NewsMedizinAutismus: Hirn-Scan sagt Erkrankung bei Säuglingen voraus
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Autismus: Hirn-Scan sagt Erkrankung bei Säuglingen voraus

Freitag, 9. Juni 2017

Funktionale Verbindungen in einem Gehirn. /RW Emerson et al., Science Translational Medicine 9:392 (2017).

Chapel Hill –/North Carolina. Die Autismus-Spektrum-Störung, die erst im Vorschulalter zu einem auffälligen Verhalten führt, kann mit einer Variante der Magnetresonanztomografie bereis im Alter von sechs Monaten vorhergesagt werden, wie eine Untersuchung in Science Translational Medicine (2017; 9: eaag2882) zeigt.

Hirnforscher vermuten seit längerem, dass Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) eine angeborene Entwicklungsstörung des Gehirns sind. Bisher besteht aber keine Möglich­keit, die Erkrankung frühzeitig zu diagnostizieren. Es gibt weder einen Bluttest, noch zeigt das Gehirn in bildgebenden Verfahren auf den ersten Blick Auffälligkeiten. 

Anzeige

Mit speziellen Computer-Algorithmen ist es US-Forschern jedoch gelungen, subtile Veränderungen zu erspähen. Sie bedienen sich dabei dem relativ neuen Verfahren des maschinellen Lernens, bei denen die Software unter bestimmten Vorgaben eigen­ständig nach Veränderungen sucht, die Kinder mit ASD von gesunden Kindern unterscheidet.

Eine dieser Veränderungen könnte eine ungewöhnlich schnelle Vergrößerung der Hirnoberfläche im ersten Lebensjahr sein, über die das IBIS-Netzwerk (für Infant Brain Imaging Study) im Februar in Nature berichtete. Die Frühdiagnose erforderte allerdings mehrere Magnetresonanztomographien und sie war in einer ersten Studie nicht ganz fehlerfrei.

Eine weitere Untersuchung, die Robert Emerson vom Carolina Institute for Develop­mental Disabilities in Chapel Hill und Mitarbeiter jetzt vorstellen, kommt mit einer einzigen Untersuchung im Alter von sechs Monaten aus. Die Säuglinge wurden dazu schlafend in die Röhre des MRT-Scanners gelegt.

Gemessen wurde dieses Mal nicht die Größe des Gehirns, sondern die Verbindungen zwischen den einzelnen Hirnregionen. Dies geschieht mittels der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie im Ruhezustand (fcMRT). Sie misst spontane Fluktuationen der Hirndurchblutung, zu denen es kommt, wenn das Gehirn keine aktiven Aufgaben löst. Die Veränderungen lassen Rückschlüsse über die Verbindungen zwischen einzelnen Hirnzentren zu.

Die Forscher führten die Untersuchung an 59 Säuglingen im Alter von sechs Monaten durch. Es handelte sich um Geschwister von Kindern mit ASD, die aufgrund der familiären Häufung ein erhöhtes Erkrankungsrisiko hatten. Im Alter von zwei Jahren wurde bei elf der 59 Kinder eine ASD diagnostiziert. 

Zunächst schienen die Ergebnisse der fcMRT keine Hinweise zu geben. Die Forscher übergaben die Daten deshalb einem Computer, der mit einer Software des maschi­nellen Lernens unter den 26.335 Verbindungen zwischen 230 Hirnarealen nach Auffälligkeiten suchte. Das Ergebnis war ein Algorithmus, der neun der elf Diagnosen vorhersagte (Sensitivität 81,8 Prozent; 95-Prozent-Konfidenzintervall 47,8 bis 96,8 Prozent). Bei allen 48 Kindern, die nicht an ASD erkrankten, wurde dies korrekt vorhergesagt (Spezifität 100 Prozent; 90,8-100 Prozent).

Die neue Methode könnte, sofern andere Arbeitsgruppen die Ergebnisse bestätigen, erstmals eine Frühdiagnose des ASD ermöglichen. Mit dem Test wäre die Voraus­setzung für die Suche nach Behandlungen gegeben, die einer ASD vorbeugen oder die späteren Symptome abschwächen könnten. Erst wenn eine solche Therapie gefunden wäre, könnte ein Screening sinnvoll sein.

© rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

6. November 2018
Heidelberg – Autismus tritt 4-mal häufiger bei Jungen als bei Mädchen auf. Wissenschaftler der Abteilung Molekulare Humangenetik des Universitätsklinikums Heidelberg haben dafür nun erstmals eine
Testosteron aktiviert Risikogene für Autismus
10. September 2018
Sacramento/Kalifornien – Sind autistische Störungen zumindest teilweise eine Stoffwechselstörung des Gehirns? US-Forscher beschreiben in Biological Psychiatry (2018; doi:
Metabolom-Studie findet Bluttest für autistische Störungen
17. August 2018
New York – Obwohl der Einsatz von Dichlordiphenyltrichlorethan, bekannter als DDT, in den 1970er-Jahren stark eingeschränkt und später ganz verboten wurde, sind Schwangere auch heute noch mit
Autismus: Studie sieht Verbindung mit verbotenem Insektizid DDT
16. August 2018
Basel/Genf – Ein Hauptmerkmal von Autismus-Spektrum-Störungen ist die beeinträchtigte soziale Kommunikationsfähigkeit. Diese lässt sich vermutlich auf eine Fehlfunktion der Synapsen von Nervenzellen
Autismus: Störungen im Belohnungssystem beeinträchtigen Sozialverhalten
26. Juni 2018
Pasadena/Oslo – Zwei aktuelle Studien führen den Beginn von Autismus und der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf Komplikationen in der Schwangerschaft zurück. Laut einer
Schwangerschaft beeinflusst Autismus und ADHS
4. Juni 2018
Paris – Die französische Regierung will die Versorgung von Menschen mit Autismus verbessern und stellt für die Umsetzung der neuen Autismusstrategie in den nächsten fünf Jahren 344 Millionen Euro
Autismus: Frankreich gibt Millionen für Versorgung aus
10. Mai 2018
Boston – In der Zeitschrift Scientific Reports berichten Wissenschaftler jetzt, dass Elektroenzephalogramme (EEGs), die die elektrische Aktivität des Gehirns messen, eine Autismus-Spektrumstörung
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER