schmerzpatienten stellt die Verlegung aus der Klinik in ein Pflegeheim, aber auch umgekehrt ein Risiko dar. Aufgrund mangelnden Informations­austausches könnte die Versorgung abgebrochen werden, was „buchstäblich schmerz­hafte Folgen“ haben kann, erklärte die Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) Christel Bienstein auf der heutigen Pressekonferenz der Deutschen Schmerzgesellschaft (DSG) in Berlin anlässlich des Aktionstags gegen Schmerz.

Informationsquellen bei Neuaufnahme oder Übernahme eines Bewohners

Häufig erfahren Pflegefachkräfte von chronischen Schmerzen über ...

  • Patienten/Bewohner (41,53 %)
  • Arztbrief (37,71 %)
  • betreuende Pflegefachperson (31,06 %)
  • Angehörige (24,92 %)
  • behandelnde Ärzte (20,43 %)
  • Pflegeüberleitungsbogen (17,28 %)
  • gesetzlicher Betreuer (5,98 %)

Quelle: DBfK: Online-Umfrage Schnittstellen­management bei chronischen Schmerzen (März/April 2017)

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Erste Ergebnisse einer Online-Umfrage unter 602 Pflegefachpersonen mit abgeschlossener Ausbildung bestätigen die Schnittstellenproblematik: 86 Pro­zent der Befragten beschreiben die Situation als unbefriedigend. Begründet wurde das schlechte Urteil mit teilweise veralteten, zu späten oder unüber­sicht­lichen Informationen. Eine schlechte Note erteilten die Pflegefachkräfte auch, wenn sich Informationen auf die medi­ka­men­töse Therapie beschränkten. „Gerade im Bezug auf chronische Schmerz­patienten wurden große Informationsdefizite geschildert, die zu Missverständnissen, Versorgungs­brüchen oder auch Wiedereinweisungen führen“, kritisiert daher Bienstein.

Am häufigsten erfahren die Pflege­fachkräfte bei der Neuaufnahme eines Bewohners vom Betroffenen selbst, dass dieser an chronischen Schmerzen leidet (41,53 Prozent). Selten oder nie erhalten fast 40 Pro­zent der Pflegekräfte die Informationen aus dem Pflegeüberleitungsbogen. Auch behandelnde Ärzte stellen nur für etwa 20 Prozent eine häufige Informationsquelle dar. Ein besonderes Defizit sieht die Pflegewissenschaftlerin von der Universität Witten/Her­decke bei schlecht informierten gesetzlichen Betreuern (siehe Kasten 1).

Anregungen für ein besseres Schnittstellenmanagement

Im Rahmen der Umfrage wurden auch Vorschläge gesammelt, um die Schnittstellen­problematik zu verbessern. Standardisierte Fragebögen, ein verpflichtendes Übergabe­gespräch vor der Verlegung, Verfahrensanweisungen inklusive nicht medikamentöser Maßnahmen, informierte Patienten und Angehörige mittels Medikamentenplan oder eine verpflichtende Umsetzung des Entlassmanagements waren nur einige von vielen Beispielen, die die Befragten nannten.

Gesundheitspolitische Empfehlungen

  • verpflichtende Teilnahme an Qualitätssicherungsinitiativen für Kliniken im Bereich Schmerztherapie oder zumindest Vergütungsanreize
  • Transparenz über Zertifikate, aber auch Ergebnisqualitäten in Routinedaten
  • Struktur- und Prozesselemente, die wissenschaftlich nachweisbar zu einer Verbesserung der schmerztherapeu­tischen Versorgungsqualität beitragen, verbindlich festlegen (zum Beispiel Vorhandensein von interprofessio­nellen Akutschmerzdiensten)
  • G-BA gesetzlich beauftragen, Quali­täts­kriterien für ein strukturiertes Akutschmerzmanagement inklusive geeigneter Indikatoren zu entwickeln
  • Ergänzend systematische Patienten­befragungen, auch in der Qualitäts­mes­sung der Schmerztherapie, einführen
  • konkrete Vorgaben für Landes­kran­kenhausplanung für systema­tischen Ausbau der Akutschmerzdienste
  • Länder sollen Kliniken verpflichten, an Benchmarking-Projekten zur verglei­chenden Darstellung der Qualität teil­zunehmen

Um die Qualität in der Schmerztherapie sicherzustellen, fordert die DSG –ähn­lich wie im Bereich der Hygiene – auf Bundesebene einen Schmerzindikator. „Die Krankenhausqualität muss auch bei der Schmerzbehandlung besser und ver­gleichbar werden“, sagte der DSG-Präsi­dent Martin Schmelz von der Universität Heidelberg. „Studien zeigen: In rund der Hälfte der Kliniken ist das derzeit nicht gut geregelt, und deshalb erleiden Patienten unnötige Schmerzen.“ Bei einem parlamentarischen Frühstück mit Bundestagsabgeordneten letzte Woche hat die DSG ihre Forderungen für die nächste Legislaturperiode erläutert (siehe Kasten 2).

Anlässlich der aktuellen Debatte um die Umsetzung des Gesetzes „Cannabis als Medizin“ fordert die DSG zudem ganz klar: Auch wenn Cannabis keineswegs als Wundermedizin zu betrachten sei, so kann es nicht sein, dass gerade die Patienten, die bisher eine Ausnahme­genehmigung vom bisher zuständigen Bundesamt hatten, nach der erfolgten Gesetzesänderung schlechter gestellt werden und oftmals keinen Zugang zur Kostenübernahme durch die Kranken­kassen erhalten. „Ich fordere Politik und Kassen auf, diese Umsetzungshürden unverzüglich zu beseitigen“ sagte Schmelz. Über erste Zahlen zu eingehenden Anträgen bei den Krankenkassen und Ablehnungen hat das Deutsche Ärzteblatt kürzlich berichtet.

Cannabis: Erste Zahlen, Ansturm in Fachpraxis

München – Seit kurzem können Menschen bei schwerwiegenden Erkrankungen Cannabis auf Rezept erhalten. Bisher hatten etwa 1.000 Patienten bundesweit eine Ausnahmegenehmigung. Erste Daten lassen nun erahnen, dass die Zahlen deutlich ansteigen werden. Bei der DAK Gesundheit sind allein zwischen dem 1. März und 8. Mai 2017 rund 600 Anträge und Anfragen auf Verordnung von medizinischem Cannabis

Zahlen und Fakten

Etwa 23 Millionen Deutsche (28 Prozent) berichten über chronische Schmerzen, 95 Prozent davon über chronische Schmerzen, die nicht durch Tumorerkrankungen bedingt sind. Legt man die Messlatte der Beeinträchtigung durch die Schmerzen zu­grunde, so erfüllen sechs Millionen Deutsche die Kriterien eines chronischen, nicht tumorbedingten beeinträchtigenden Schmerzes. Die Zahl chronischer, nicht tumor­bedingter Schmerzen mit starker Beeinträchtigung und assoziierten psychischen Beeinträchtigungen (Schmerzkrankheit) liegt bei 2,2 Millionen ​Deutschen. Oftmals dauert es drei bis sechs Jahre, bevor chronische Schmerzpatienten einen geeignete Behandlung finden.

© gie/aerzteblatt.de

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