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Medizin

Schon moderater Alkoholkonsum schädigt das Gehirn

Donnerstag, 8. Juni 2017

/boule1301, stock.adobe.com

Oxford – Bei Männern und Frauen, die über Jahrzehnte hinweg fünf bis sieben Flaschen 0,5-l-Bier und somit etwa 110 bis 170 g reinen Alkohol pro Woche konsu­mieren, ist das Risiko einer Schrumpfung des Hippocampus doppelt bis dreimal so hoch wie bei Nichttrinkern. Darüber hinaus schnitten die moderaten Alkoholtrinker bei einigen Sprachtests schlechter ab als Abstinenzler. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Forschern der University of Oxford, die im British Medical Journal publiziert wurde (2017; doi: 10.1136/bmj.j2353).

Wie viel Alkohol ist enthalten?

10 g bis 12 g Alkohol entsprechen circa ...

  • ... 0,25 l Bier (5 Vol-%)
  • ... 0,1 l Wein/Sekt (11 Vol-%)
  • ... 0,2 l Longdrink mit 4 cl Wodka
    (38 Vol-%)
  • ... 0,04 l Spirituose/Shot (38 Vol-%)

Moderater Alkoholkonsum

  • 110 bis 170 g Ethanol = fünf bis sieben 0,1-l-Gläser Wein/Sekt beziehuzngsweise 0,5 l Bier pro Woche

Die negativen Effekte von hohem Alkoholkonsum sind hinlänglich untersucht. Doch zu den potenziellen Schäden eines moderaten Genusses – also fünf bis sieben 0,1-l-Gläser Wein oder 0,5 l Bier pro Woche – gibt es nur wenig aussagefähige Untersuchungen.

Im Rahmen der Whitehall-II-Gesund­heitsstudie wurden 550 Männer und Frauen im Alter von durchschnittlich 43 Jahren zwischen 1985 und 2015 unter­sucht. Keiner der Probanden war zu Beginn der Studie Alkoholiker. Je mehr Alkohol die Teilnehmer pro Woche tranken, desto größer war auch der Schwund an Gehirnmasse im Hippo­campus, der für das Gedächtnis und die räumliche Orientierung zuständig ist. Wer umgerechnet zehn 0,5-l-Flaschen Bier (5 Vol-%) pro Woche (240 Gramm reiner Alkohol) zu sich nahm, hatte das größte Risiko einer sichtbaren Hippocampus-Atrophie im Magnetresonanztomografen (Odds Ratio: 5,8; Konfidenzintervall (CI): 1,8–18,6; p ≤ 0,001). Bei einem moderaten Alkoholkonsum lag die Wahrscheinlichkeit für einen Schwund im Hippocampus immer noch  bei einer Odds Ratio von 3,4 (1,4–8,1; p = 0,007). Wer hingegen maximal 56 g Ethanol in Form von etwa fünf 0,1-l-Glä­sern Wein/Sekt pro Woche trank, hatte keinen Vorteil gegenüber Nicht-Trinkern.

Alkohol ruft möglicherweise Gehirnschäden schon bei Mengen hervor, die bisher als moderat gelten, warnen die Autoren um Anya Topiwala vom Warneford Hospital in Oxford. Sie fordern daher eine Überprüfung der nationalen Richtlinien zum Alkohol­genuss.

Was versteht man weltweit unter moderatem Alkoholgenuss?

Wie genau sich ein akzeptabler Alkoholkonsum pro Woche definieren lässt, variiert weltweit. In Großbritannien wurden die Richtlinien bereits im vergangenen Jahr überarbeitet: Die Regierung empfiehlt seitdem, nicht mehr als 16 g Alkohol pro Tag zu konsumieren – also 112 g pro Woche. In den USA liegt die Schwellendosis weit höher, bei 28 g pro Tag. Die Fachgesellschaften für Ernährung in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich auf Referenzwerte geeinigt, die für gesunde, nicht schwangere Frauen einen Konsum von 10 g Alkohol pro Tag als akzeptable Menge an Alkohol angeben, bei Männern sind es 20 g. Das wären ein halber Liter Bier pro Tag. Etwas mehr darf es nach Einschätzung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sein. Hier ist von einer „risikoarmen Schwellendosis“ von 12 g Alkohol pro Tag für eine Frau und 24 g für einen Mann die Rede. Frauen wird in fast allen Ländern geraten, deutlich weniger zu konsumieren. © gie/afp/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 8. Juni 2017, 21:37

Kein Alkohol ist auch keine Lösung?

Die Whitehall II Studie begann 1985 in London mit rund 10.000 Beamten und öffentlich Angestellten mit dem Ziel, die Auswirkungen von Stress, Lebensstil und sozioökonomischem Status auf die kardiovaskuläre Gesundheit zu prüfen. Alle fünf Jahre wurde der Alkoholkonsum abgefragt. Zu Beginn der Studie waren die Teilnehmer im Mittel 43 Jahre alt.

Bei der Hirn-Bildgebung war das Studienkollektiv im Durchschnitt rund 30 Jahre älter, also 73 Jahre alt. Doch wie will man festgestellt bzw. ausgeschlossen haben, dass kein einziger der 527 Teilnehmer mit MRT und DTI nicht doch alkoholkrank war? Verglichen mit meinem Patientenkollektiv wäre das statistisch gar nicht möglich!

Immerhin 19% hatten einen als riskant definierten Alkoholkonsum mit m e h r als 168 g (Männer) oder m e h r als 112 g reinem Alkohol pro Woche (Frauen). Sie tranken also auf der nach oben offenen Promille-Skala wöchentlich wesentlich mehr als z.B. acht Flaschen Bier (Männer) bzw. sechs Flaschen Bier (Frauen) und waren damit durchaus als alkoholabhängig einzustufen.

Riskante Trinker waren rund fünffach häufiger Raucher (11,1 versus 2,6%), hatten einen etwas höheren Framingham-Score und einen etwas geringeren sozioökonomischen Status als die übrigen Teilnehmer, aber auch einen geringfügig höheren IQ zum Studienbeginn.

Ein Herunterrechnen von exzessivem Alkohol-Konsum und kardiovaskulären bzw. ZNS-Risiken auf moderate Trinkgewohnheiten und eine ebensolche Gefährdung dadurch, ist pseudowissenschaftlicher Unsinn. Es sei denn, man wolle nicht von einem "break-even-point", sondern von einer linearen Dosis-Wirkungs-Kurve (engl. Linear no-threshold model, abgekürzt LNT) ohne Schwellenwert und somit von einem Schädigungspotential auch bei beliebig niedrigen Alkohol-Dosen ausgehen.

Dafür gibt es aber in der Literatur keine Anhaltspunkte: Leben und totale Abstinenz gefährden ebenso die Gesundheit wie moderater Wein- oder Bierkonsum. Und kein Alkohol ist auch keine Lösung!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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