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Medizin

Brustkrebs: Überdiagnosen bei älteren Patientinnen häufiger

Freitag, 9. Juni 2017

©Axel Kock - stock.adobe.com

New Haven – Kleinere Brustkrebstumore haben häufiger günstige Gewebe­eigen­schaften, so dass sie vor allem für ältere Patientinnen zu Lebzeiten nicht zur tödlichen Gefahr werden. Dies ergab eine Untersuchung im New England Journal of Medicine (2017; 376: 2286-91), die Wege zur Vermeidung einer Übertherapie aufzeigen will.

Es gilt mittlerweile als erwiesen, dass viele Brustkrebserkrankungen unbehandelt nicht zum Tode führen, weil die sogenannte Lead Time, das Intervall zwischen Krebsent­stehung und Krebserkrankung, länger ist als die Lebenserwartung der Patientinnen. Der Anteil dieser Überdiagnosen wurde in einer früheren Studie auf 22 Prozent geschätzt. Bisher gibt es keine Möglichkeit, diese relativ gutartigen Tumore von den rasch fortschreiten Krebserkrankungen zu unterscheiden.

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Donald Lannin und Shiyi Wang von der Yale Universität in New Haven vermuten, dass die überdiagnostizierten Tumore am ehesten unter den Mammakarzinomen mit einem Grading G1 in der histologischen Untersuchung (gut differenzierte Zellen) sind, die Rezeptoren für Östrogene oder Progesteron oder beide aufweisen.

Ihre Analyse des US-Krebsregisters zeigt, das diese Eigenschaften bei kleineren Tumoren häufiger sind. Dies trifft vor allem bei älteren Frauen im Mammographie-Screening-Alter zu. Bei Frauen über 40 Jahren mit einem Tumor kleiner als 1 cm betrug der Anteil 38,2 Prozent. Bei jüngeren Patientinnen, die in der Regel nicht am Screening teilnehmen, war der Anteil nur halb so hoch. Lannin und Wang vermuten in dieser Gruppe die meisten Überdiagnosn. Dass Patienten mit diesen prognostisch günstigen T1-Tumoren heute eine Überlebensrate von 97 Prozent haben, ist nach Ansicht der Autoren zu einem großen Teil der Tatsache zu verdanken, dass sie auch unbehandelt nicht zum Tod geführt hätten.

Lannin und Wang wagen eine Berechnung der Lead Time. Grundlage sind drei Schätzungen zum Anteil der Überdiagnosen sowie drei unterschiedliche mathema­tische Modelle. Danach könnte die Lead Time bei prognostisch günstigen T1-Tumoren zwischen 8,9 und 44,5 Jahren betragen. Am wahrscheinlichsten sind nach Ansicht der Autoren 15 bis 20 Jahre. Für Frauen im höheren Alter wäre es dann unwahrscheinlich, dass sie noch am Brustkrebs sterben. Nach Berechnungen der Autoren wäre bei Frühkarzinomen mit günstigen Gewebeeigenschaften vier von fünf 80-Jährigen von einer Überdiagnose betroffen.

T1-Tumore mit den ungünstigsten Prognosefaktoren hätten eine Lead Time von maximal 2 Jahren (nach den ungünstigsten Modell-Annahmen weniger als 0,1 Jahre). Hier besteht die Gefahr, dass Tumore im Intervall zwischen zwei Mammographien entstehen und bei der Diagnose bereits ein Stadium erreicht haben, in dem keine Heilung mehr zu erwarten ist.

Im Einzelfall lasse sich jedoch die Lead Time eines Tumors nicht vorhersagen, räumen die Autoren ein. Sie verweisen auf die aktuelle 8. Auflage des „Cancer Staging Manual“. Das American Joint Committee on Cancer hat dort formalisierte Prognosefaktoren aufgenommen, die der Einteilung der Autoren entspricht.

© rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 11. Juni 2017, 15:23

Überdiagnose - "Overdiagnosis"?

Bei dem Titel "Are Small Breast Cancers Good because They Are Small or Small because They Are Good?" von Donald R. Lannin et al. im NEJM
http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMsr1613680#iid=f02
frage ich mich zunächst, was das mit vom Deutschen Ärzteblatt getitelten "Brustkrebs Überdiagnosen" zu tun haben soll?

Überdiagnosen sind zum einen histologisch überschätzte (Prä-)Cancerosen oder histologische Fehleinschätzungen vermeintlicher Krebsbefunde.

Zum anderen histologisch korrekte Neoplasie-Diagnosen, die aber quoad vitam nicht mehr zum Tragen kommen werden, weil Ko- und Multi-Morbiditäten, sehr hohes Lebensalter oder gar moribunder Zustand j e g l i c h e Arten von Systemerkrankungen irrelevant werden lassen.

Doch welche Hybris steckt eigentlich hinter der Fragestellung, ob "kleine Brustkrebse deshalb gutartig sind, weil sie klein sind oder kleine Brustkrebse bleiben, weil sie gutartig sind"?

Und welche irregeleitete Prophetie steckt hinter der redaktionellen Auffassung des Deutschen Ärzteblattes, dass die Kleinheit und die nur vermeintliche Benignität kleiner pathologischer Brustkrebs-Entitäten k e i n e r klinisch relevanten Pathologien entsprächen, wenn unsere Patientinnen (und sehr wenige Patienten!) nur ein ausreichend fortgeschrittenes Alter erreicht hätten?

Die durchschnittlich ab einem vorgegebenen Alter erreichbare Lebenserwartung wird nicht allein durch die Statistik diktiert, sondern insbesondere durch Diagnostik, Beherrschbarkeit u n d Behandelbarkeit potenziell lebensverkürzender Erkrankungen dominiert.

Das ist die ärztliche Kunst und unser Versorgungauftrag, nicht nur bei geriatrischen Patienten!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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